Fotograf Harald Hauswald (I)

Ein Novum: Der Fotograf Harald Hauswald in Farbe

TEXT & FOTOS: Andreas Düllick

Harald Hauswald “Ferner Osten” Lehmstedt-Verlag

Der Fotograf Harald Hauswald ist ein bekannter Fotograf. Er ist einer der wichtigsten Chronisten der DDR. Hauswald (geb. 1956) kam nach der Ausbildung zum Fotografen 1977 nach Berlin. Er arbeitete in verschiedenen Jobs und ab 1983 als Fotograf für die evangelische Stephanus-Stiftung. Seine Aufnahmen vom DDR-Alltag entstanden alle im Eigenauftrag bzw. ab 1986 auch für westliche Medien. 1989 gehörte er zu den Gründern der Agentur Ostkreuz. 1997 erhielt er das Bundesverdienstkreuz.

Im Pressetext zu Hauswalds gerade erschienenem Fotoband „Ferner Osten“ (Fotografien 1986-1990) heißt es: „Wie nahezu alle ostdeutschen Fotorealisten verdankt auch Harald Hauswald seinen Ruf ungeschönten und eindringlichen Schwarz-Weiß- Aufnahmen.“ Umso mehr erstaunt, dass er – bedingt durch seine „illegale“ Arbeit für westliche Medien – schon in den letzten Jahren der DDR mehrere tausend Farbaufnahmen machte. Hauswald selbst fand es übrigens eine große Enttäuschung für sich, als er in seiner Stasiakte ein Gutachten über die GEO-Geschichte fand, in dem stand: „Hauswald zeichnet ein düsteres Schwarz-Weiß-Bild der Hauptstadt.“ Dabei war es seine erste Farbfoto-Reportage! „strassenfeger“-Chefredakteur Andreas Düllick sprach mit Harald Hauswald über den neuen Fotoband, seine Arbeit als Dozent der Kunsthochschule Weissensee und neue Herausforderungen.

Andreas Düllick: Wann und wo entstanden die Fotos genau?

Harald Hauswald: Ich hatte damals den Auftrag, für das Magazin GEO die Ostberliner Szene zu fotografieren. Ich hatte dafür über ein Jahr Zeit und so viel Material, dass GEO dann auch andere Fotos von Berlin genommen hat. Dann fragte noch das ZEIT MAGAZIN an, die fanden die Geschichten gut und wollten, dass ich auch für sie was mache. Da habe ich dann zwei freie Geschichten fotografiert, einmal über Datschen und dann auch über die Insel Hiddensee. Und dann bin ich nach dem Mauerfall mit einem Westberliner Journalistenfreund noch durch den Osten gefahren und habe versucht, die Endstimmung dort einzufangen. Ich war im Harz, im Oderbruch, in Halberstadt, in Zittau, Bautzen und Görlitz, auf Hiddensee und am Rand von Berlin.

Du bist ein Fotograf, der immer mit Schwarz-Weiß-Film fotografiert. Wie kam es zu den Farbaufnahmen?

Farbe war die Bedingung der GEO. Sie haben mir auch die Diafilme rübergeschleust, und ich bekam sogar Objektive von ihnen. Fotografiert habe ich auf Kodak-Dia und wie in meinen Schwarz-Weiß-Serien Land und Leute porträtiert. Das Witzige an den Farbfotos ist: Man sagt ja immer über die Schwarz-Weiß-Fotos zur DDR, dass da so eine graue Stimmung vorherrscht, diese DDR-Patina, aber bei den Farbfotos ist das ganz genauso. Da ist auch überall so eine Art Grauschleier drüber.

Welche Schwierigkeiten gab es dabei; viele Menschenmöchten nicht fotografiert werden?

Damals war es nicht so kompliziert wie heute. Es gab zwar auch das Recht am eigenen Bild. Der große Unterschied ist, dass es damals keine Yellowpress gab und die Menschen nicht sofort misstrauisch waren. Sie haben sich eher fotografieren lassen als heute. Obwohl, je weiter man in Richtung Osten fährt, desto leichter ist es noch. Ich war vor drei Jahren in China unterwegs und dort hatte ich so gut wie gar keine Probleme damit. Ich hatte die Kamera immer umgehängt, sodass ich als Fotograf erkennbar war. Die Menschen wussten, dass ich fotografieren will. Und entweder haben sie sich abgeduckt. Ich habe vorher nie gefragt. Ein einziges Mal: Das war in der Lottumstraße, dort lehnte ein Glatzkopf in der Tür und vorne knutscht sich ein junges Pärchen. Da bin ich die Straße hochgelaufen, ich hatte ein Teleobjektiv an der Kamera und habe angefangen zu fotografieren. Doch mit dem Tele gefiel mir das nicht und so habe ich im Über-die-Straße-laufen ein Weitwinkel raufgeschraubt. Doch da wollten die auseinandergehen. Und da habe ich gesagt: Macht mal weiter. Und da haben die sich wieder genauso hingestellt, der Glatzkopf hat genauso skeptisch geguckt, und das Pärchen hat sich innig geküsst… Das war das einzige Foto, wo ich mal eingegriffen habe.

Gab es auch ein Feedback?

Ja, gerade im Nachgang hat es viel gegeben. Eines meiner bekanntesten Fotos, die drei Leute in der U-Bahn, zwei davon waren Pförtner. Dahabe ich vor vier Jahren eine E-Mail von einer Frau aus Süddeutschland bekommen, die hat gefragt, wann ich das Foto gemacht habe. Das wäre ihr 1987 verstorbener Vater. Jetzt habe sie sich das Buch von mir gekauft und nun lebt er indirekt für sie weiter, weil dieses Foto im Buch drin ist.

Was es tatsächlich Dein theoretischer Ansatz, Kollisionen von Anspruch und Wirklichkeit des SED-Staats auf Zelluloid zu bannen?

Teilweise schon, denn ich habe mich eingesperrt gefühlt in der DDR und wollte Fotos machen, die provozieren, einfach, um mich im Kopf frei zu machen. Das war mein eigentlicher Anreiz. So unter dem Motto, jetzt versuche ich denen ein Schnippchen zu schlagen. Andererseits sind viele Fotos nicht unter dieser Perspektive entstanden. Das war eher, loslatschen und neugierig sein. Was mich interessiert hat, das waren Räume in der Stadt und wie sich Menschen in diesen Räumen begegnen oder auch nicht begegnen, miteinander kommunizieren oder auch nicht. Ganz wichtig ist für mich auch die Grafik eines Fotos und der Inhalt muss natürlich stimmen.

Christoph Dieckmann schreibt im Vorwort zum Buch: „Oft zeigte er Schattengeschöpfe des Lebens, doch er schoss die Menschen nicht ab.“ Wie müssen wir das verstehen? Wie hast Du damals gearbeitet?

Ich habe schon immer Respekt vor Menschen gehabt. Deshalb habe ich immer versucht, meine Neugier so einzusetzen, dass ich sie nicht verletze in meinen Fotos, das war mir ganz wichtig. Du läufst den ganzen Tag wie durch einen Film, als Fotograf hältst den Film dann mal an. Dann versuchst Du eine Geschichte zu erzählen, und zwar so, dass ein anderer sie auch versteht. Aber so, dass du nicht in eine Verletzungsebene für den Porträtierten gehst.

Dieckmann sagt auch: „Seinen Spott reservierte er für die Narrheit und den Pomp der Macht.“ War das so?

Na ja, am 1. Mai diese Aufmärsche und diese Massenaufläufe der FDJ usw., die fand ich extrem schlimm, weil, diese Bilder kannte man ja aus dem Regime davor und die haben den gleichen Mist weitergemacht, das fand ich schon sehr eklig. Dass ein Staat seine Macht auf so eine Art und Weise demonstrieren muss, dass fand ich unangemessen und das habe ich versucht in meinen Fotos zu zeigen.

Blieb Dir als Bürger der DDR und gleichzeitig auch als der Chronist ihres Untergangs nichts weiter übrig, als das Ganze mit Sarkasmus zu verarbeiten?

Sarkasmus – das war mein Selbstschutz. Ich musste da irgendwie ironisch rangehen an die Sachen, die man ablehnt. Entweder Du zerbrichst an diesen Sachen oder du belächelst es. Anders ging es für mich nicht.

Hat Mathias Bertram die Fotos allein ausgewählt oder habt Ihr das gemeinsam getan?

Bertram hat eine Vorauswahl gemacht und dann haben wir sie uns gemeinsam angeschaut. Ich war dann einerseits überrascht, dass das so viel Material dabei war, an das ich mich gar nicht mehr so erinnerte, und dann finde ich, hat er das auch wirklich sehr gut gemacht. Er hat übrigens auch eine ganz tolle Auswahl gemacht für das neue Schwarz- Weiß-Buch von mir, das im Sommer erscheint, parallel zu einer großen Fotoausstellung im Leonardi-Museum in Dresden. Ich lasse mich bei solchen Projekten auch immer überraschen, ich finde es gut festzustellen, wie andere Menschen mein Material sehen. Deshalb bin ich dabei immer sehr offen. Außerdem habe ich genügend Ausstellungen, für die ich selbst die Auswahl treffen muss, welche Fotos ich an die Wand hänge. So ist es immer sehr erfrischend eine andere Sicht auf die eigenen Arbeiten zu bekommen.

Hast Du ein Foto, das Dir ganz besonders wichtig ist? Na ich finde das Titelbild des Buches schon ganz schön. Es war ja damals auch als halbseitiges Foto in der GEO. Weil, der Blick von dem alten Mann, der sagt einfach unheimlich viel aus. Und ansonsten finde ich es schon sehr überraschend, was da alles zusammengekommen ist. Und das wird schon für viele Menschen, die sich das Buch dann anschauen werden, sehr überraschend: Hauswald in Farbe.

Warum gerade dieser Titel des Buches – „Ferner Osten“?

Der stammt vom Verleger Mark Lehmstedt. Der ist ja für solche Buchtitel bekannt. Nimm das erste Buch von Roger Melis „Stilles Land“, das ist ja eine ähnliche Schiene. Und mal ganz ehrlich, ich hätte auch gar nicht überlegen wollen, wie das Buch heißt. Da bin ich ihm schon sehr dankbar, dass er mir das abgenommen hat.

Du hast in diesem Jahr erstmals als Dozent für die Kunsthochschule Weissensee gearbeitet?

Mich hat ein Professor angefragt. Ich war ein wenig verblüfft, weil man ja normalerweise ein Diplom dafür benötigt und das habe ich nicht. Aber er hat sozusagen meine Biografie als Referenz genommen. Die Arbeit ist in der vergangenen Woche zu Ende gegangen, und es hat mir riesigen Spaß gemacht. Und einer der Studenten macht seinen Bachelor und ist am 21. Februar für vier Monate nach Australien geflogen. Dort will er fotografieren, und er wird mir die Fotos schicken, denn ich soll seine Bachelorarbeit begleiten. Das macht mich schon sehr stolz.

Wie lief die Zusammenarbeit?

Was willst du im Februar fotografieren? Willst Du mit 14 Studenten über den Alexanderplatz wackeln und als Touristengruppe auftreten? Öffentliche Feste etc. gab es gerade nicht. Also habe ich überlegt, was wir machen. Viele von den Studenten sind ja ganz frisch in Berlin. Ich erinnerte mich daran, wie es mir ging, als ich nach Berlin kam. Ich habe mich oft einfach in die Straßenbahn gesetzt und bin irgendwohin gefahren, um mal zu gucken, wie dehnt sich Berlin aus, wie verändert sich‘s, wie sehen die Ecken dort aus im Vergleich zu denen, die ich schon kannte. Deswegen wollte ich, dass sie am Montag von der Weltzeituhr aus in eine Ecke fahren, wo sie vorher noch nicht waren, um die Stadt für sich zu erkunden. Sie durften auf dem Weg dorthin fotografieren, an den Endstationen, den Bahnhöfen oder dem Ortsteil. Danach sind wir in die Dunkelkammer und haben die Fotos entwickelt, uns angeschaut und ausgewertet. Eine Woche später haben wir noch mal genau das Gleiche gemacht. Ich wollte sehen, wie sie beim zweiten Mal anders fotografieren. Und bei den allermeisten war eine deutliche Qualitätssteigerung zu spüren. Beim ersten Mal haben sie nur Gebäude fotografiert. Die meisten haben sich dann auch an Menschen rangetraut. Wir haben die Arbeiten von jedem im Seminarraum an die Wand gehängt und diskutiert. Zum Tag der Offenen Tür in der Kunsthochschule im Juli wird noch mal alles gezeigt.

Du bist Gründungsmitglied der berühmten Fotoagentur OSTKREUZ. Was bedeutet Dir das?

Das ist ein Stück Heimat. Wir haben damals überlegt, eine kleine, aber feine Agentur zu gründen, in der es vor allem menschlich stimmt. Wichtig war uns, den ständigen Austausch über Fotografie beizubehalten. Und – es gibt bei uns keinen Futterneid. Im Gegenteil, wenn ein Ostkreuz-Kollege eine große Ausstellung hat oder eine Reportage veröffentlicht, dann freuen wir uns alle. Weil, dort steht ja dann Ostkreuz. Und dann auch das gemeinsame Arbeiten an Projekten: Immer zu einem fünfjährigen Geburtstag machen wir ein großes Projekt, meist gemeinsam mit dem Goetheinstitut, das ist dann eine Wanderausstellung, die weltweit gezeigt wird. Das ist eine tolle Sache, dass man nicht nur als Einzelkämpfer unterwegs sein muss.

Woran arbeitest Du gerade? Farbe oder Schwarz-Weiß?

Das ist eine ganz witzige Sache. Ich habe 1984 mit dem Lyriker und Journalisten Rüdiger Rosenthal (kommt aus Boizenburg/Elbe) eine Elbreise gemacht von Bad Schandau bis Boizenburg. Daraus wurde damals eine Ausstellung, und die Band „YATRA“ aus Dresden hat dazu den zwanzigminütigen Song „Die Elbe“ gemacht. Einer der Musiker, Peter „Kuno“ Kühnel, der hat später in der Nina-Hagen-Band gespielt, der ist zu DDR-Zeiten ausgereist und hat sich vor drei Jahren wieder bei mir gemeldet und meinte, die Elbe-Geschichte wäre eine schöne Sache. Er macht jetzt große Projekte, war u.a. Produzent des Multimedia-Spektakels „Nietzsche – Wo hin geh‘n wir“, das 1995 aufgeführt im ehemaligen „Panzerhof“ aufgeführt wurde.

Nun will er das Großspectaculum „ZEITSTROM – ELBE“ mit Sinfonieorchester, Gesangsund Instrumentalsolisten, Rap, Turntable, Tanzensemble und Großprojektion machen. Ich habe dafür ein Stipendium von der VG Bild-Kunst bekommen und fahre in diesem Jahr die Elbe ab und fotografiere dafür. Ansonsten kümmere ich mich um mein Archiv. Dort warten 5.000 nicht sortierte Schwarz-Weiß-Filme auf mich. Das ist eine große Herausforderung.

Link:

http://www.harald-hauswald.de/

http://www.harald-hauswald.de/deutsch/seiten/index_buecher.html

http://www.ostkreuz.de/fotografen/harald-hauswald/

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