Alzheimer – Demenz -Parkinson

Versunken in einer eigenen Welt 

Alzheimer – die Geißel des Alters

TEXT: Andreas Düllick

Alzheimer-Fibrille in der HE-Färbung (Quelle: Patho/Wikipedia CC BY-SA 3.0)

Meine Mama ist seit ein paar Jahren oft tief versunken in ihrer eigenen Welt. Dann erreiche ich sie nicht mehr. Sie leidet an der schrecklichen Krankheit Alzheimer. Aber ab und zu bricht ein Sonnenstrahl in diese dunkle Welt, und es gibt kurze, unbeschreibliche Momente des Glücks. Sie schaut mich an, erkennt mich, spricht ein paar Worte zu mir. Manchmal fängt sie an zu lachen oder kommentiert es, wenn jemand einen Witz macht. Dann kommen mein Vater und ich aus dem Staunen nicht mehr heraus. Ich mache jetzt viele Fotos und Videos von meiner Mama. Ich habe Angst, sie zu verlieren. Oft bin ich voller Hass auf diese Krankheit, bin voller Ohnmacht, weil ich nicht helfen kann.

Das ist so ziemlich das Schlimmste was einem passieren kann: Ein geliebter Mensch vergisst seine Umwelt und taucht ab in unergründliche Weiten des Ichs. Er erkennt niemanden mehr, nicht den geliebten Ehepartner, nicht die Tochter oder den Sohn. Alzheimer bzw. Altersdemenz – diese Begriffe bereiten den meisten Menschen große Angst. Mit steigendem Alter steigt das Risiko, daran zu erkranken. Alzheimer bedeutet ein stetes, fortschreitendes Absterben von Nervenzellen und Nervenzellkontakten im Gehirn, die letztlich zum kompletten Verlust von Gedächtnis und Sprache führen können. Zurzeit leben bundesweit mehr als eine Million Menschen mit der schrecklichen Diagnose ‚Altersdemenz’. Bis 2030 könnte sich die Zahl der Erkrankten verdoppeln.

Insbesondere Morbus Alzheimer ist mittlerweile eine typische Alterskrankheit geworden. Der wichtigste Grund dafür ist wohl, dass die Menschen immer älter werden. Die wichtigsten Symptome der Altersdemenz sind Vergesslichkeit und Zerstreutheit. Hinzu kommen dann viele andere Beschwerden wie zunehmende Orientierungslosigkeit und Verwirrtheit, die insbesondere für die Familienangehörigen sehr belastend sind. Altersdemenz bedeutet nicht nur Abnahme der geistigen Leistungsfähigkeit, sondern bringt auch körperliche Einschränkungen hervor, die gravierende Veränderungen des Lebensalltags bewirken. Oft opfern sich die Familien in der Pflege ihrer geliebten Menschen rund um die Uhr auf. Denn in ein Pflegeheim „abschieben“ möchte kaum jemand seinen Ehepartner, seine Mutter oder seinen Vater. Doch irgendwann wird schließlich eine professionelle Pflege und Betreuung nötig. Dazu gehören künstliche Ernährung per Magensonde, künstliche Beatmung, Windeln und Urin-Katheter. Dann bleibt nur noch der schwere Gang in ein Pflegeheim oder Krankenhaus.

Filmplakat „Vergiss mein nicht“

„Vergiss mein nicht“ – ein Film nimmt sich dieses schrecklichen Themas an

Das schwierige Thema ‚Altersdemenz’ ist nun auch im Kino angekommen. „Das Filmen hat mir geholfen, die Krankheit meiner Mutter zu verarbeiten“, sagt der Filmemacher David Sieveking. Er gewährt in seinem Dokumentarfilm „Vergiss mein nicht“ sehr tiefe, intime Einblicke in die letzten Jahre mit seiner Mutter Gretel. Im Jahr 2010 zieht der Regisseur in sein Elternhaus, um seiner Mutter näher zu sein; auch will er seinen Vater entlasten, der seine Frau schon seit der Alzheimer-Diagnose vor fünf Jahren rund um die Uhr betreut. Und – er möchte seine demente Mutter mit der Kamera begleiteten. Für den Vater ist das eine schwierige Entscheidung, doch schließlich willigt er in die Dreharbeiten ein.

Sieveking beobachtet seine Mutter von da an bis zu ihrem Tod im Februar 2012. Oft ist es für den Sohn kaum zu ertragen, hautnah mitzuerleben, wie seine geliebte Mama die Welt um sich herum vergisst. Da sein Vater in den Pflegeferien ist, muss er die volle Verantwortung für den Tagesablauf übernehmen, das tägliche Leben seiner Mutter organisieren. Oft möchte er hinschmeißen, denn viele Dinge sind kaum zu ertragen: Mutter Gretel will morgens nicht aufstehen. Sie schaut ihrem Sohn tief in die Augen, doch sie erkennt ihn anscheinend nicht mehr. Sie reagiert oft ungerecht und verletzend. Der Regisseur versteht nicht und will erzwingen, dass es wieder so wird wie früher. Er kämpft um seine Mutter, will ihr Erinnern erzwingen.

Er zeigt ihr immer wieder die alten Familienfotos. Und erzählt dazu aus seiner Kindheit. Doch er muss schmerzhaft erkennen, dass das der falsche Weg ist. Erst als er lernt, die neue Persönlichkeit der Mutter zu akzeptieren, findet er wieder einen Zugang. „Das war der Schlüssel zu vielen schönen Momenten.“ Er erlebt, wie sich seine Mutter noch einmal verliebt – in ihren eigenen Ehemann. Und Mutter Gretel kuschelt wieder mit ihrem Sohn. Sie macht nur noch das, worauf sie gerade Lust hat. Und schließlich liegt sie im Sterben. Und auch hier begleitet ihr Sohn seine demente Mutter, die glücklich aussieht und selig lächelt. Das ist das Ende des berührenden Films, der all jenen Kraft geben soll, die sich in solchen schier ausweglosen Situationen befinden, die ihre geliebten Menschen zu verlieren scheinen.

Gibt es bald eine Impfung gegen Alzheimer?

Aber auch die Wissenschaft hat sich nun endlich aufgemacht, den unzähligen verzweifelten Menschen zu helfen, deren Angehörige an dieser heimtückischen Krankheit leiden. Denn bislang gibt es nur Mittel, durch deren Anwendung der Krankheitsverlauf verzögert werden kann. Mittlerweile gibt es weltweit rund 1.000 Forschungsprojekte gegen Alzheimer. Dabei geht es vor allem darum, das Risiko an Alzheimer zu erkranken, möglichst früh zu erkennen und zu behandeln. Forscher aus Göttingen machen jetzt Hoffnung auf eine Impfung gegen das Vergessen: Schon in zwei bis drei Jahren könnte es eine Alzheimer-Impfung geben, sagt Molekularpsychologe und Alzheimer-Forscher Professor Thomas Bayer. „Wenn sich die Daten bestätigen, können in zwei oder drei Jahren erste Produkte auf den Markt kommen.“ Einen Durchbruch vermeldete das schwedische Karolinska Institut: Bei einer Langzeitstudie mit 58 Alzheimer-Patienten – im frühen und mittleren Stadium – wurde ein Prototyp der Impfung erfolgreich getestet. Den Patienten werden kleine Mengen Beta-Amyloid gespritzt. Daraufhin bilden sie Antikörper. Beta- Amyloid-Peptide sind die Eiweißbruchstücke, die sich bei Alzheimer an den Nervenzellen anlagern und dort die zerstörerischen Plaques (Verklumpungen) bilden. Die Antikörper gehen ins Gehirn und lösen die Verklumpungen auf. Bei 80 Prozent der Patienten wurde das Fortschreiten der Krankheit gestoppt. Das klingt gut und weckt große Hoffnungen.

„Memory Lane“ – die Straße der Erinnerungen

Einen sehr interessanten Therapieansatz haben sich die Engländer ausgedacht: die „Memory Lane“. Im Innenhof von „Grove-Care“ einer Einrichtung für Demenz- und Alzheimer-Patienten in Winterbourne nahe Bristol, befindet sich die „Straße der Erinnerungen“. Hier gibt es alte Fassaden, originalgetreue Möbel, Dekorationen und Waren im Stil der 50er-Jahre. Wer wie der 86jährige Arthur Lloyd gern ein Bier trinkt, der besucht den kleinen, nostalgischen „White Horse Pub“ an der Ecke, um sich ein geliebtes Ale gegen das Vergessen zu genehmigen. Oder man geht in die alte Postfiliale direkt nebenan, um Briefe in einen original 50er-Jahre-Briefkasten einwerfen oder in einer alten Telefonzelle zu telefonieren. Auch einen traditionellen Tante-Emma-Laden gibt es, indem sich die Bewohner selbst frischen Kuchen, Brot, Milch und Obst kaufen oder sich eine Zeitung anschauen können. Und auch eine Bushaltestelle gibt es mit Werbepostern für einen Cowboyfilm aus den 50-er Jahren, in die sich die Bewohner setzen und den Lauf der Dinge beobachten können. So können sie sich an eine längst vergangene Zeit erinnern, als sie noch jung und voller Elan waren.

Die Heimleitung ist sicher: Bei den betagten Heimbewohnern bringen diese Ausflüge starke Bilder und Emotionen von früher zurück. Sie sollen aber nicht nur deren Erinnerungen wecken, sondern sogar das Gehirn fit halten. Großer Vorteil: Es ist auch eine sichere Umgebung für die Bewohner. „Die Straße der Erinnerungen“ ist ein bislang wohl einzigartiges Projekt: Zwar gibt es in anderen Alzheimer-Einrichtungen ähnliche Ansätze, z. B. mit alten Möbeln ausgestattete Zimmer. Aber ein kompletter historischer Straßenzug für altersdemente Menschen, das ist neu! Ganz sicher ist das ein nachahmenswertes Projekt für die Demenzhäuser in Deutschland. Genügend Geld dafür sollte durch die Pflegeversicherungen eingenommen werden können. Unsere Lieben werden es uns danken!

Wo gibt es Hilfe?

  • Verein Alzheimer Forschung Initiative (www.alzheimer-forschung.de)
  • Angehörigen-Selbsthilfegruppen der Deutschen Alzheimer-Gesellschaft(www.deutsche-alzheimer.de)
  • Wegweiser Demenz des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (www.wegweiser-demenz.de)
  • www.grovecare.com/memory-lane-1950s-reminiscence-village/
  • http://www.mediadesk.uzh.ch/articles/2011/demenz-video verhaltenszeichen.html

Link:

http://vergissmeinnicht-film.de/

Video:

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