Špindlerův Mlýn – Ski & Rodel

Eiskalte Leidenschaft

Ski und Rodel gut in Špindlerův Mlýn

TEXT & FOTOS: Andreas Düllick

Spindermühle ©Andreas Düllick

Wer schon einmal einen jungfraulichen, unverspurten, weisen Schneehang mit seinen Ski heruntergewedelt ist und dabei dieses atemberaubende Gefühl von unendlicher Freiheit verspürt hat, der ist infiziert von einer eiskalten Leidenschaft – Tiefschneefahren. Auch ich habe dieses Gefühl schon erleben dürfen; es war in Osterreich während eines Tiefschnee- und Skitourenkurses des Deutschen Alpenvereins. So ein Trainingskurs mit ausgebildeten Skilehrern ist unabdingbar, denn um sich waghalsig in einen unberührten Hang hineinzustürzen sind schon allerhand theoretisches Wissen, sehr gute Skitechnik und eine gehörige Portion Mut vonnöten. Jede Menge Risiken lauern: Man konnte eine Lawine auslösen, einen Ski verlieren, der unter der Schneedecke hunderte Meter weit ins Tal rauscht, oder aber sich einfach zu sehr verausgaben im Aufstieg auf so einen 3000-er Gipfel.

Die meisten Skifans lassen es deshalb eher etwas ruhiger zugehen und bevorzugen eine ganz normale Abfahrt auf einer perfekt gewalzten Skipiste. Freerider sagen meist etwas despektierlich Autobahn dazu. Auch ich bin mit zunehmendem Alter ruhiger geworden. Und deshalb frone ich meiner eiskalten Leidenschaft auch immer seltener. Ubers Jahresende war deshalb das beschauliche Riesengebirge in der Tschechischen Republik (in der Landessprache Krkonoše) mein Reiseziel.

Das Riesengebirge ist das höchste Gebirge Tschechiens sowie Schlesiens. Es erstreckt sich an der Grenze zwischen Polen und Tschechien und erreicht in der Schneekoppe (tschechisch Sněžka), eine Hohe von 1602 Metern. Von Berlin aus sind es gerade mal 400 Kilometer, nicht mal die Hälfte der Strecke bis in die Skigebiete in Tirol. Deshalb ist der Wintersportort Špindlerův Mlyn (deutsch Spindlermühle; Wie man sich denken kann, war die ursprüngliche Bezeichnung des Ortes „Spindlers Mühle“, benannt nach dem Mühlenbesitzer Spindler.) ist sozusagen eine Art Hausspot. Eigentlich eine einfache Reise: über die Autobahn geht es erst mal in Richtung Dresden, am Abzweig Bautzen dann durch die Lausitz zur polnischen Grenze. Gerade mal zehn Kilometer fuhren die Strecke durch Polen, dann sind wir schon auf tschechischem Gebiet. Vorbei an stillgelegten Tuchfabriken und alten Fabrikantenvillen fährt man den Berg hinauf.

Früher wurde vorab immer genauestens die Straßenkarte studiert. Heute, im Zeitalter von Internet, Computer und Smartphone verlässt man sich gern auf das allwissende Navigationssystem. Leider hat uns dieses System diesmal total in die Irre geführt. Es schickte uns in Serpentinen auf den Berg, es wurde kalter, es wurde glatt, es wurde dunkel. Als wir auf dem Plateau angelangt waren, dachten wir, es wäre vollbracht. Doch Irrtum, es war Ende Gelände, der Pass gesperrt, und wir mussten die gesamte Strecke den Berg wieder runter. „Scheiss Navi“, wurde immer wieder im Auto geflucht, Es blieb uns nichts anderes übrig, als an einer Tankstelle eine Landkarte zu kaufen und die Wirtin über unsere verspätete Anreise zu informieren.

Statt um 18 Uhr erreichten wir die gebuchte Pension in Spindlermühle gegen 19 Uhr 30 Uhr. Zur Begrüßung gab es vom Wirt erst einmal einen Bechorovka- Kräuterschnaps und ein gepflegtes Pilsner Urquell-Bier. Ein paar Tage später erwischte es eine Freundin auf dieselbe Art: Sie schaffte es jedoch, sich nachts in einer Schneewehe festzufahren und musste mit Freund und drei Hunden in einem kleinen Campingbus frierend die Nacht verbringen. Am nächsten Morgen zog sie dann ein freundlicher Mensch mit seinem Traktor aus dem Schnee. So geht’s, wenn man sich auf die moderne Technik verlässt!

Mein kleines Zimmer war genauso wie ich es mir vorgestellt und auch gewünscht hatte: Altes dunkles Holz statt neumodischen Schnickschnacks. Neben der Zimmerwand die knarzende Treppe. Hellhörig, aber urgemütlich mit eigenem Bad, Blick auf den Berg und vor allem direkt am Sessellift gelegen. Die Pension, den Namen kann und will ich hier nicht verraten, erinnerte mich sehr an frühere Reisen ins Riesengebirge. Zu DDR-Zeiten fuhr ich ein paar Mal in ein Betriebsferienheim im beschaulichen Pec pod Sněžkou. Später war ich Gast bei einer älteren Dame, die ein uraltes Häuschen gleich neben der Skipiste ihr Eigen nannte. Ich schlief in einer winzigen, dafür sehr urigen Kammer. Das Haus hatte eine wunderbar unaufgeräumte, dafür äusserst gemütliche Küche, in der ein alter Herd stand, auf dem sie ihre tschechischen Köstlichkeiten brutzelte. Leider gibt es dieses Haus mittlerweile nicht mehr, denn auch im Riesengebirge ist die Zeit nicht stehengeblieben.

Schnee satt  ©Andreas Düllick

Über die Geschichte des Riesengebirges will ich hier nicht viel erzählen, nur so viel sei aus dem Internetlexikon Wikipedia zitiert: „Ende des 19. Jahrhunderts gründeten sich auf der böhmischen und schlesischen Seite des Gebirges zwei Vereine, der schlesische Riesengebirgsverein und der Österreichische Riesengebirgsverein. Beide setzten sich u.a. die touristische Erschließung des Riesengebirges zum Ziel, wozu in erster Linie der Wegebau vorangetrieben wurde. Insgesamt schuf man ein Wegenetz von 3.000 Kilometern, wobei allein 500 Kilometer auf das Hochgebirge entfielen. Das Riesengebirge wurde in Folge zu einem der beliebtesten Urlaubsgebiete Deutschlands. Im damaligen Schreiberhau (heute: Szklarska Poręba) auf der schlesischen Seite befanden sich seit der Gründerzeit zahlreiche Ferienvillen von Berliner Fabrikanten, die auch heute noch erhalten sind und ein besonderes Flair haben. Direkte Bahnverbindungen nach Schreiberhau bestanden von Berlin, Breslau und Dresden, sodass eine bequeme und schnelle Anreise möglich war.“

Perfekter Skiservice am Berg  ©Andreas Düllick

Aus dem ehemals verschlafenen Örtchen ist mittlerweile wohl das Zentrum des tschechischen Skisports geworden. In der Hochsaison kann sich die „Einwohnerzahl“ von Spindlermühle durch die zahlreichen Touristen schon mal verzehnfachen. Übrigens: Ende Januar 1922 soll der Schriftsteller Franz Kafka wegen des gesunden Klimas nach Spindlermühle gekommen sein und am Roman „Das Schloss“ gearbeitet haben. Heute trifft man hier sowohl reiche Tschechen und neureiche Russen, aber auch die Skifreaks mit dem kleinen Geldbeutel. Zu Weihnachten und Silvester stösst man auf eine derartige Dichte an teuersten Allrad-SUVs aller Nobelmarken, wie ich sie kaum in Berlin jemals erlebt habe. Alte Pensionen und morbide Kurhäuser stehen neben neuen Retortenhotels. Und doch hat sich Spindlermühle seinen Charme erhalten. Es ist wundschon hier, besonders wenn der Schnee den Ort in eine Zuckerbäckerlandschaft verzaubert.

Bergstation  ©Andreas Düllick

Wobei wir bei der allerwichtigsten Voraussetzung für die eiskalte Leidenschaft angelangt sind, dem Schnee. Heuer war es nicht ganz so gut. Es lagen gerade einmal 40 Zentimeter auf den Pisten am Medvědin und Svaty Petr (schwarze FIS-Piste!); das meiste davon soll Kunstschnee gewesen sein. Mit Tiefschneefahren und Wedeln im weisen Traumschnee war’s deshalb eher schlecht. Dafür haben wir und unsere Kids beim Carving ordentlich Spaß gehabt. Schneekanonen gibt es natürlich auch im Riesengebirge, nur bei Temperaturen über dem Gefrierpunkt funktioniert die Kunstschneeproduktion eher schlecht. Davon ließen sich Skifahrer, Snowboarder und Langläufer (tolle gespurte Pisten und breite Skatingstrecken!) nicht abschrecken: Es wurde geheizt, was das Zeug hielt! Mancher schoss dabei auch stark über das Ziel hinaus, sodass der Rettungshelikopter öfter einschwebte, als so manchem lieb war.

Ohne Schneekanonen geht nichts in Spndlermühle ©Andreas Düllick

Sehr schön finde ich, dass es mittlerweile überall Skikindergärten gibt. Prima für die Eltern, die ihre Gören dort ruhigen Herzens abliefern und so ein paar herrliche Skistunden ohne den quirligen Anhang genießen können. Schon erstaunlich, was die Skizwerge nach der Skischule so alles drauf haben: Die Kids meiner Freunde rauschten mit Vorliebe zu dritt immer wieder in den Wald neben der Piste und verschwanden aus unserem Blick. Manchmal blieb mir dabei fast das Herz stehen. Doch immer wieder tauchten sie lachend und vor Freude quietschend, gesund und munter wieder auf. Herrlich diese Unbekümmertheit! Naja, die Fallhöhe der Zwerge ist halt doch deutlich geringer als die der Erwachsenen. Ich habe mir für’s nächste Mal vorgenommen, noch mal eine neue Herausforderung zu suchen: Ich werde es mal mit dem Telemarken versuchen.

Wenn man fertig ist nach fünf, sechs Stunden auf dem Hang, dann geht man zur Entspannung ins warme Becken des Aquacenters. Und danach empfiehlt sich eine romantische Fahrt durch die Landschaft in einem der historischen Pferdeschlitten. Die Kutscher erzählen einem dabei wunderbare Geschichten vom Rübezahl (Krakonoš). Danach kehrt man gern in eines der gemütlichen Restaurants ein, labt sich an der deftigen tschechischen Küche. Dazu ein gutes Bier, und alles ist rund. So sieht er aus, der perfekte Skitag.

Silvester haben wir natürlich auch gefeiert direkt vor unserer Pension mit einem Glas Sekt, viel Bier und Wein. Pünktlich zu Mitternacht konnten wir dann ein traumhaftes Feuerwerk vor der Kulisse der Berge bestaunen. Und am Neujahrstag dann endlich Traumwetter: Strahlender Sonnenschein bei minus einem Grad auf dem Berg. Trotz Mini- Katers sausten wir den ganzen Tag den Berg hinab. Cool! Das Jahr 2013 begann perfekt!

Link:

http://www.spindleruv-mlyn.com/de/

http://www.krkonose.eu/de

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