Flüchtlingsheim Allende-Viertel II

»Wir sehnen uns nach Ruhe«

Zu Besuch im Asylbewerberheim im Allende-Viertel II

BERICHT, INTERVIEW & FOTOS: Andreas Düllick

(strassenfeger 3/2015)

Das neue Flüchtlingswohnheim in Köpenick ©Andreas Düllick

Ich gebe zu: Man ist schon ein wenig erschrocken, wenn man zum ersten Mal vor diesem Asylbewerberheim in der Alfred-Randt-Straße im Köpenicker Allende-Viertel II steht. Das hat weniger mit dem Objekt selbst zu tun, das Containerdorf sieht freundlich, farbenfroh und durchaus einladend aus. Nein, es ist die Auswahl des Platzes für das Flüchtlingsheim. Es steht wirklich in unmittelbarer Nachbarschaft zu Wohnblocks, Schulgebäuden und einem Jugendfreizeitklub. Der erste Gedanke ist: Kann das gut gehen oder provoziert das Konflikte mit den Anwohnern im Kiez?

Liest man sich die Presseberichte zum Heim durch, stößt man schnell darauf, dass anfangs nicht alles so lief, wie es wünschenswert gewesen wäre. Beklagt wird vor allem schlechter Politikstil. Und ja, auch in Köpenick gibt es Vorbehalte gegenüber Ausländern. Auch Oliver Igel (SPD), Bürgermeister von Treptow-Köpenick, meldete sich zu Wort. Er bemängelte vor allem die schlechte Kommunikation: »Den Standort nur über die Presse bekannt zu geben, reicht nicht aus, um für Akzeptanz für die Menschen zu sorgen, die zu uns kommen.«

Schwierig ist für Igel auch, dass es im Allende-Viertel I schon ein Flüchtlingsheim mit 300 Menschen gibt. Mit den 380 Menschen im neuen Heim habe man dann im Allende-Kiez rund die Hälfte aller 1.450 Flüchtlinge, die im Bezirk untergebracht sind. Igel hält für unverträglich und versteht, »wenn die Wut hoch kocht über diese Ungerechtigkeit«. Es sei sehr schwierig, in dieser emotionalen Situation eine Willkommenskultur zu entwickeln. Das führte dazu, dass Anwohner gegen die Eröffnung des Heimes demonstriert und geklagt haben. Das Berliner Verwaltungsgericht lehnte diese Klage aber ab. Demonstriert wird noch immer, aber nur noch ein paar Leute kommen.

Warum wurde gerade hier im dicht besiedelten Allendeviertel ein zweites Flüchtlingsheim gebaut? Der zuständige Sozialsenator Mario Czaja (CDU) begründete das gegenüber der Presse so: Das Grundstück sei im Besitz der öffentlichen Hand und also verfügbar gewesen, außerdem stimme die Infrastruktur. Es fahre ein Bus, es gebe Geschäfte und eine Kita. Und erstmals schaffe die Stadt eigene Unterkünfte für Flüchtlinge und sei nicht mehr auf Hostels angewiesen, die bis zu 50 Euro pro Asylbewerber und Tag verlangen.

Die Standards in der Alfred-Randt-Straße sind gut: Jedes Zimmer ist 15 Quadratmeter groß, ausgestattet mit je zwei Betten. Es gibt zwei kleine Kleiderschränke, einen Tisch, zwei Stuhle und einen Kühlschrank. Familien leben in zwei Zimmern, die mit einer Tür verbunden sind. Pro Etage gibt es – jeweils für Frauen und Männer – zwei Toiletten mit je vier Kabinen und zwei Waschbecken und Duschräume mit vier Duschkabinen und vier Waschbecken. Auch ein Waschmaschinenraum ist, dort stehen zehn Waschmaschinen und zehn Trockner. Die Kuchen auf den Etagen sind mit ausreichend Elektroherde und Spulen ausgestattet. Nicht zu vergessen: Auf dem Freigelände wird auch noch ein Spielplatz eingerichtet. Mittlerweile ist die Hilfsbereitschaft, das ehrenamtliche Engagement für die Menschen, die dort untergebracht sind, viel größer als die Kritik. Am 2. Februar gab es dort einen Tag der offenen Tür, um den Dialog mit den Anwohnern zu suchen. Viele Menschen kamen, viele Fragen wurden gestellt, viele Vorbehalte ausgeräumt. Andreas Düllick war bereits am Vormittag vor Ort, um sich das Heim anzuschauen und mit dem Leiter der Einrichtung, Peter Hermanns vom Internationalen Bund (IB), zu sprechen.

Peter Herrmanns vom Internationalen Bund leitet das neue Heim ©Andreas Düllick

Andreas Düllick: Warum bist Du Leiter dieser Einrichtung geworden, es ist ja sicher eines der schwierigsten sozialen Projekte in der Stadt…

Peter Hermanns: Ja, das stimmt. Aber genau das ist ja: Das Spannende, diese Herausforderung, genau so eine Einrichtung aufzubauen mit einem neuen Team, sozusagen eine Art Pilotprojekt, das es in Berlin so noch nicht gibt. Und auch in einem Bereich zu arbeiten, in dem ich bislang noch nicht tätig war, das ist schon neu für mich. Aber ich mache so etwas sehr gern.

Wie ist denn der aktuelle Stand der Belegung?

Peter Hermanns: Wir haben am 27. Dezember die ersten 30 Menschen hier aufgenommen. Dann kamen zwei Tage später noch einmal 20 Menschen. Seitdem gibt es Nachbesserungen am Objekt, was bei so einem Neubau ja auch nicht ungewöhnlich ist. Seit letzter Woche Donnerstag ist alles bauseitig freigegeben. Wobei man sagen muss, dass es immer noch bauliche Veränderungen geben wird, die auf unsere Intention hin vorgenommen werden. Wir werden an den Toiletten und Kuchen noch was verändern. Stand heute könnten wir 330 Menschen bei uns aufnehmen. Heute haben wir 110 Flüchtlinge untergebracht, im Laufe der Woche werden noch mal ca. 200 zu uns kommen. Dieses Flüchtlingsheim ist das erste seiner Art in Berlin. Aus hunderten Containern entstanden zwei dreistöckige Häuser.

Manche Kritiker sagen: Diese Art der Unterbringung von Flüchtlingen ist menschenunwürdig…

Peter Hermanns: Das muss man differenzieren: A – sagen wir gar nicht Container, sondern Zimmer in modularer Bauweise. Und die sind natürlich nicht menschenunwürdig. Unsere ganze Einrichtung bietet alles das, was ein Haus aus Stein auch bietet. Was ich schwierig finde ist, es ist natürlich sehr stigmatisierend. Denn es ist ja ein Gebäude, das sich deutlich von den anderen im Umfeld abhebt. Das Objekt befindet sich auf einer Brachfläche mit Baumbestand, und alle im Kiez schauen von oben darauf herunter, das finde ich nicht gut. Deshalb wurde ich generell auch sagen, dass Steinhäuser besser sind als Container. B – aber Container sind besser als Turnhallen. Oder besser als gar kein Dach über dem Kopf zu haben. Man muss da also vorsichtig sein. Fakt ist, das Land Berlin stand und steht unter einem immensen Druck. Die Diskussion, ob dieser Druck hätte vermieden werden können, ist müßig. Der Druck war da, man musste handeln, es mussten Plätze geschaffen werden. Das wurde gemacht und jetzt schauen wir nach vorn.

Es gab von Anfang an ordentlich Gegenwind und Kritik, insbesondere was den Umgang mit den hier lebenden Anwohnern angeht…

Peter Hermanns: Richtig! Wir hatten im Vorfeld mit massiven Protesten zu tun. Wir haben nach wie vor einmal in der Woche eine Demonstration gegen das Heim, so eine Art Mahnwache/Lichterkette, da kommen jetzt noch so zehn bis 20 Leute. Der Protest hat also abgenommen, trotzdem gibt es Anwohner, die Ängste und Befürchtungen haben. Die teile ich nicht unbedingt. Aber ich rede mit diesen Menschen und versuche, ihnen diese Ängste zu nehmen. Das ist ja heute auch der Sinn des Tags der offenen Tür hier bei uns. Dass die Anwohner sehen können, wie so eine Einrichtung von innen aussieht, wie die Menschen hier leben, was wir für sie tun. Ich glaube, das schafft Vertrauen. Aber es wird auch immer einige Menschen geben, die wir nicht erreichen können, die rassistische Vorurteile haben, und die kommen hier auch nicht rein.

Es gibt mittlerweile aber viel mehr Unterstützer, als Gegner.

Peter Hermanns: Es hat sich eine Bürgerinitiative gebildet, »Allende II hilft«, die sensationell arbeitet und uns bei so vielen Dingen unterstützt und Arbeit abnimmt! Die koordinieren unsere Ehrenamtler, die aktivieren Spenden, die geben die Spenden aus, und wir haben viele Spenden bekommen, sind täglich hier vor Ort und leisten eine unglaubliche Arbeit. Dazu kommen die Schulen, die uns unterstützen, Fußballvereine wie der Köpenicker SC und der 1. FC Union Berlin, mit denen wir auch gemeinsam Projekte machen. Wir haben die Seniorenheime, die im Dezember für die Begrüßung unserer ersten Gäste Plätzchen gebacken haben. Es gibt also eine ganze Menge Unterstützung und es ist die absolute Mehrheit der Menschen hier im Kiez.

Die Menschen wollen vor allem eins: Ruhe. ©Andreas Düllick

Woher kommen Eure Gäste?

Peter Hermanns: Das ist unterschiedlich, die meisten kommen aus Bürgerkriegsgebieten Irak, Syrien, Afghanistan, dann aus Pakistan, aus Osteuropa und auch aus Vietnam.

Was brauchen die Menschen, die hierher kommen, wonach sehnen sie sich?

Peter Hermanns: Das Erste und Wichtigste, was die Menschen wollen, wenn sie hier ankommen, ist Ruhe. Die meisten unserer Gäste kommen ja aus der Erstaufnahmeeinrichtung in der Motardstraße, die sehnen sich nach Privatsphäre und Ruhe. Die meisten kommen hier richtig müde an und schlafen sich erst mal richtig aus. Nach ein paar Tagen merkt man dann, die Menschen wollen etwas tun, wollen arbeiten. Sie halten es kaum aus, untätig in ihren Zimmern zu sitzen. Deshalb versuchen wir schrittweise gemeinnützige Arbeit zu organisieren. Die Kinder gehen in die Schule, für die kleineren Kinder schaffen wir hier Angebote, die Frauen versuchen wir hier in den Betrieb der Einrichtung mit einzubinden. Das geht alles nicht von heute auf morgen, aber diese Menschen wollen Beschäftigung, die wollen etwas tun.

Wie läuft ein Betreuungstag bei Euch ab?

Peter Hermanns: Es gibt da noch keine Routine, weil wir ja erst seit fünf Wochen geöffnet haben. Die Ersten, die morgens aufstehen müssen, sind die Kinder, die in die Schule müssen. Das ist ein Drittel der Bewohner. Die anderen haben Termine bei den Behörden, bei Ärzten etc… Wir beraten sie dabei, schauen, welche Wege sie gehen müssen, helfen bei den Antragstellungen auf Asylbewerberleistungen.

Die Männer arbeiten zum Teil schon bei uns, unterstützen unsere Hausmeister. Inzwischen haben wir am Nachmittag auch einige Angebote im Haus, z.B. Kochen und Sport – Fußball, Volleyball und Leichtathletik. Und in Kürze wird es auch Deutsch-Kurse geben. Das ist ganz wichtig, wobei viele der Bewohner auch schon gut Deutsch sprechen.

Wie viel Personal habt Ihr?

Peter Hermanns: Wir haben derzeit 13 Mitarbeiter, davon sind sechs Sozialarbeiter, dann Erzieher, Verwaltungsmitarbeiter und Hausmeister. Dazu kommt noch ein Sicherheitsdienst, der rund um die Uhr arbeitet.

Wie hoch sind die Kosten für diese Einrichtung?

Peter Hermanns: Die Kosten für das Grundstück und die Anschaffung und den Aufbau der Container musste die Senatsverwaltung für Soziales genau beziffern können. Alles, was die Ausstattung betrifft, fließt in den Tagessatz ein. Wir konnten pro Person einmalig ca. 500 Euro für Investitionen ausgeben können, das ist nicht besonders viel, weil darin auch alle gemeinschaftlichen Dinge wie Kühlschränke, Waschmaschinen, Kinderspielzimmer, Aufenthaltsräume und Büros. Die Tagessätze, die wir letztlich bei voller Belegung benötigen, sind noch nicht verhandelt worden.

Anwohner haben Angst vor steigender Kriminalität, ist die berechtigt?

Peter Hermanns: Klares Nein! Laut Statistik steigt die Kriminalitätsrate dort, wo es Flüchtlingswohnheime gibt, überhaupt nicht. Die Polizei schaut da schon sehr genau hin.

Eine der Betreuer*innen – sie freut sich vor allem auf die Arbeit mit den Kindern©Andreas Düllick

Wie geht Ihr hier mit Schutz vor Krankheiten um?

Peter Hermanns: Alle Menschen, die zu uns kommen, haben vorher schon eine verpflichtende TBC-Untersuchung gehabt. Sie sind alle auch in der medizinischen Versorgung angebunden, das wollen sie ja auch selbst. Wenn es irgendeinen Verdacht auf eine Erkrankung geben würde, dann würden wir bzw. die Ärzte sofort handeln. Wenn es z. B. die Notwendigkeit gäbe, jemanden in Quarantäne zu schicken, dann wird das sofort gemacht. So einen Fall hatten wir aber noch nicht. Unsere Bewohner sind alle untersucht und sind gesund. Es gibt hier auch einen medizinischen Behandlungsraum, aber einen ständig anwesenden Arzt werden wir hier nicht haben.

Was sagst Du zu der immer wieder präsenten Diskussion: »Für Flüchtlinge wird alles getan, für Obdachlose viel zu wenig«? Wir bei mob e.V./strassenfeger sagen immer: »Flüchtlinge sind schon per se auch Obdachlose!«

Peter Hermanns: Flüchtlinge sind erst einmal die Obdachlosen mit noch schlechteren Standards, die unter noch schlechteren Bedingungen leben müssen! Man darf diese beiden Gruppen niemals gegeneinander ausspielen. Stattdessen muss die Diskussion in Deutschland geführt werden zum Missverhältnis zwischen Armut und Reichtum, aber nicht über zwei Gruppen von Menschen, die beide extrem arm sind. Ich komme ja aus der Wohnungslosenhilfe und weiß, wie niedrig die Standards sind. Aber man muss feststellen, z. B. die Raumstandards in Flüchtlingseinrichtungen sind bedeutend niedriger als in Wohnungsloseneinrichtungen. Die Flüchtlinge haben auch erst mal nicht den vollen Hilfesatz, den obdachlose Menschen erhalten. Flüchtlinge haben also kein besseres Leben als Obdachlose, sondern ein noch schlechteres.

Peter Herrmanns hat immer ein offenes Ohr für die Sorgen und Nöte seiner Bewohner*innen ©Andreas Düllick

Was wünscht Du Dir von der Politik speziell für diese Einrichtung, aber auch generell?

Peter Hermanns: Generell wünsche ich mir vorausschauendes Denken. Wir dürfen nicht mehr in die Situation kommen, auf Teufel komm raus in einem irren Tempo mehrere Einrichtungen in modularer Bauweise aufzubauen. Stattdessen müssen Liegenschaften, die es ja durchaus gibt, genutzt werden. Wir wissen doch, dass die Flüchtlingsströme nicht abreißen werden. Nächstes Jahr brauchen wir auch wieder neue Einrichtungen, das gilt sowohl für Flüchtlinge als auch für Wohnungslose. Konkret für diese Einrichtung wünsche ich mir die gleiche Unterstützung, die wir auch jetzt schon bekommen haben von der Politik, vom Bezirk. Die müssen im Übrigen den Menschen vor Ort auch ihre Politik erklären, wir, der Internationale Bund, sind der Betreiber. Wir können den Menschen nur sagen, was wir konkret machen. Wir können aber nicht erklären, warum etwas wie gelaufen ist.

Die Menschen können ja nicht für immer hier bleiben. Wie sollte ihre Perspektive aussehen?

Peter Hermanns: Die Menschen müssen perspektivisch eigene Wohnungen haben. Egal, ob Flüchtlinge oder wohnungslose Menschen. Einrichtungen wie die unsrige heißen ja nicht umsonst Übergangseinrichtungen, und das sollte man auch ernst nehmen.

Ich wünsche Dir und Deinen Mitarbeiter*innen hier viel Erfolg und Kraft für Eure wichtige Arbeit für die Menschen in Not!

Link:

Videos:

https://www.youtube.com/watch?v=b3YlsG4IngY&spfreload=10

https://www.youtube.com/watch?v=suA4R4EMxc4

 

 

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