Sven Regener Interview

„Wir versprechen niemandem einen Rosengarten!

Wo ‚Element of Crime’ draufsteht, ist auch „Element‘ drin“ – Sven Regener über Spaß, Erfolg, Politik, Bier und Herrn Lehmann

INTERVIEW & FOTOS: Andreas Düllick

(strassenfeger 22/2010)

Sven Regener im Interview ©Andreas Düllick

Was soll man eigentlich über die Band „Element of Crime“ und ihren Sänger Sven Regener (spielt naü̈rlich auch Gitarre und Trompete!) noch sagen? Seit 25 Jahren gibt es sie und sie sind mittlerweile wahrlich Kult. Warum sie so erfolgreich sind, wissen sie selbst nicht so genau. Viele Fans glauben, es liege vor allem an den famosen Texten von Sven Regener, die ja immer suggerieren, ihr Autor habe die beschriebenen Momente gerade höchst selbst durchlebt. Musikkritiker meinen, es läge eher an der kongenialen Musik von Regeners Kollegen – aktuell sind das Jakob Friderichs (Gitarre), David Young (Bass) und Schlagzeuger Richard Pappig. Was lag da näher, als Sven Regener selbst danach zu fragen vor einem Konzert in der Berliner ‚ARENA‘.

„Scheiß doch auf die Seemannsromantik

Ein Tritt dem Trottel, der das erfunden hat

Niemand ist gern allein mitten im Atlantik

Diesmal, mein Herz, diesmal fährst du mit.“

Andreas Düllick: Spielt Ihr gern in großen Hallen oder lieber in kleinen

Clubs?

Sven Regener: Ich spiele lieber in großen Hallen. Wir haben ewige Jahre nur in kleinen Clubs gespielt und wollten, dass die Sache größer wird. Ich spiele vor allem gern in solchen Hallen wie der ‚Arena‘. Diese Halle passt gut zu uns. Sie ist so groß, es ist fast wie Open Air. Heute kommen 9.000 Leute und die können immer noch sehr locker stehen. Niemand wird eingezwängt, das finde ich sehr angenehm. In der ‚O2-World‘ würde ich nicht so gern spielen, wegen der Sitzplatzordnung. Das ist mir einfach zu reglementiert.

Wie wichtig sind Dir Erfolg, volle Hallen, gute Plattenverkäufe und das damit verdiente Geld?

Sven Regener: Das ist wichtig! Ich bin jetzt auch knapp fünfzig, und ich bin der Jüngste in der Band. Die achtziger Jahre waren mit Sicherheit ein ziemlich harter Scheuersack, aber auch eine tolle Sache, und ich möchte das nicht missen. Ich habe es nie bereut, dass wir keine Band mit einem frü̈hen Single-Hit waren, die es relativ frü̈h relativ bequem hatte. Aber es ist gut, wenn mit zunehmendem Alter die Sache bequemer und weniger anstrengend wird. Gleichzeitig werden die Gigs aber auch länger. Frü̈her in den Clubs für acht Mark oder so, da haben wir um elf Uhr angefangen und waren Viertel nach zwölf fertig. Heute spielen wir zwei Stunden und das merkt man auch.

Sven Regener mit Element of Crime im Konzert ©Andreas Düllick

Was ist Euer Erfolgsrezept? Warum lieben die Fans Eure Musik?

Sven Regener: Weil sie so ist, wie sie ist. Das kann man nicht hinterfragen. Ich bin kein Kontrollfreak, ich will das auch gar nicht steuern. Das kriegt man geschenkt, dass die Leute das mögen. Der ganze andere Kram drum herum ist gut und schön, aber am Ende kommt es nur auf die Musik an. Wir haben niemandem einen Rosengarten versprochen. Weder in Bezug auf unseren eigenen Sex-Appeal noch mit irgendwelchen Videos. Das sind alles Dinge, bei denen wir eher unbegabt sind. Aber wenn es um Musik geht, dann wissen wir, was wir da am Start haben. ‚Element of Crime‘ ist etwas, was man eben nur bei uns kriegt. Es gibt wenig Vergleichbares. Am Anfang macht es das schwierig, weil es keine Bezugsgruppe gibt, keinen kulturellen Zusammenhang, in dem man schnell ’ne große Nummer werden kann. Später lohnt es sich, weil man ziemlich einzigartig ist.

Die Texte Eurer Songs sind lakonisch, melancholisch, sehnsuchtsvoll, sie beschreiben kleine Alltagsgeschichten. Sind sie ausgedacht oder fließt auch Persönliches ein?

Sven Regener: Nö, die sind zunächst einmal ausgedacht. Es bringt nichts, aus der jeweiligen Stimmung zu schreiben. Die Leute glauben oft, man wäre unglücklich verliebt und würde ein Lied darüber schreiben. So läuft das nicht. Wenn ich unglücklich verliebt wäre, muss ich überhaupt keine Lieder schreiben, dann habe ich anderes zu tun. Wirklich, dann ist man doch gar nicht fähig dazu. Letztendlich sind die Texte die Summe aller Erfahrungen und aller Vorstellungskraft, die man hat. Wir haben bei uns zuerst immer die Musik, und ich muss dann dazu einen passenden Text machen. Eigentlich mache ich ihn nur, damit ich was zum Singen hab. Es geht auch nicht darum, sich selbst darzustellen. Für so interessant halte ich mich nicht. Es geht darum, einen Text für einen Song zu finden, der dazu fü̈hrt, dass der Song die Leute, die ihn hören, sehr berührt. Wir spielen Songs, die haben wir vor zwanzig Jahren geschrieben. Da ist der Inhalt völlig egal, weil ich gar nicht mehr weiß, wann oder wo ich ihn geschrieben hab. Aber der Song bleibt und muss auch weiterhin Gültigkeit besitzen, soll auch dann funktionieren, wenn ich den Sänger nicht kenne, nicht weiß, wie er aussieht. Wenn ich einen Beipackzettel brauche, ist das im Grunde genommen Personality-Quatsch und hat mit Musik und Kunst nicht viel zu tun.

Wie geht Ihr mit den Erwartungshaltungen Eurer Fans um?

Sven Regener: Das ist ja eine relativ unübersichtliche Sache. Zehn Leute, zehn Erwartungshaltungen. Heute Abend kommen neuntausend Leute, was weiß ich, was die erwarten. Am Ende des Tages haben wir ihnen nichts anderes versprochen, als dass wir ein ‚Element of Crime‘-Konzert geben und unsere Songs spielen. Das ist der Deal, und das wissen sie auch. Ich finde es auch Krampf zu sagen, ich will absichtlich die Erwartungen durchkreuzen oder konterkarieren durch Superüberraschungen. Das ist alles Krampfkram. Genauso blöd ist es zu glauben, man muss unbedingt die Erwartungen der Leute befriedigen, darauf Rücksicht nehmen, weil das gar keine Rolle spielt. Die Leute erwarten irgendwas, und es wird irgendetwas passieren. Das hat auch was miteinander zu tun, aber es wird passieren, was wir für richtig halten. Wir spielen unsere Songs, und das funktioniert.

Gibt es einen Song, den Du gar nicht mehr hören oder spielen magst?

Sven Regener: Nö, so was Doofes haben wir nie gemacht. Es gibt Songs, die ich heute nicht unbedingt spielen wollte, aber ich würde die jetzt auch nicht denunzieren.

Manchmal gibt es ja auch Songs, die man einfach nicht mehr hören kann, weil sie zu Hits wurden und einfach viel zu oft gespielt wurden.

Sven Regener: Es gibt so interne Hits bei den Leuten. Lieder, die die gern hören, und damit haben wir kein Problem. Die gehören aber nicht in die Kategorie der großen Hits. Wir hatten weder Radio-Hits, noch klassische Single-Hits am Musikmarkt. Wir haben immer Langspielplatten verkauft wie blöde. Das ist natürlich auch am Anfang ein Fluch, später dann ein Segen, weil man nicht irgendein Lied hat, was man unbedingt spielen muss, obwohl man gar keinen Bock drauf hat.

Müssen Musiker politisch sein?

Sven Regener: Jeder Mensch hat das Recht, sich politisch zu engagieren. Das finde ich völlig in Ordnung. Man darf es nur nicht miteinander verwechseln. Was ist denn, wenn ich die Musik von Bono von „U2″ Scheiße finde? Muss ich dann das, was er politisch sagt, auch Scheiße finden? Auf eine Million Leute, die ‚U2‘ gut finden, kommen zehn Millionen Leute die ‚U2‘ nicht gut finden. Die müssten dann ja das, was Bono sagt, ablehnen. Und dann merkt man, wie kontraproduktiv das ist. Wenn ich eine Million Platten in Deutschland verkaufe, dann sind das 1,25 Prozent der Bevölkerung. In der Politik geht es um ganz andere Zahlen. Ich kann Musik nicht mit Politik verbinden. Das ist Quatsch, denn Musik ist Geschmackssache und in der Politik geht’s um Vernunft, Aufklärung, Diskussion. Um richtig und falsch. In der Kunst geht’s darum nicht. In der Politik geht es auch um Demokratie, Toleranz, Liberalität und solche Geschichten. In der Kunst spielt das alles überhaupt gar keine Rolle. Das heißt, es sind zwei verschiedene Welten. Das heißt nicht, dass sich Musiker nicht politisch engagieren dürfen, aber man soll das Eine nicht  für das Andere in Geiselhaft nehmen. Ich gebe mein Gehirn nicht an der Konzertkasse ab.

Ergo müssen Musiker ihren Fans nicht die Welt erklären?

Sven Regener: Natürlich nicht. Wenn Du die Welt erklärt haben willst, kauf Dir ein Sachbuch! Es gibt Belletristik und es gibt Sachbücher. Bist Du der Meinung, Du musst die Leute belehren, dann schreibe ein Sachbuch, schreibe keinen Roman. Es geht nicht darum, sich als Oberlehrer aufzuspielen, und das gilt auch für die Popmusik. Wenn dann wirklich mal ein Künstler ernst macht und sich in die Mühlen der Ebene begibt und die harte Arbeit macht, anstatt immer nur wolkig rumzulabern, und für ein politisches Amt kandidiert, dann stellt man fest, wie plötzlich ein ganz anderer Denkmechanismus greift: ‚Der Scheiß-Musiker ist doch bloß der Spaßvogel mit der Gitarre. Was will der denn hier?’ Dann ist es plötzlich verdächtig! Das will keiner.

In Deutschland gibt es nach wie vor Obdachlosigkeit. Regt Dich das auf?

Sven Regener: Natürlich regt mich das auf. Obdachlosigkeit ist ein absoluter Skandal! Obdachlosigkeit hat viele verschiedene Ursachen. Das ist etwas, wo es viel mehr ans Eingemachte geht, viel mehr als bei Hartz IV. Machen wir uns nichts vor, Obdachlosigkeit ist das existenzielle Problem in unserer Gesellschaft. Man kann nicht erwarten, dass dieses Problem allein mit staatlichen Mitteln von der Welt verschwindet.

Kennst Du soziale Straßenzeitungen wie den strassenfeger?

Sven Regener: Ja und manchmal kaufe ich sie auch. Was ich nicht so gut finde, ist, wenn er in der U-Bahn verkauft wird. Ich sehe die Leute morgens zur Arbeit fahren, sie kommen abends von der Arbeit und sehen am Tag bis zu vier Mal den Verkäufer mit der Zeitung. Das sollte sich man mal überlegen, ob man damit nicht aufhört, weil das die Leute echt auch sauer macht. Das Leben ist auch so schon stressig genug. In der U-Bahn verkaufen, finde ich Kacke. Die U-Bahn ist an sich so schon eine klaustrophobische Angelegenheit, man kann nicht weglaufen, das ist kontraproduktiv.

Was macht denn Frank Lehmann gerade? Lebt er jetzt in Prenzlauer

Berg und zapft Bier?

Sven Regener: Das ist das Problem. Lehmann hat in keinem meiner Bücher ein einziges Bier gezapft. Vielleicht hat er nie auch nur einen einzigen Zapfhahn angefasst, weil er dort arbeitet, wo es nur Flaschenbier gibt. Ich weiß nicht, woher das kommt. Den Klappentext von ‚Herr Lehmann‘ haben die Verlagsjungs mir damals nicht gezeigt. Da stand drin ‚ambitionsloser Bierzapfer‘. Totaler Quatsch! Fatal! Und jetzt ist das so oft abgeschrieben … Also die Vorstellung von Lehmann und dass der Bier zapft, gehört irgendwie zusammen (Er lacht!). So ist das nicht, Freunde! Aber ich weiß auch nicht, was er macht. Ich denke, das ist auch für mich das Angenehme an der Sache, denn das zeigt ja, dass das Leben wieder offen ist.

Du hast Frank also verabschiedet. Hast Du jemand getroffen, über den es sich zu erzählen lohnt?

Sven Regener: Das weiß ich noch nicht. Ich weiß nur, dass mir das damals nur zugelaufen ist und ich diese drei Bücher in meinem Leben nicht geplant hatte. Ich könnte aber vielleicht auch mit einer der anderen Figuren weiterarbeiten. Karl Schmidt (der Freund von Herrn Lehman, Anm. der Redaktion) ist eine sehr interessante Figur. Eigentlich ist das Buch ‚Der kleine Bruder‘ auch schon eher ein Buch über Karl Schmidt. Dass diese Rolle extrem dankbar ist, habe ich aber erst bei einer Theatergeschichte gemerkt, die ich mit Leander Haussmann gemacht habe. Der Typ, der Karl Schmidt spielt, hatte viel mehr zu reden als der Frank. Aber da ist überhaupt nichts spruchreif. Es wäre auch komisch. Ich bin da sehr scheu. Ich halte mich sehr gern frei, wenn ich mit so etwas anfange, behalte ich mir vor, auch mal alles wieder zu verwerfen.

Du strahlst immer eine unglaubliche Gelassenheit aus. Regst Du Dich auch manchmal richtig auf?

Sven Regener: Ich reg‘ mich dauernd auf, aber ich versuche, das nicht so zu zeigen. Weißt Du, ich bin Hanseat. Die versuchen immer, zurückhaltend zu sein. Dafür bin ich eigentlich schon ziemlich prollig und direkt. Ich denke mal, gerade auch mit diesem ‚Element of Crime’-Ding, wo ich nicht alleine bin, wo ich nur einer von Vieren bin, wo es um viele Dinge einfach auch nicht geht, weil die Band nur eine beschränkte Zuständigkeit hat, sind wir dazu da, die Welt ein bisschen schöner zu machen. Das ist unsere Aufgabe und sonst nichts. Wir können sie nicht gerechter machen, nicht besser – das sind alles Fragen der Politik, der Staatskunst. Aber wir können sie eben ein bisschen schöner machen. Wir können den Leuten ein wenig Spaß bringen, ihnen manchmal auch einen anderen Blick auf ihr Leben geben.

Link:

http://www.element-of-crime.de

Video:

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