»Kuchen-Uwe« (Kreta 1)

»High sein, frei sein, dabei sein!«

»Kuchen-Uwe« – vom Ruhrpott ins Hippieparadies Matala

INTERVIEW & FOTOS: Andreas Düllick (strassenfeger 23/2014)

»Kuchen-Uwe« ist der Platzhirsch am Kommos-Beach auf Kreta ©Andreas Düllick

»Kuchen-Uwe« ist Baujahr 1955, im Dezember wird er 59. Er kommt aus Moers, sozusagen die andere Seite von Duisburg, wie er sagt. 1971 startete er dort seine Lehre als Starkstromelektriker bei der Ruhrkohle AG. Er malochte dann unter Tage in einer Ruhrpott-Zeche. Dann frei sein und dabei sein. Jahrelang war er unterwegs auf dem Hippie Trail über Kreta, Afghanistan, Indien nach Nepal. Jetzt ist er sozusagen sesshaft geworden im Süden Kretas, nahe der alten Hippiekommune Matala. Am Strand von Kommos verkauft er seit Jahren Kuchen.

Andreas Düliick: Uwe, was hat Dich in den sonnigen Süden Kretas verschlagen?

Kuchen-Uwe: Das war zur Hippiezeit, auf dem Weg nach Asien ist man hier vorbeigekommen. Eine ganz eigene Geschichte ist, wie ich zum ersten Mal herkam. Mit meiner Kriegsdienstverweigerung war ich nicht erfolgreich, musste zur Bundeswehr. Ein Kumpel meinte, lass uns nach Kreta, nach Matala, da fließt Milch und Honig, da können wir in einer Höhle wohnen. Ich habe eine Woche Urlaub genommen und bin sozusagen fahnenflüchtig mit nach Matala.

Wann war das?

Kuchen-Uwe: 1975! Die Höhlen auf der rechten Seite von Matala waren alle besetzt. Ich bin dann auf der linken Seite bei einem Österreicher eingezogen, der hatte eine große Höhle.

Das Hippieparadies Matala auf Kreta (Quelle: SuperFloh, Wikipedia CC BY 2.5)

Wie bist Du hier hergelangt?

Kuchen-Uwe: Wir sind mit einem BMW hier runter, den wollten wir hier verkaufen. Das hat aber nicht geklappt. Stattdessen haben wir dann einen Monat lang Schallplatten verkauft in Diskotheken in Heraklion. Als das Geld langsam alle war, sind wir wieder zurück und ich zur Bundeswehr. Ich hatte Glück, denn zu der Zeit hatte das Militär in Athen geputscht. Ich konnte sagen, dass ich kein Telegramm schicken konnte, und dass die Banken alle geschlossen waren, Benzin konnten wir nicht kaufen. Aber als Bundeswehrangehöriger durfte man damals nicht durch den Ostblock reisen. Da gab es dann gleich mal zwei Wochen verschärften Arrest.

Uwe hat ein sonniges Gemüt und ist die gute Seele am Kommos-Beach ©Andreas Düllick

Wie ging es weiter?

Kuchen-Uwe: Nach dem Bund habe ich malocht, ich war Starkstromelektriker im Bergbau, in einer Zeche im Ruhrpott. 15 Monate unter Tage, Nachtschicht. Dann hatte ich 5.000 Mark zusammengespart. Mit der Kohle bin ich dann rumgetrampt. Eigentlich wollte ich nach Brasilien, bin aber nur bis Marokko gekommen. Wir wollten eigentlich mit dem Schiff vom Senegal aus nach Brasilien, aber die Grenze nach Mauretanien war zu. Und dann dachte ich in Marrakesch: Ach, fährst’e eben nach Indien! Ich bin dann auf dem Weg nach Indien wieder hier in Matala vorbeigekommen. Von hier aus ging es in die Türkei. Und von dort aus fuhren dann Züge ganz billig nach Afghanistan, Indien und Nepal. Ich war dann 15 Monate in Asien. Auf dem Rückweg bin ich dann wieder hier nach Matala zum Entspannen gekommen. Das war 1979, und da fing das schon an, dass die Hippies dort rausgeschmissen wurden wegen Barfußlaufens.

Wegen Barfußlaufens?

Kuchen-Uwe: Ja! Ein paar Jahre später haben sich die Touristen dann oben ohne Zigaretten am Kiosk geholt! Und dann bin ich wieder nach Hause, weil das Geld alle war. Dann habe ich mich zum Elektroniker fortgebildet und sechs Monate bei Siemens in Stuttgart gearbeitet. Da habe ich in der Zeit doppelt so viel Geld verdient wie zuvor in den 15 Monaten unter Tage und bin dann wieder nach Indien für 15 Monate. Das habe ich dann jahrelang so gemacht und bin immer wieder nach Matala. 1986 habe ich dann meine Frau Birgit kennengelernt. Ab 1988 haben wir dann ein Häuschen in Listeros gemietet. Das war damals total billig, fing mit 50 Mark im Monat an, später waren es dann 100. So bin ich dann immer länger hier geblieben.

Das Paradies von Uwe ©Andreas Düllick

Und dann bist dort sesshaft geworden?

Kuchen-Uwe: Ich hatte Schmuck in Asien eingekauft. Birgit ist Schneiderin, die hat Stoffe dort gekauft und Klamotten genäht. Die Sachen haben auf Flohmärkten verkauft. 1992, als man hier als Ausländer Immobilien kaufen konnte, habe ich dann ein Haus in Listeros gekauft, richtig mit Notar und Katasteramt. Aber bis dahin jedes Jahr Indien, Goa, Sri Lanka.

Was war das für ein Haus?

Kuchen-Uwe: Eine echte Ruine! Wir haben es dann landestypisch wieder hergerichtet mit kleinen Fenstern und dicken Natursteinmauern. Das Dach war kaputt, es gab keinen Strom, kein Wasser. Aber ich bin ja Elektriker, habe das alles selbst repariert. Wir haben dann auch ein neues Flachdach gegossen, auch alte Balken zusammengesucht, heute kriegst’e die zu kaufen. Mit dem Werkzeug war es schwierig, ich musste selbst die Bohrmaschine aus Deutschland mitbringen. Auch Lichtschalter und Steckdosen.

Mittlerweile bist Du als »Kuchen-Uwe« vom Kommos-Beach schon fast berühmt?

Kuchen-Uwe: Das habe ich mir in Asien abgeschaut. An den Stränden in Goa kommen die Frauen vorbei und verkaufen ja auch Früchte und Kekse und Zigaretten. Wenn du jemandem einen Ohrring, ein Fußkettchen ein Herrenhemd oder eine Damenbluse verkauft hast, dann kauft der ja nicht am nächsten Tag wieder was. Weil ich aus den Jahren des Schmuckverkaufens im »Café Neon« in Pitsidia ja jede Menge Leute kannte, die auch immer hier am Kommos-Beach im Schatten der Tamarisken abhingen, dachte ich, backen wir mal einen Apfelkuchen und probieren mal, den am Strand zu verkaufen. Das war 1998 und kam richtig gut an! Es waren acht Stückchen Apfelkuchen, die habe ich innerhalb von ein paar Minuten verkauft. Jetzt habe ich eine Menge Stammkunden, ich denke, es sind mehr als tausend im Jahr!

»Kuchen-Uwe« ist eine Berühmtheit und Inventar am Kommos-Beach ©Andreas Düllick

Backst Du die Kuchen selbst? Und welcher geht am besten?

Kuchen-Uwe: Nein, Birgit backt. Ich bin zuständig für die Äpfel, entkerne die Pflaumen und mache Zuarbeiten. Den besten Kuchen gibt es nicht, der eine isst am liebsten Apfelkuchen, der andere Pflaume, der nächste Käsekuchen. Schoko-Nuss mit Kirsch geht auch super gut!

Und jetzt ist es Dein richtig fester Job?

Kuchen-Uwe: Ich mache das, wenn ich hier auf Kreta bin, jeden Tag, allerdings nur vier Monate im Jahr. Ich stehe sogar im Reiseführer! Jetzt bin ich auch bei schlechtem Wetter unterwegs. Hauptsaison ist im Oktober, wenn in Nordrhein-Westfalen Herbstferien sind. Dann verkaufe ich bis zu sechs Kuchen am Tag. Im Sommer sind eher wenig Touristen da, hauptsächlich junge Griechen, die hier campen. Die Osterferien und die Pfingstfeiertage sind auch eine gute Zeit, da gehen so drei Kuchen am Tag weg.

Wehe, wenn Uwe einmal nicht am Start ist… ©Andreas Düllick

Hast Du Konkurrenz?

Kuchen-Uwe: Nee, da läuft keiner gern kilometerweit den Strand entlang, um was zu verkaufen. Das ist richtig Arbeit, hier den Strand hoch und runter zu laufen mit dem Gewicht. Einmal hat ein Grieche versucht, Doughnuts zu verkaufen, aber der saß lieber unter einer Tamariske und wartete darauf, dass jemand zu ihm kam. So läuft das aber nicht. Wenn ich hier an meinem Basislager sitzen würde, da würde ich vielleicht auch nur einen Kuchen verkaufen. Die Leute lassen sich gern bedienen am Strand.

So lecker! ©Andreas Düllick

Es ist also richtig Arbeit?!

Kuchen-Uwe: Ja! Ich habe mir mal ein Karpaltunnelsyndrom zugezogen und musste mich vom Arzt behandeln lassen. Ich hatte den schweren Kuchenbehälter wie ein Kellner ein Tablett in der Hand durch die Gegend getragen. Ich musste ständig von einer Hand zur anderen wechseln. Meine Frau hat mir dann spezielle Taschen genäht mit verstärkten Henkeln und gepolstertem Schultertragegurt.

Ich habe gehört, dass Du hier auch als DJ gejobbt hast?

Kuchen-Uwe: Ja, das war in der »Traumfabrik« in Pitsidias. Ich habe mir immer Playlists tanzbarer Musik vorher erstellt Oldies, die damals so angesagt waren wie »Birth Control«. mit »Gamma Ray«. Das hat die Leute richtig mitgerissen. Mit meiner Birgit habe ich die Liste vorher zuhause durchgetanzt, damit die Übergänge auch stimmen. In Goa habe ich auch die Anfänge des Techno und des Goa-Trance mitgemacht. »Goa Gil« habe ich dort kennengelernt. 1975 auf der ersten Fullmoonparty hat »Goa Gil« selbst noch Gitarre gespielt! Am Anjuna-Beach hatten die dann noch Kassettenrekorder mit Tapes, da hat er aufgelegt. Er kam mit einem LKW mit Riesenlautsprechern, da habe ich noch geholfen, die Boxen zum Strand zu tragen. Und dann kamen auf einmal tausend Hippies, die du vorher gar nicht bemerkt hast zum Strand, um zu tanzen. Was für eine Zeit!

Aus seinem Paradies will Uwe nie mehr weg! ©Andreas Düllick

Wie lange willst Du hier noch bleiben, für immer?

Kuchen-Uwe: Ich bin jetzt 59, ich denke mal, dass ich hier noch ein paar Jährchen weitermachen kann. Solange die Knochen das noch mitmachen, hier durch den Sand zu laufen.

Wovon träumst Du?

Wenn ich hier so in der Sonne sitze und hier den ganzen Tag am Strand lang laufe, bin ich eigentlich schon gut zufrieden. Wenn man vorher unter Tage im Bergbau malocht hat, nur mit einer Grubenlampe auf dem Kopf und immer schön dreckig und schwarz war, ist das hier in der Sonne schon eine tolle Sache oder!?

Link:

https://www.youtube.com/watch?v=Yo7aueHBtOc

5 Antworten auf „»Kuchen-Uwe« (Kreta 1)“

  1. Lieber Uwe hier schreibt Harald.Ich bräuchte dein E-mail Adresse um Kontakt zu dir aufzunehmen.Deine Mutter gab mir deine Telefon nummer aber ich erreiche dich nie. Bis dann Harald

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