Michael Preetz

„Wir setzen alles daran, in der ersten Bundesliga zu bleiben!“

Michael Preetz, Manager von Hertha BSC

INTERVIEW Andreas Düllick & Christoph Mews / Fotos: Andreas Düllick(strassenfeger 4/5/2010)

„Hertha“-Manager Michael Preetz im strassenfeger-Interview ©Andreas Düllick

Michael Preetz, 42, ist mit 84 Treffern bester Hertha-Torjäger aller Zeiten. Nach dem Ende seiner aktiven Karriere 2003 wechselte er ins Management von Hertha BSC. Im Sommer des vergangenen Jahres übernahm er die Geschäfte seines Vorgängers Dieter Hoeneß. Christoph Mews und Andreas Düllick sprachen mit ihm über die misslungene Hinrunde, den Abstiegskampf, verlorene Talente und soziales Engagement.

Herr Preetz, was bedeutet Hertha BSC für sie persönlich?

Michael Preetz: Hertha BSC ist mein Verein geworden über die Jahre. Ich bin gebürtiger Düsseldorfer, habe meine Kindheit verbracht in Düsseldorf und dann auch die ersten Schritte im Profifußball bei „Fortuna“ gemacht. Über mehrere Stationen bin ich 1996 nach Berlin gekommen und lebe jetzt fast vierzehn Jahre hier. Diese Stadt ist so spannend und faszinierend, dass ich mich dafür entschieden habe, dass sie, wie auch immer es beruflich weiter gehen wird, mein Lebensmittelpunkt bleibt. ‚Hertha’ ist schlichtweg mein Verein, dem ich viel zu verdanken habe, auch weil ich hier meine größten Erfolge gefeiert habe.

Die Fans in der Ostkurve stehen auch in schlechten Zeiten immer hinter ihrer Mannschaft ©Andreas Düllick

Sechs Punkte waren die magere Ausbeute nach der ersten Saisonhälfte. Mit so wenigen Zählern hat es noch nie ein Klub geschafft, die Liga zu halten. Warum soll ausgerechnet „Hertha“ dieses Wunder gelingen?

Michael Preetz: Aus unserer Sicht ist Platz 16 das erste Ziel, das man anpeilen muss. Das heißt, wir müssen es schaffen, zwei Vereine hinter uns zu lassen. Dafür, so glauben wir, müssen wir 25 Punkte in der Rückrunde holen. Das ist ehrgeizig vor dem Hintergrund, dass die Hinrunde so in die Hose gegangen ist, aber sicherlich machbar, wenn man sich vergegenwärtigt, dass diese Mannschaft grundsätzlich Fußball spielen kann. Und das wir eben auch wissen, dass es in der Hinrunde zu weiten Teilen eine Kopfgeschichte bei vielen Spielern war. Jetzt haben wir drei Spiele zu Null gespielt und fünf Punkte geholt. Wir wissen, dass wir in der Lage sind, diese 25 Punkte zu holen. Das wären am Ende 31, ob das reichen wird, das wissen wir heute alle nicht.

Stichwort Fans – in anderen Bundesligavereinen kracht es richtig, wenn der Verein Tabellenletzter ist!?

Michael Preetz: Ich glaube, dass unsere Fans in der Hinrunde ganz schnell ein Gespür für unsere Situation bekommen haben. Wir haben ja angefangen mit dem Heimsieg gegen Hannover, bei dem wir nicht gut gespielt haben, aber effektiv waren. Wir haben dann zwei Auswärtsspiele gehabt, in denen wir gar nicht so schlecht gespielt haben. Dann haben wir gegen eine bessere Bremer Mannschaft hier verloren. Das akzeptiert jeder Fan, wenn du an einem Tag gut spielst, aber der Gegner ist besser. Und dann kam dieser Knackpunkt in Mainz, wo wir eigentlich achtzig Minuten nichts haben anbrennen lassen, 1:0 führen und dieses Spiel trotzdem abgeben. Und dann hat diese totale Verunsicherung eingesetzt bei den Spielern, das haben die Fans auch gemerkt und waren in dieser Zeit, und sind es bis jetzt, eine enorm große Hilfe mit ihrer Unterstützung. Jetzt ist es uns gelungen ein Gefühl zu vermitteln, dass hier etwas Großes gelingen kann, wenn wir es schaffen, uns aus dieser für viele scheinbar ausweglosen Situation zu retten. Und da sind unsere Anhänger dabei. Was in Hannover abgelaufen ist, war beispielhaft. Wir haben immer gesagt, wir brauchen eine Aufbaustimmung, aber die kann nur die Mannschaft initiieren, in dem sie ein gutes Spiel liefert, in dem sie ein Spiel gewinnt wie in Hannover. Dieses Signal war da und jetzt glaube ich auch, dass durch Berlin noch mal ein Ruck gegangen ist. Ich bin mir sicher, dass wir diese Unterstützung bis zum Saisonende haben und auch brauchen werden.

Warum schafft es „Hertha“ nicht, zu jedem Spiel 74.000 Fans ins Olympiastadion zu locken?

Michael Preetz: Wir müssen uns nicht schämen dafür, dass wir im Schnitt 45.000 Zuschauer und mehr haben. Das ist eine ordentliche Zahl, auch in einer Stadt wie Berlin, die dieses wahnsinnige Angebot hat. Dieses Potenzial an Fans müssen wir pflegen, und es muss uns gelingen – und das geht hauptsächlich durch die Leistung auf dem Fußballplatz – neue Fans zu gewinnen. Wenn wir es schaffen, die nötigen Punkte für den Nichtabstieg zu holen und diese Aufbruchstimmung in die Stadt zu transportieren, dann werden wir es schaffen, neue Anhänger zu gewinnen.

Antworten gibt’s von Michael Preetz auch auf die „harten“ Fragen ©Andreas Düllick

Wie konnte es zu diesem Absturz kommen? Haben Sie den Abgang von Leistungsträgern wie Josip Šimunić, Marko Pantelić und Andrij Woronin unterschätzt?

Michael Preetz: Nein. Ich hätte Šimunić gerne behalten, seinen Weggang konnten wir tatsächlich nicht kompensieren. Er war unser Abwehrchef und mit seiner Präsenz, Ruhe, Ausstrahlungskraft und Kopfballstärke die Versicherung für die Mannschaft. Bei Woronin gab es keine Chance, weil er bei Liverpool unter Vertrag stand und wir wegen unserer finanziellen Situation diesen Transfer überhaupt nicht stemmen konnten. Andre war nur zu einem Transfer bereit, nicht zu einem weiteren Ausleihgeschäft. Darüber hinaus war Liverpool im Sommer gar nicht bereit, Woronin abzugeben. Bei Pantelić haben wir lange versucht, mit ihm zu verlängern, doch er hat immer wieder absurde Forderungen gestellt, die wir nicht erfüllen konnten und wollten.

Warum hat „Hertha“ in den letzten beiden Spielen der letzten Saison gegen Schalke 04 und Karlsruhe den unbändigen Willen vermissen lassen und den möglichen Meistertitel und den schon sicher geglaubten Champions-League-Platz verspielt?

Michael Preetz: Wir haben letztes Jahr die gesamte Saison so gespielt, wie in der Partie gegen Schalke 04 auch. Wir sind ja nie eine Mannschaft gewesen, die ihren Gegner überrennen konnte, sondern wir haben immer sehr kontrolliert gespielt, haben auf defensive Stabilität gesetzt und dann mit wenigen Möglichkeiten verstanden, die Spiele für uns zu entscheiden. Und dieses eine Tor ist gegen Schalke nicht gefallen.

Warum haben Woronin und Pantelić nicht von Anfang an zusammen im Sturm gespielt? Arne Friedrich saß nur auf der Ersatzbank. Hat der Trainer in dieser Situation einen Fehler gemacht?

Michael Preetz: Das sind Dinge, die ein Trainer immer entscheiden muss. Er muss aufstellen und auswechseln. Lucien Favre hat entschieden, dass es zu diesem Zeitpunkt die beste Mannschaft war. Steve van Bergen hat Arne Friedrich super vertreten. Woronin und Pantelić haben insgesamt selten zusammengespielt. Natürlich kann man darüber streiten, ob man nicht alles auf den Platz wirft, was man an Potenzial hat. Das gilt für das Schalke-Spiel, vielleicht auch für beide Spiele. Aber es war eine Entscheidung des Trainers, die er vielleicht heute anders treffen würde.

Warum wurde Artur Wichniarek, der schon einmal bei „Hertha“ gescheitert ist, verpflichtet?

Michael Preetz: Verantwortlich dafür sind Lucian Favre und ich. Wir haben diese Entscheidung getroffen vor dem Hintergrund: Was ist für uns finanziell machbar? Favre wollte den Spieler Wichniarek, auch wenn er auf der Pressekonferenz nach seinem Ausscheiden hier etwas anderes hat verlauten lassen. Wir haben das intern kontrovers diskutiert. Artur ist ein guter Stürmer, das war er 2003 und das ist er heute immer noch. Was wir wissen ist, dass irgendwas da ist, warum es mit Arthur und Berlin nicht funktioniert, aber keiner kann das so richtig greifen. Das war das Risiko, da waren wir uns alle darüber im Klaren. Auch Artur selber, denn für ihn war das ja auch ein Risiko. Es ist leider im Fußball so, dass wir heute schlauer sind, und das wir sagen müssen, dass diese Verpflichtung bis zum heutigen Tag nicht aufgegangen ist. Ich glaube trotzdem, auch durch die Neuverpflichtungen, dass Artur in eine Situation kommt, wo er aus diesem ganz großen Druck auch mal raus ist und in der Rückrunde noch wichtig für uns werden kann.

Gibt es einen Notfallplan für einen möglichen Abstieg?

Michael Preetz: Nein, aber es gibt Planungen für die 2. Liga. Die müssen wir machen, weil wir von der DFL natürlich dazu aufgefordert sind. Das hängt ab vom Tabellen- und Punktestand. Insofern haben wir auch in den vergangenen Jahren immer zweigleisig planen müssen. Aber, und das ist mir ganz wichtig, wir konzentrieren uns wirklich mit allem, was wir haben, auf den Klassenerhalt.

„Hertha“ hatte immer talentierte junge Spieler aus dem eigenen Nachwuchs. Davon ist nicht viel übrig. Ein großes Talent wie Jérôme Boateng spielt jetzt in Hamburg und wurde dort Nationalspieler. Warum konnten sich junge Talente nicht bei Hertha durchsetzen, warum stagniert ein Patrick Ebert?

Michael Preetz: Vor drei Jahren wurden wir erstmals mit den Problemen konfrontiert, die die Stadt Berlin beim Heranwachsen von jungen Spielern mit sich bringt. Wir haben darauf reagiert und Sozialpädagogen eingestellt, um die jungen Spieler auch außerhalb des Fußballplatzes weiter zu schulen. Wir wollten aber auch das Authentische, was Berlin hat, mit rüberretten. Das sieht man ja am Ende auch auf dem Fußballplatz. Damals mussten wir die Entscheidung treffen treffen, Kevin Prince Boateng abzugeben. Dadurch konnten wir leider auch Jérôme Boateng nicht halten, mit dem wir sehr gerne verlängert hätten. In diese Zeit fällt auch der Wechsel von Christopher Schorch zu Real Madrid.

Patrick Ebert ist der letzte Spieler, der aus dieser Generation übrig geblieben ist. Ihm muss man zugutehalten, dass er bei allen Spielen, die er schon gemacht hat, noch immer ein junger Spieler ist, der natürlich auch Schwankungen unterlegen ist. Trotzdem war er in der Hinrunde und auch in der letzten Saison Stammspieler. Er wird ganz sicher noch in der Rückrunde für uns wichtig werden. Und wir müssen es schaffen, dass wieder mehr Spieler durch unsere Jugendausbildung laufen und bei der Profimannschaft ankommen. Aber eins wird auch immer so sein: Sie werden nicht alle auf immer und ewig in Berlin bleiben können.

Wären leistungsbezogene Spielergehälter nicht sinnvoller als Millionengagen?

Michael Preetz: Der Markt und die Nachfrage bestimmen die Preise. Auf der anderen Seite ist es aber so, dass wir bei Hertha traditionell versuchen, die Verträge immer leistungsbezogen auszurichten. Das heißt also, dass die Spieler in der schlechten Hinrunde deutlich weniger Geld verdient haben als in der vergangenen Saison, wo sie über Punktprämien extrem viel verdient haben. Bei uns ist das Verhältnis zwischen Fixgehältern und leistungsabhängigen Positionen ungefähr sechzig zu vierzig. Damit verfügen wir schon über ein Regulativ. Und auch über einen Anreiz.

Das Gesicht der Mannschaft hat sich in der Winterpause stark verändert. Sind Florian Kringe, Theofanis Gekas und Lewan Kobiashvili die neuen Hoffnungsträger?

Michael Preetz: Wir mussten im Winter noch einmal alle Anstrengungen unternehmen, um Spieler zu holen, die die Mannschaft verbessern, die aber auch einen frischen Geist reinbringen, weil sie unbelastet von dieser schlechten Hinrunde sind. Dass wir gerade Gekas und Kobiashvili verpflichten konnten, zeigt, dass erfahrene Spieler ebenso wie wir fest daran glauben, dass wir den Klassenerhalt schaffen. Und auch Roman Hubnik und Florian Kringe, den wir nach seiner langen Verletzung ja eigentlich noch als Neuzugang zählen müssen, haben Bundesliga- und internationale Erfahrung. Das war wichtig, weil wir zum ersten Mal eine ganz kurze Winterpause haben und damit nur eine kurze Zeit der Eingewöhnung. Da hilft es natürlich, wenn du die Bundesliga kennst. Alle drei Neuverpflichtungen sind Nationalspieler in ihren Ländern. In den ersten zwei Spielen war zu sehen, dass sie die Mannschaft deutlich verstärken und die anderen Spieler mitziehen.

„Hertha“ spiel auch in der Europa-League. Wie stark ist die Konzentration auf diese Aufgabe?

Michael Preetz: Klare Priorität hat die Bundesliga. Andererseits werden wir auch die Spiele gegen Benfica Lissabon sehr ernst nehmen. Das ist eine andere Mannschaft als die, gegen die wir letztes Jahr hier im Rahmen der Europa-Liga gespielt haben. „Benfica“ hat sich sehr verstärkt und eine tolle Gruppenphase gespielt. Trotzdem glauben wir, dass wir eine Chance haben.

Freuen Sie sich schon auf das erste Derby „Hertha“ gegen Union Berlin?

Michael Preetz: Also, wenn es in der 1. Liga stattfindet, freue ich mich sehr darauf. Berlin ist groß genug für zwei Bundesligisten. „Union“ spielt eine tolle Saison in der 2. Liga. Ob das am Ende zum Aufstieg reicht, kann man im Moment sicherlich noch nicht sagen. Die Chance besteht aber noch.

Dieter Hoeneß, der den Verein in den letzten Jahren durch Höhen und Tiefen geführt hat, wurde auf eine recht unschöne Art verabschiedet. Wer war dafür verantwortlich?

Michael Preetz: Es ist müßig zurückzublicken und zu fragen: Welcher Anteil ist wie groß? Fakt ist, dass der Verein entschieden hat, sich von Dieter Hoeneß zu trennen und diese Zusammenarbeit nicht fortzusetzen, die ohnehin nur noch ein Jahr gegangen wäre.

Wie fällt Ihre bisherige Bilanz als Manager von Hertha BSC aus?

Michael Preetz: Ich hätte es mir natürlich gewünscht, nicht auf eine solche Hinrunde zurückblicken zu müssen. Das hat mir aber auch sieben wahnsinnig intensive Monate beschert. Ich habe in dieser Zeit mehr mitgenommen, als man in drei halbwegs normalen Spielzeiten lernt. Es war schon eine sehr aufreibende Zeit, die wir aber, und davon bin ich überzeugt, noch zu einem guten Ende führen können.

Wie wichtig ist Hertha BSC das soziale Engagement in der Stadt?

Michael Preetz: Ich glaube, dass wir einen großen Auftrag haben. Wir alle, die die Chance haben, im Fußball zu arbeiten, haben aus meiner Sicht die Verpflichtung, auch etwas zurückzugeben von dem, was wir an Positivem auf diesem Weg erfahren haben. Ich habe das über Jahre persönlich immer sehr deutlich gemacht. Deswegen ist mir die starke Ausrichtung und Prägung gegen Rechtsextremismus und natürlich für Kinder wichtig. Hertha BSC ist aber noch mehr. Wir haben ein vielfältiges soziales Engagement, das wir leben, das wir auch deutlich in die Stadt transportiert haben durch die Initiative „Berliner Freunde“.

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