Michael Jahn – Sportjournalist

Ha, Ho, He – Hertha BSC!

Michael Jahn – Beruf Sportjournalist

INTERVIEW & FOTOS: Andreas Dü̈llick

Michael Jahn hat “Hertha” im Blut ©Andreas Düllick

Rund 330 Bundesligaspiele, 54 Europacup-Duelle, 33 Trainingslager und sechs Bücher über den Hauptstadtklub illustrieren seine ganz besondere Passion für die »Alte Dame«. »Bei Pressekonferenzen von Hertha BSC sitzt er immer auf demselben Platz. Erste Reihe, zweiter Stuhl von rechts, freie Sicht auf das Podium.« So kann man es nachlesen in einem Bericht des Berliner Erstligisten anlässlich der Verabschiedung des Sportjournalisten Michael Jahn 2014 in den sogenannten Unruhestand.

Jahn, Jahrgang 1952, arbeitet seit 1985 als Sportreporter der Berliner Zeitung, für die er auch von 14 Welt- und Europameisterschaften berichtete. Seinen Job hat er immer mit enormer Sachkenntnis und sehr viel Herzblut gemacht. Er ist einer der profundesten Kenner der Berliner Fußballszene. Seine ganz besondere Leidenschaft ist seit vielen Jahren Hertha BSC. Woche für Woche war er aufmerksamer Beobachter der Trainingseinheiten der Berliner auf dem Schenckendorffplatz. An den Spieltagen berichtete er an unzähligen Wochenenden aus allen Bundesligastadien des Landes über die Spiele von Hertha, am liebsten allerdings über die Spiele im heimischen Olympiastadion.

Er hat unzählige Trainingslager besucht, alle Höhen und Tiefen des Vereins hautnah begleitet. Er hat viele Spieler und Trainer kommen und gehen sehen. Seit dem Sommer vorigen Jahres schreibt Jahn jeden Mittwoch eine Kolumne auf www.berliner-zeitung.de/Hertha mit dem Titel »Ha-Ho-He«. Gerade hat er zwei neue Bücher über den Hauptstadt-Klub veröffentlicht – »Alles Hertha!« und »Das große Hertha-Buch«. Andreas Düllick sprach mit dem engagierten Sportjournalisten.

Andreas Düllick: Der Fußballverein Hertha BSC hat Dein berufliches Leben ganz entscheidend geprägt, warum hast Du Dich gerade auf diesen Verein fokussiert?

Michael Jahn: Das brachten die Veränderungen nach dem Fall der Mauer 1989 mit sich. Ab Mitte der 80er Jahre habe ich in der Berliner Zeitung vor allem über den 1. FC Union Berlin berichtet. Als Hertha BSC 1990 in die Erste Bundesliga zurückkehrte, intensivierten wir natürlich die Berichterstattung über diesen Klub, der für uns im Osten Berlins Neuland war. Vor 1989 haben wir in der »Berliner« ja lediglich die Bundesliga-Tabelle abgedruckt. Die Erste Bundesliga – das war natürlich attraktiv und auch aufregend für einen jungen Reporter.

Michael Jahn mal auf der anderen Seite ©Andreas Düllick

Wie hältst Du es mit dem 1. FC Union?

Michael Jahn:  Ich habe viele Jahre über Union berichtet, was mir viel Spaß bereitet hat. Ich kannte einst beinahe jeden Stein an der „Alten Försterei“. Einige Zeit habe ich dann parallel über Union und Hertha berichtet. Das ging aber später nicht mehr, da der Aufwand, einen wichtigen Fußballverein journalistisch zu begleiten, immer größer wurde. Ich habe mich dann auf den Erstligisten Hertha konzentriert. Einige Jahre später bekam ich vom Verlag Die Werkstatt in Göttingen das Angebot, ein Buch über Hertha zu schreiben. Ich habe dann sehr viel recherchiert, die gesamte Geschichte dieses Traditionsklubs aufgearbeitet, unzählige Interviews geführt. In dieser Zeit habe ich sehr viele wichtige Leute des Vereins, von früher bis heute, kennen gelernt. So ist meine Affinität zu „Hertha“ zu erklären

Warum bist Du Sportjournalist geworden?

Michael Jahn: Ich stamme aus Thüringen und bin als Junge mit meinem sportverrückten Vater viel zu Fußballspielen gefahren – oft zu den Oberligaduellen des FC Carl Zeiss Jena oder zu Spielen der DDR-Nationalmannschaft. Danach habe ich immer kleine Berichte über meine Erlebnisse geschrieben. Schon als Schüler wollte ich dann Sportjournalist werden und habe viel dafür getan, dass mein Wunsch auch Wirklichkeit wurde. Ich wollte hautnah bei den Ereignissen dabei sein und mich mitteilen.

Worauf sollte man achten, wenn man ein guter bzw. sehr guter Sportjournalist sein will?

Michael Jahn: Man muss versuchen, stets objektiv zu bleiben. Man sollte fair mit den Sportlern, mit seinen Gesprächspartnern umgehen. Und man muss nach Hintergrundinformationen suchen, vieles hinterfragen, sich ein großes Netzwerk aufbauen, um schnell an zuverlässige Informationen zu kommen.

Als Sportreporter, der den Redaktionsschluss beachten muss, steht man ziemlich unter Druck…

Michael Jahn: Ja, das war nervlich oft eine große Anspannung. Man muss halt zu bestimmten Stoßzeiten, in denen alles sehr schnell gehen muss, sehr konzentriert arbeiten können. Die Texte bei Spielen mussten meist mit dem Schlusspfiff fertig sein und aus dem Stadion gesendet werden. Oder man hatte bei Innendienst in der Redaktion oft nur fünf Minuten Zeit, um andere Texte zu bearbeiten, denen eine Überschrift zu geben, Fotos herauszusuchen und den gesamten Artikel pünktlich abzumelden. Da ging es oft heiß her.

Arbeitest Du immer noch nur mit Notizbuch und Stift?

Michael Jahn: Nein, natürlich auch mit einem Diktier- oder Aufnahmegerät.

Dein liebstes Format: Artikel, Kommentar oder Glosse?

Michael Jahn: Ich habe am liebsten Hintergrundgeschichten nach Ereignissen geschrieben, sogenannte Nachdreher.

Darf man als Sportreporter auch Fan sein?

Michael Jahn: Die meisten Sportreporter sind irgendwie auch Fans. Aber das muss man bei der Arbeit verdrängen. Es geht ja vor allem um eine objektive, eine interessante Berichterstattung. Natürlich hat man Sympathien für bestimmte Vereine oder auch einzelne Sportler. Mir war es lieber, wenn die Mannschaft, die ich begleitet habe, erfolgreich war, statt ständig zu verlieren.

Was war der aufregendste, welcher der schönste Moment in Deiner Laufbahn?

Michael Jahn: Das ist schwer zu sagen in der Nachschau. Tolle Erlebnisse waren etwa die beiden Olympischen Winterspiele, von denen ich berichten durfte – 1992 aus Albertville und 1994 aus Lillehammer. Natürlich war die Fußball-WM 1994 in den USA ein Riesenerlebnis und auch die EM 1996 in England mit dem Europameistertitel. Aufregend war es, mit Hertha BSC 1999/2000 in der Champions League durch Europa zu fliegen und in bekannten Stadien zu sein: Im »Camp Nou« in Barcelona, im »San Siro« von Mailand oder an der »Stamford Bridge« in London.

Camp Nou am 5. März 2011 (Quelle: Pure-football / Wikipedia Commons)

…der schwierigste Moment, die schwierigste Aufgabe…

Michael Jahn: Es gab Fußballspiele – vor allem Anfang der 90er Jahre, bei denen Hooligans eine große Rolle spielten. Das war oft problematisch. Ein paar Mal mussten wir Berichterstatter uns auch verstecken.

…der beste Hertha-Kicker und warum…

Michael Jahn: Der Brasilianer Marcelinho. Der offensive Mittelfeldspieler war komplett. Er galt als Stratege, gab unglaublich viele Torvorlagen und schoss selbst attraktive und wichtige Tore. Marcelinho war robust und unberechenbar und konnte Spiele auch alleine entscheiden.

Michael Jahn mit dem besten “Hertha”-Spieler aller Zeiten, Marcelinho  ©Andreas Düllick

…der beste Hertha-Trainer und warum?

Das vermag ich nicht absolut zu sagen. Ich habe viele gute Trainer erlebt, jeder hatte seine speziellen Stärken. Unter Trainer Jürgen Röber erlebte ich die aufregendste Zeit als Journalist mit dem Bundesligaaufstieg, mit der Champions League. Da passierte beinahe an jedem Tag etwas Neues, etwas  Interessantes.

Wie bewertest Du den aktuellen Hertha-Coach Pál Dárdai?

Michael Jahn: Ich kenne Pál, seitdem er 1997 nach Berlin kam. Er war ein toller Spieler, ein Supertyp, unglaublich sympathisch und bodenständig. Und jetzt entwickelt er sich zu einem starken Trainer. Ich denke, er besitzt auch als Trainer eine gute Zukunft. Und: er passt natürlich zu Hertha wie die Faust aufs Auge.

 Mit wem hast Du noch engen Kontakt?

Michael Jahn: Ich pflege noch viele Kontakte zu Spielern, mit denen ich einst viel erlebt habe. Und auch mit einigen Trainern telefoniere ich ab und an. Mit Jürgen Röber besteht der engste Kontakt.

Gemeinsam mit Trainer Pál Dárdai und Manager Michael Preetz präsentiert Michael Jahn seinen neuen “Hertha”-Bücher

…der beste Hertha-Manager und warum…

Michael Jahn: So viele Manager gab es ja nicht, das ist überschaubar. Als Carl-Heinz Rühl in den 90er Jahren zu Hertha kam, leistete der gute Aufbauarbeit. Unter Dieter Hoeneß wurden die Professionalisierung in allen Bereichen durchgesetzt und die größten Erfolge erzielt – aber auch viel Geld ausgegeben. Michael Preetz hatte es lange Zeit schwer. Er musste mit wenig Geld möglichst viel erreichen. Es gab zwei Abstiege und zwei Aufstiege unter seiner Ägide. Zuletzt lag er mit seinen Spielerverpflichtungen oft richtig und auch mit Pál Dárdai als Trainer.

Gibt’s eine ganz besondere Anekdote aus Deinem Reporterleben?

Michael Jahn: Da gibt es eine Unmenge. Ein kleines Beispiel: Im November 1989 war ich nur fünf Tage nach dem Fall der Mauer beim Fußball-WM-Qualifikationsspiel Österreich gegen die DDR in Wien. Die DDR verlor 0:3 durch drei Treffer von Toni Polster. Als Ostdeutsche galten wir als Exoten. Ein paar Edelfans der Österreicher, die wir im Praterstadion kennen gelernt hatten, luden uns ein, und wir landeten in der “Eden-Bar”, einer berühmten Bar im Wiener Zentrum. Spät in der Nacht kam der Besitzer, ein mächtiger Glatzkopf mit markantem Schnauzbart und goldenen Ringen an den Händen ins Lokal und setzte sich zu uns. Es war der berühmte Nachtclub-König von Wien. Jahre später sah ich ihn in einem ARD-Tatort wieder. Dort spielte er sich selbst. Kurios.

Gibt es ein Ereignis, über das Du gern mal berichtet hättest?

Michael Jahn: Eigentlich habe ich über all das berichten können, was mich reizte.

Die Ostkurve, das Herz der “Hertha” ©Andreas Düllick

In der Ostkurve schlägt das

Michael Jahn: …

Wenn Du Deine Generation vergleichst mit der der jungen Sportjournalisten heute…

Michael Jahn: Heute gibt es ja andere Informationsmöglichkeiten, vor allem durch das Internet und die sozialen Netzwerke. Die jungen Kollegen  müssen heute sehr vielseitig und sehr schnell sein. Manchmal habe ich aber den Eindruck, dass einige zu wenig recherchieren, zu wenig den direkten Kontakt mit Sportlern suchen, nicht viel mit Leuten reden und nur »über sie« schreiben.

Wer ist für Dich der beste Sportjournalist und warum?

Michael Jahn: Den gibt es für mich nicht. Darüber mache ich mir auch keine Gedanken. Es gibt einige Kollegen, die sehr gute Arbeit leisten.

Schießt Geld Tore?

Michael Jahn: Wenn man das Geld sinnvoll einsetzt, schon.

Du hast gerade zwei Bücher über Deinen Klub veröffentlicht, warum, und war es schwer, genügend Stoff zu sammeln oder war mehr da, als Du Platz hattest?

Michael Jahn: Es gab das Angebot, ein so genanntes Sammelsurium zu erarbeiten, also ein Buch mit vielen Anekdoten, Tabellen, Bestleistungen und kuriosen Dingen. Das war sehr aufwendig. Aber ich besitze einen großen Fundus, bleibe in Sachen Hertha immer auf dem neuesten Stand.

Das zweite Buch in diesem Jahr ist vor allem für jugendliche Leser und Fans gedacht. Dort habe ich die Vereinsgeschichte möglichst anschaulich aufgearbeitet und viele Stars kurz vorgestellt. Schöne Fotos und Illustrationen machen das Buch zudem attraktiv.

Kompetenter und unterhaltsamer Lesestoff! ©Andreas Düllick

Gibt es noch einen Traum in Deinem Berufsleben?

Michael Jahn: Einen Traum nicht. Aber ich arbeite u. a. gemeinsam mit Marcus Zander, dem Sohn von Sänger und Entertrainer Frank Zander, an einem Hörbuch. Natürlich über die Hertha!

Info:

 »125 Jahre Hertha BSC – Das Jubiläumsbuch«, 2017

 »Alles Hertha! Unverzichtbares Wissen rund um die Alte Dame«, 2015

»Blau-weiße Wunder«, 2011

»Nur nach Hause geh’n wir nicht«, 2006

»Das Hertha-Lexikon« (Spieler, Tore, Meisterschaften), 2001

»Hertha BSC – eine Liebe in Berlin« (1999)

Alle Bücher sind im Verlag Die Werkstatt (Göttingen) erschienen

Link:

http://www.werkstatt-verlag.de/?q=9783730701669

 

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