Botano (Kreta 2)

Eintauchen in eine Welt olfaktorischer Sensationen

Iannis Iannoutsos Paradies der Kräuter auf Kreta

BERICHT & FOTOS: Andreas Düllick

strassenfeger Nr. 25/2014

Botanos Kräuterladen in Kousés ist immer eine Reise wert ©Andreas Düllick

Es ist Ende Oktober. Ich verbringe mit meinem Kollegen und Freund Dieter Puhl, dem Chef der Bahnhofsmission am Zoo, ein paar schöne, erholsame Urlaubstage auf Kreta. Einfach mal ein paar Tage faul am Strand liegen, die warme Sonne genießen, ab und zu ins Meer springen, das ist der Plan. Müßiggang pflegen sozusagen. Das gelingt Arbeitstieren wie Dieter und mir allerdings nur sehr eingeschränkt. Ein wenig Action muss her. Also wird ohne Druck gefachsimpelt, werden Probleme der Arbeit mit Obdachlosen besprochen, Projektideen entwickelt. Und – es werden Ausflüge gemacht, die Dieter, ein alter »Kreta-Hase« immer wieder ganz nebenbei aus der Badehose zieht. In der Regel geht das so: »Du, Andreas, was meinst Du, sollten wir nicht mal…« So schlägt er dann auch die schönste Tagestour des Urlaubs vor: »Lass uns mal nach Kousés fahren, da kenne ich einen ganz tollen Mann, der einen ganz außergewöhnlichen Laden führt!« Wir steigen also in unseren kleinen Leihwagen und machen uns auf die Reise. Kousés ist ein winziges Dorf in der Messara-Ebene auf Kreta. Die Fahrt führt uns durch die grünen Olivenhaine hinauf auf die Hügel und durch enge, sich wie Schlangen windende Gassen zum »Botano«. »Botano« – das steht für das Paradies der Kräuter, in dem ein smarter Heilpflanzenliebhaber und Philosoph seit ein paar Jahren seine »Botano Cretan Mountain Herbs« feilbietet: Iannis Iannoutsos.

Iannis ist ein schöner und stolzer Grieche: Schlank, schwarzhaarig und ausgestattet mit einem typisch kretischen Schnurrbart. Dabei kommt er gar nicht von hier, sondern aus Thessaloniki im Norden Griechenlands. Um Iannis zu treffen, muss man schon ein wenig Glück haben oder Geduld aufbringen. Der »Herr der Kräuter« hat viel zu tun, das Geschäft brummt, und die Kundschaft in aller Welt fragt stetig nach Nachschub an heilenden Kräutern. Deshalb stehen neuerdings of ein paar junge Mädchen im »Botano« und versuchen, selbst die ausgefallensten Kundenwünsche nach ganz bestimmten Kräutern zu erfüllen. So verwundert es uns auch nicht, dass der Meister nicht im Laden ist, als wir dort eintreffen. »Macht nichts«, sagt Dieter, »lass uns erst mal eintauchen in diese Welt olfaktorischer Sensationen. Das geht auch ohne Iannis!«

Iannis Iannoutsos kennt alle Heilpflanzen auf Kreta ©Andreas Düllick

Gesagt getan. Aber leider ist der winzige Laden voll von interessierten Käufern, dass uns die rechte Muße dazu abgeht. Dieter hat wieder eine schlaue Idee: »Wir trinken in Ruhe einen Tee auf der Terrasse von Iannis und schauen einfach ins Land.« Auf einem kleinen Tischen stehen zur Selbstbedienung eine schmucke Kanne Tee und ein paar hübsche Keramikschalen. Wir schenken uns jeder eine Schale des unfassbar aromatischen Bergtees ein, treten raus auf die steinerne Terrasse. Eine alte Holzbank lädt zum Verweilen ein, wir setzen uns und genießen den herrlichen Ausblick. Dieter erzählt mir, dass ein Ausflug zu Iannis Laden ein absolutes Muss für ihn während eines Kreta-Urlaubs ist. »Weißt Du, an dieses unfassbare Aroma, diese herrlichen Düfte, die man in sich aufsaugt, wenn man in den Laden kommt, an diese irren Gerüche erinnere ich mich noch problemlos ein halbes Jahr später in Berlin.« Dann schlürfen wir wieder genüsslich den Tee und schauen ins Tal.

Plötzlich kommt Bewegung in den Laden hinter uns. Ein paar Touristen begrüßen ziemlich beseelt den Chef, der gerade eingetroffen ist. Aufgeregt fragen sie nach diesem und jenem, wollen von Iannis alles über seine wundervollen Kräuter erfahren. An Iannis scheint alle Aufgeregtheit abzuperlen, er ruht absolut in sich und genießt seine Rolle zusehends. Mit sparsamen, präzisen Handbewegungen füllt er aus großen Säcken jede gewünschte Menge an Tee und Kräutern ab, seien es ein paar Gramm oder wie jetzt ein paar Kilogramm. Dazu sagt er gern so Sachen wie: »Nirgends blühen die Kräuter so intensiv wie bei Kousés, wo sie ein paar Wochen später wieder vertrocknet sind, wo sie all ihre Kraft und Konzentration in diese kurze Zeit ihrer Blüte investieren müssen. Deshalb duften sie so, leuchten sie so stark – damit keine Biene an ihnen vorüberfliegt.«

Iannis kennt die Geheimnisse der wilden Kräuter ©Andreas Düllick

Dieter und ich haben uns in der Zwischenzeit hinzu gesellt und beobachten. Ich mache ein paar Fotos, Iannis lässt sich durch das Klicken der Kamera nicht im Geringsten stören. Ich denke mir: »Dieter hat Recht, es ist wirklich unfassbar, was auf einen einströmt, wenn man zum ersten Mal diesen Laden betritt.« Mal ganz abgesehen davon, dass es nicht nur die Gerüche sind, die sich unvergesslich ins Hirn brennen, auch das Interieur ist beeindruckend: Alle Wände sind vollgestellt mit Regalen, die angefüllt sind mit Gläsern und Dosen in denen die herrlichsten, aber auch ganz einfache Heilpflanzen Kretas in getrocknetem Zustand aufbewahrt und präsentiert werden. Ein paar Minuten später habe ich dann Gelegenheit, Iannis ein paar Fragen zu stellen. Ich sage ihm erst mal, dass mir das kleine Häuschen ganz ausgezeichnet gefällt. Bevor Iannis etwas darauf antworten kann, fängt Dieter an zu erzählen: »Das Haus hier war früher ein Kafenion, ein Ort, an dem die alte Männer sitzen, plaudern, Karten spielen, spielen, Raki trinken, über die Unfähigkeit ihrer Politiker schwadronieren. Eine Institution, so wie bei uns in Berlin die Eckkneipen.« Ich frage Iannis, ob die Alten das denn lustig fanden, dass aus ihrem Wirtshaus ein Kräuterladen werden sollte. Er berichtet, dass die Einheimischen schon genörgelt und geschimpft haben sollen, als sie erfuhren, dass ihr Kafenion eine Art Krämerladen oder gar Apotheke werden sollte und ergänzt: »Irgendwie habe ich den Besitzer überzeugen können, mir das Haus zu überlassen. Allerdings musste ich das ziemlich ramponierte Kafenion renovieren.« Dann erfahre ich noch, dass auch die Einheimischen nach und nach ihren Groll gegen Iannis und seinen Kräuterladen ablegten. Denn, so Iannis, irgendwann plagten alle das erste Zipperlein. Sie hätten es aber sehr geschickt angestellt: Zuerst wurde über das Wetter, die Olivenernte, über Politik oder die explodierenden Benzinpreise gesprochen. Und Satz für Satz sei dann jeder von ihnen auf sein kleines Leiden zu sprechen gekommen. Vor allem die Mittelchen gegen männliche Lendenschwäche haben manchen in seinen Laden geführt.

Eine große Tüte Bergtee muss ich immer mit nach Hause bringen ©Andreas Düllick

Nachdem ich nun erfahren habe, wie es begann, will ich alles wissen über die Kräuter im »Botano«. Iannis führt uns an die Regale und erzählt schwärmerisch, dass er allein sieben Sorten verschiedenen kretisches Meersalzes anbietet und fünf unterschiedliche Paprikasorten: »Ich mag besonders die Hotchilli, die ‚heißen’ Chillischoten. Auf Kreta sind sie sehr schwer zu finden, weil sie niemand mag. Ich habe meine eigenen Hotchilli aus Nordgriechenland hier gepflanzt.«

Ich will wissen, was er sonst noch im Angebot hat. »Nach Oregano kann man überall pflücken und Bergtee, Kretabergtee. Es gibt hier viele Pflanzen, die man als Heilpflanzen benutzen kann. Wegen des Bodens und des trockenen Wetters sind sie viel konzentrierter als woanders.« Mich interessieren besonders die Tees von Iannis, über die mir Dieter schon so Einiges berichtet hat. Iannis lässt sich nicht lange bitten: »Alles kommt auf die Mischung an. Heilen, Entspannen oder sich einfach nur wohlzufühlen. In den letzten Jahren haben wir grüne und schwarze Tees mit verschiedenen Geschmacksrichtungen hergestellt. Und wenn du diese Tees magst, kannst du auch von Zeit zu Zeit die Geschmacksrichtung verändern. Es wird dann viel besser als vorher. Ein Mann hier in der Nähe, der kommt aus Belgien, und er mag Früchtetee. Er mischt ihn mit Sprudel«, erzählt Iannis lachend.

Wunderbar duftender und heilender Bergtee ©Andreas Düllick

Was es mit der Heilkraft des griechischen Bergtees auf sich habe, frage ich weiter. Iannis nüchterne Antwort überrascht: »Kräuter können dich nicht heilen. Aber sie können helfen, sich selbst zu heilen. Natürlich sind sie sehr nützlich. Anissamen zum Beispiel. Wenn wir ein Baby mit Bauchschmerzen haben, geben wir ihm einfach einige Anissamen. Sie sind sehr entspannend und erleichternd. Wir können sehr viele Kräuter, Tees oder Gewürze benutzen, sie sind speziell und sie funktionieren. Genauso ist das mit dem wunderbaren Bergtee!«

Woher er denn sein unfassbares Wissen über die Wirkung von Kräutern habe, fragt Dieter nun. Iannis erzählt uns daraufhin von den alten Kräuterweiblein, den schwarz gekleideten kretischen Witwen, die über die Berge ziehen und Kräuter sammeln. Genauso wichtig sei aber etwas anderes gewesen: Informationen zu Kräutern und Heilpflanzen zu finden, ist mein großes Hobby. Von dem Moment an, wenn du etwas wirklich gerne tust, versuchst du Antworten zu finden. Von überall und jedem, es ist wie ein Spiel, wenn du es wirklich gerne tust. Du fängst ein Spiel an, wie in einem riesigen Kindergarten.« Da ist er wieder der kleine, große griechische Philosoph. Natürlich decken sich Dieter und ich uns ordentlich ein mit einigen Köstlichkeiten, bevor wir uns von Iannis verabschieden. Schließlich wollen wir daheim in Berlin, wenn wir eines der kleinen, kostbaren Säckchen aus dem »Botano« in Kousés öffnen, dass uns im kalten Winter dieser berauschende Duft wieder a diesen wunderbaren Ort erinnert.

https://botano.gr/

 

 

 

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