Hertha BSC – Nürnberg (DFB-Pokal)

Diese „Hertha“ macht Spaß und Angst!

Die Ostkurve feiert ihre “Hertha”

32 Punkte, Tabellendritter – die Champions League lacht

Bericht: Andreas Düllick

Diese „Hertha“ macht mir gerade richtig Spaß, aber auch ein wenig Angst! Zehn Siege, 32 Punkte, 26 Tore, nur 18 Gegentore. Das bringt Hertha BSC auf den dritten Tabellenplatz der 1. Fußball-Bundesliga, was gleichbedeutend ist mit der Qualifikation für die Champions League! Ja, ich weiß, das ist eine Momentaufnahme, abgerechnet wird am Schluss. Im Fußball ist viel möglich, auch das Abrutschen in den Tabellenkeller… Doch was sich in den vergangenen Monaten beim blau-weißen Hauptstadtklub an Positiven getan hat, das verblüfft doch wirklich sehr. Hauptsächlich dafür verantwortlich ist ganz sicher das Trainerteam um Chefcoach Pál Dárdai. Sie haben aus einem verunsicherten Haufen, der verzweifelt gegen den erneuten Abstieg kämpfte, ein eingeschworenes, mutiges und fußballerisch sehr ansprechendes Team gemacht. Zugute kam Dárdai dabei ganz sicher, dass die Neuverpflichtungen des oft glücklosen Managers Michael Preetz so richtig eingeschlagen haben. Vedad Ibišević macht vorn die Tore zusammen mit seinem wieder erstarktem Sturmpartner Salomon Kalou. Vladimír Darida dreht im Hertha-Mittelfeld ganz prächtig auf, ist mit einer durchschnittlichen Laufleistung pro Spiel von fast 13 Kilometern (Absoluter Liga-Bestwert!) das Herz und der Motor der Mannschaft. Mitchel Weiser ist auf der rechten Außenbahn kaum zu bremsen. Und Niklas Stark zeigte in der Not – als nacheinander die etatmäßigen Außenverteidiger Peter Pekarík und Sebastian Langkamp verletzungsbedingt ausfielen, sofort mit ganz starken Leistungen, was für ein großes Talent sich die Berliner da an Land gezogen haben.

Beim Auslaufen nach dem überzeugenden Pokalsieg auswärts beim 1. FC Nürnberg, der übrigens nicht den Hauch einer Chance hatte (!), sprach ich mit Trainer Pál Dárdai, dem „Hertha“-Kapitän Fabian Lustenberger und den Stürmern Vedad Ibišević und Salomon Kalou.

Andreas Düllick: Pal, Deine Mannschaft hat gerade zwei sehr souveräne Siege rausgespielt mit dem 4:0-Auswärtssieg gegen Darmstadt 98 und jetzt mit dem 2:0-Auswärtssige im DFB-Pokal gegen den 1. FC Nürnberg. Habt Ihr gerade eine neue Qualitätsstufe erreicht und macht den nächsten Schritt nach vorn?

Pál Dárdai: Ich hatte schon gesagt, diese Spielweise, dieses Niveau, auf dem wir auch schon gegen Bayer Leverkusen gespielt haben, das müssen wir halten. Für mich war die erste Halbzeit gegen Nürnberg perfekt! Wir haben den Gegner nicht in die Zweikämpfe kommen lassen, weil die Jungs den Ball so gut zirkulieren lassen haben. Da hat das Fußballspielen richtig Spaß gemacht. Das sah auch sehr gut aus. Wir haben das Tempo rausgenommen, dann wieder gut vorbereitet, das sah nach richtig gutem Fußball aus. Ich sage aber auch, es gibt jetzt schon eine gewisse Müdigkeit, deshalb müssen wir alles tun dafür, das Team mental gut hinzukriegen für das letzte Spiel gegen Mainz. Diese letzten drei Punkte wollen wir unbedingt, das sind dann unsere Bonuspunkte. Und dann geht es wieder von vorn los.

John „JayJay“ Brooks hat lange nicht getroffen, jetzt in der Bundesliga und im Pokal. Was hast Du mit ihm gemacht?

Dárdai: Ich nicht. Er ist das. Er muss seine Spannung hoch halten. Ich akzeptiere nicht mehr diesen alten Jay. Er muss das auch im Spielaufbau genauso gut machen wie in den letzten Spielen. Man sieht, wenn er Spannung hat, dann hat er ein Riesenherz und ist ein Diamant für unsere Mannschaft und auch für Hertha BSC. Er darf nie zufrieden sein. Wenn ein Fußballer zu zufrieden ist, dauert das drei, vier Wochen, ihn wieder aufzubauen. Er muss immer wieder beißen und die Spannung hoch halten.

Woher kommt die hohe Konzentration der Mannschaft, die man besonders gut auch in den letzten drei Spielen erkennen konnte?

Dárdai: Wir haben eine sehr harte Vorbereitung gemacht. Und diese körperliche Fitness strahlt darauf aus, was im Kopf passiert. Aber alle Spieler sind jetzt schon ein wenig müde, deshalb ist die körperliche Fitness das Allerwichtigste. Dafür haben sie hart gearbeitet, und jetzt spüren sie, dass das gut war.

Du hast das gerade alles sehr nüchtern erklärt, aber ganz Deutschland staunt gerade über die „Hertha“, staunst Du auch?

Dárdai: Nein! Ich habe immer gesagt, was wir hier machen. Und das ist jetzt der Effekt: Die Jungs haben Handlungsschnelligkeit, die Jungs sind intelligent. Das alles zahlt sich aus. Ich sage nicht, was für ein Wunder! Wir haben das alles Schritt für Schritt aufgebaut. Wir haben mit der Fitness angefangen, wir haben angefangen mit Ballbesitz, wir haben angefangen damit, die Defensive zu stabilisieren. Und jetzt haben wir einen schönen, großen Korb, in dem das alles drin ist. Das man gegen den Ball etwas machen muss, dass man mit dem Ball was machen muss, dass man manchmal Geduld haben muss… Jetzt ist es für uns einfacher. Aber wir sind nicht selbstzufrieden, wenn wir das hochhalten ist das gut, und die Spieler spüren, dass es gut ist, wenn man so spielt. Wenn man zu zufrieden ist, dann wird es schwierig, und das ist dann sehr gefährlich.

Ihr seid jetzt auch bei Standards sehr gefährlich…

Dárdai:  Standards trainieren wir immer wieder. Ich habe vor einem Monat zu meiner Frau gesagt, wenn wir irgendwann das Glück haben, dass wir die Standardtore machen und nicht mehr nur welche kassieren, ist hier die Hölle los. Und jetzt machen wir sie. Und wenn eine Flanke so kommt und Brooks so springt, dann kann man das nicht verteidigen. Jetzt haben wir dieses Glück, aber das haben wir uns erarbeitet.

Worauf wirst Du Dein Augenmerk im Trainingslager legen?

Dárdei: Im Sommer haben wir uns richtig lange vorbereitet, jetzt im Winter ist das eine andere Sache. Im Sommer haben wir viel Zeit gehabt und das gut genutzt. Jetzt haben wir nur ein paar Wochen. Da müssen wir die Form und die Spielphilosophie weiterbringen und auch immer wieder zeigen. Das ist die Basis für Wir haben jetzt etwas, und das dürfen wir nicht loslassen. In Berlin hat man sich jahrelang nach gutem Fußball gesehnt. Wenn das gut aussieht, dann hat mein gutes Gefühl und kann das richtig genießen. Und wenn man so viele schöne Tore hat und Punkte macht, dann entwickelt sich etwas. Wir können die Jungs jetzt nicht kaputt trainieren. Wir müssen das gut steuern und hinkriegen. Da ist der gesamte Trainerstab wieder gefragt.

Fabian, wie schätzt Du die Hinrunde für Euch ein?

Fabian Lustenberger: Mein Fazit fällt sehr positiv aus. Alles andere wäre Quatsch, wenn man sich diese Hinrunde anschaut. Wir wollen das am Sonntag noch krönen mit weiteren Punkten, wollen versuchen, die 30-Punkte-Marke knacken und wenn es geht sogar auf 32 Punkte am Ende kommen. Darauf bereiten wir uns jetzt gut vor, und ich hoffe, dass wir gegen Mainz 05 ein sehr gutes Spiel abliefern werden.

Woher kommt die neue Stärke der „Hertha“?

Lustenberger: Es gibt viele Faktoren. Ich glaube, dass wir eine extrem intensive und anstrengende Vorbereitung gemacht haben. Davon zehren wir jetzt alle kräftemäßig. Und im Fußball ist es so, wenn man Selbstvertrauen hat und gute Resultate abliefert, dass es dann viel einfacher läuft. Bei uns ist das der Fall in den letzten Wochen so und das sind eben beides Gründe dafür, dass es momentan bei uns so ein wenig wie von alleine läuft.

Eure Fans sind hungrig, gerade nach den tollen Spielen und Erfolgen. Ihr steht momentan auf Tabellenplatz 3, das bedeutet Qualifikation für die Champions League…

Lustenberger: Ich sehe das so, wie alle anderen Leute hier bei Hertha BSC auch: Das ist eine wunderschöne Momentaufnahme, es zeigt, dass wir eine tolle Hinrunde gespielt haben, es heißt aber auch, dass wir uns nichts dafür kaufen können, wenn wir nicht auch die nächsten Wochen so weiter arbeiten wie bisher. Wenn wir weiter so Spiele gewinnen, dann können wir im April oder Mai über ein anderes Ziel sprechen. Aber in erster Linie geht es darum, gut Fußball zu spielen, Punkte zu sammeln und unsere Fans ins Boot zu holen. Das alles haben wir bis jetzt geschafft, und das wollen wir in der Rückrunde fortsetzen.

Ein paar Worte zum Trainer Pál Dárdai…

Lustenberger: Tja, was soll ich sagen. Es wurde schon viel über ihn gesagt und geschrieben, ich habe auch schon was zu ihm gesagt. Er macht mit seinem Team, mit Rainer Widmaier, mit Admir, mit dem Torwarttrainer, mit dem Konditionstrainer, mit den Physiotherapeuten einen sehr guten Job. Sowohl das Funktionsteam, als auch das Betreuungsteam drum herum passt. Pal hat sicher einen sehr großen Anteil an unserem Erfolg wie alle anderen auch. Deshalb denke ich, er macht seine Sache gut, wir machen unsere Sache gut, und alles ist in Berlin im Moment sehr, sehr schön.

Woran werdet Ihr im Trainingslager vor der Rückrunde arbeiten?

Lustenberger: Wir werden an den Automatismen weiter feilen. Damit wir noch dominanter werden, dass wir im Ballbesitz noch besser werden und das besser ausspielen. Dann natürlich, daran, dass wir noch mehr Tore schießen, das wäre noch sehr schön. Defensiv stehen wir ganz gut, offensiv können wir noch zulegen. Es gibt genug zu tun. Ich glaube, der Trainer wird auch noch einige Sachen finden, die wir besser machen können. Da vertrauen wir einfach dem Trainerteam, die da immer wieder gute Ansätze finden, um uns als Mannschaft noch besser zu machen.

Salomon, wie fühlst Du Dich nach dem wichtigen Sieg im DFB-Pokal?

Salomon Kalou: Oh ja, das tut wirklich gut. Wir sind in dieser Saison gleich gut in den Pokal gestartet. Jetzt legen wir bald den Fokus auf das Viertelfinale. Aber nun schauen wir erst mal auf das letzte Bundesligaspiel am Sonntag gegen Mainz.

Nach dem momentanen Tabellenplatzt würdet Ihr in der Champions League spielen können, Du kennst Dich damit ja gut aus?!

Kalou: (lacht) Oh Mann, darüber denke ich wirklich noch gar nicht nach! Ich glaube, wir müssen einfach so stark weiter spielen, wie wir das gerade tun. Wenn wir das machen, dann haben wir ganz sicher eine gute Chance, da oben zu bleiben.

Was sagst Du zu Deinem SturmpartnerVedad Ibišević?

Kalou: Er ist ein ganz cleverer Spieler! Wir verstehen uns wirklich sehr gut auf dem Platz. Und das ist gut für uns beide, weil wir gemeinsam viel mehr Torchancen kreieren können.

Vedad, Du hast perfekt mit der Hacke aufgelegt zum 1:0 für Vladimir Darida, ganz schön schlitzohrig…

Vedad Ibišević: Ich möchte das jetzt gar nicht wirklich erklären. Einige Dinge klappen für uns sehr gut gerade. Wir haben alle auch einen Lauf, dann ist man auch selbstbewusst und versucht solche Sachen, und manchmal klappt es.

Wir siehst Du Eure Chancen gegen den Gegner im Pokal-Viertelfinale, Heidenheim?

Ibišević:  Wir haben gute Chancen weiterzukommen in diesem Spiel, was ja auch unser Ziel ist, aber wir müssen auch aufpassen. Wir werden uns auf dieses Spiel deshalb sehr gut vorbereiten, aber das kommt erst in zwei, drei Monaten.

Habt Ihr Euch über dieses Los gefreut?

Ibišević: Ich meine, es ist sicher besser, als gegen Bayern München spielen zu müssen, das ist wohl jedem klar. Daher sind wir natürlich froh, aber Heidenheim wird uns auch nichts schenken. Die wollen auch ins Halbfinale des Pokals.

Einer der härtesten “Hertha”-Fans!

Die Mannschaft löste am letzten Spieltag alles oben Gesagte zu 100 Prozent ein: Sie spielte mit breitester Brust, unheimlich strukturiert, äußerst zielstrebig und verdammt klug. Das Tempo wurde clever variiert, mal ging es mit Volldampf Richtung Mainzer Tor, mal wurde das Tempo rausgenommen und versucht, den sehr defensiv eingestellten Gegner herauszulocken. In der ersten Hälfte hatten die Berliner teilweise 70 Prozent Ballbesitz! Das war ganz toller Fußball auf sehr hohem Niveau, so wie man es sich von einem Tabellendritten der Bundesliga vorstellt. Cool und abgezockt die beiden Tore: Erst brillierte Dauerläufer Vladimír Darida in der Minute nach guter Vorarbeit von Ibišević: Mittels einer simplen Köpertäuschung ließ er seinen Gegenspieler aussteigen und schoss von der Strafraumgrenze flach in die linke Ecke. Keine Abwehrchance für den Mainzer Torwart Karius. Dann zeigte Kalou in der 54. Minute, wie toll er momentan in Form ist und welche spielerische Klasse er hat. Aufgelegt hatte übrigens wieder Ibišević. Der FSV Mainz 05 hatte zu keinem Zeitpunkt eine echte Siegchance. Wie schon gesagt: Diese Hertha macht richtig Spaß, aber auch ein wenig Angst.

Jetzt kann erst mal kurz durchgeschnauft werden. Doch viel Zeit zum Ausruhen bleibt nicht. Trainingsstart ist der 3. Januar. Am 10. Januar geht es in Trainingslager nach Belek (Türkei). Das erste Spiel der Rückrunde bestreitet Hertha BSC am 23. Januar im heimischen Olympiastadion gegen den FC Augsburg.