Robert Harting – Interview (2012)

„Ich bin der Harting!“

Der Berliner Diskuswerfer Robert Harting ist eine der großen Gold-Hoffnungen bei den Olympischen Spielen in London

TEXT& FOTOS: Andreas Düllick

Robert Harting beim INDOOR-ISTAF ©Andreas Düllick

Robert Harting ist ein Typ mit vielen Ecken und Kanten: Viele Leichtathletik-Fans erinnern sich noch gern an seinen Sieg im Diskuswerfen 2009 bei den Weltmeisterschaften im Berliner Olympiastadion. Der Superathlet zerriss sich nach seinem Sieg das Nationaltrikot und lief mit dem Maskottchen auf dem Rücken eine Ehrenrunde. All der Frust, der sich durch kontroverse Auseinandersetzungen mit Funktionären u.a. zur Vermarktung und zum Thema ‚Doping‘ angehäuft hatten, entlud sich damals explosionsartig. So ist „der Harting“ eben: Wild und unberechenbar! Gott sei Dank gibt es solche echten Typen noch! 2011 wiederholte er bei den Weltmeisterschaften im südkoreanischen Daegu seinen Sieg. Harting kommt aus Cottbus und ist 28 Jahre alt. Der 2,01 m große und 125 Kilogramm schwere Modellathlet trainiert bei Werner Goldmann beim SC Charlottenburg. An der Universität der Künste Berlin (UdK) studiert er Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation.

Am 19. Mai segelte sein Diskus bei den Werfertagen in Halle (Saale) zum ersten Mal über die magische 70-Meter-Marke. Mit seiner persönlichen Bestleistung von 70,66 m ist er nun einer der Topfavoriten auf olympisches Gold. Andreas Düllick besuchte Robert Harting im Trainingslager der deutschen Leichtathleten im Bundesleistungszentrum in Kienbaum.

Andreas Düllick: Hält das operierte Knie?

Robert Harting: Klar, kleine Wehwehchen gibt’s immer, aber ich kann gut trainieren, eine hohe Belastung fahren. Sobald sich was bemerkbar macht, kann ich das aussteuern. Ich weiß, dass die Konsistenz da ist, aber es ist noch was zu tun.

Robert Harting im Interview ©Andreas Düllick

Es heißt, Du willst noch vier Kilo abnehmen, warum?

Generell will ich ein wenig Unterhautfettgewebe verlieren, d. h. ein bisschen ausschwitzen, Flüssigkeit aus dem Körper bekommen, denn das macht ja alles ein wenig träge. Dann bin ich dynamischer, fühle mich fitter, dann habe ich eine andere Körpersprache, bin mit mir mehr im Einklang. Kalorienreduzierung gehört dazu, aber nicht so, dass ich keine Leistung mehr bringe. Ich packe meinen Teller nur noch halbvoll mit Kartoffeln, vermeide zu viele Kohlenhydrate und Fastfood. Denn das macht mich müde und reizbar.

Wie weit bist Du momentan mit Deiner Wurftechnik?

Das Gute ist, wenn man vier Wochen Zeit hat, dann kann man richtig an der Technik feilen, daran arbeiten. Wenn alle zwei Wochen wieder ein Wettkampf stattfindet, dann setzt sich in einer Stresssituation, und das ist ein Wettkampf, der Kern eines Bewegungsablaufs durch, und dann kann man daran wenig verändern. Ich fange echt im Urschleim an. Ich mache jetzt sehr viel langsam, was den Radius im Wurfkreis betrifft, wenn ich die Fliehkraft erhöhe, fliegt die Scheibe zwar nicht viel weiter, aber es ist eine spezielle Form von Kraftentwicklung, die nötig ist, um die hohen Fliehkräfte im Wettkampf dann auszuhalten.

Robert Harting beim INDOOR ISTAF 2016 ©Andreas Düllick

Wie viele Würfe machst Du noch bis Olympia?

Nächste Woche werden es wieder etwas mehr, so um die 300. Die sind so ziemlich 100 Prozent, das ist eine Sache, die mich von vielen anderen Werfern unterscheidet, generell bin ich einer der ranpflastert vorne. Aber wir werden das harmonisch auf die Woche verteilen mit gewissen Belastungsspitzen.

Beschreibe bitte mal Deine Technik!

Ich habe relativ wenig Schwächen, habe aber relativ wenig Stärken. Ich kann irgendwie alles, bin aber nirgendwo richtig super gut. Generell ist meine Wurftechnik vom Ablauf her eine der langsamsten mit 1,5 Sekunden, andere sind bei 1,2 Sekunden. Ich habe auch auf Grund meiner Technik einen ganz anderen Wurfradius und ganz andere Zugkräfte.

Harte Arbeit im Kraftraum im Bundesleistungszentrum Kienbaum ©Andreas Düllick

Du musst explosiv und schnellkräftig sein, trainierst Du dafür auch Sprints etc.?

Ja natürlich. Nach dem Wurftraining kommt immer noch was Agiles hinterher. Sprinttraining, Sprungtraining, koordinative Sachen und das Ganze wird gut gemischt. Das ist ja das, was Viele auch vergessen. Die denken, der Harting geht nur in den Kraftraum und dann wird das schon. Das Hintergrundwissen über so eine spezielle technische Disziplin ist sehr begrenzt bei den Leuten.

Was ist mit Mentaltraining?

Mein mentales Training ist derzeit das Runterzählen am Kalender, damit man dem entscheidenden Ziel endlich näher kommt. Das ist der einzige Punkt, der echt nervig ist. Es heißt ja immer, von Januar bis London trainieren ist richtig, es werden Grundlagen geschaffen, aber das richtige Training beginnt ja jetzt erst. Weil ich kann nie eine feine Bewegung über zehn Wochen halten. Das kann ich über drei Wochen und deshalb fange ich jetzt damit an.

Du bist 2011 Weltmeister geworden, 2012 Europameister. Geht es jetzt in London nur noch um den Olympiasieg?

Mein Ziel ist es erstmal, zufrieden aus dem Wettkampf zu gehen. Und das wird nur mit einer Medaille möglich sein. Man darf aber auch nicht vermessen sein und sagen, Bronze und Silber wären nichts, ich wollte ja eigentlich Gold. Es ist schön, dass ich in der Situation bin, dass ich in 365 Tagen den Weltmeistertitel, den Europameistertitel und den Olympiasieg holen könnte. Und es wäre auch geil, wenn es klappt, keine Frage.

Führt an Dir in London überhaupt ein Weg vorbei mit zwei Würfen über 70 Meter im Vorfeld?

Das ist doch das Schöne, da mitkämpfen zu können und in der Position zu sein, dass man erst einmal geschlagen werden muss. Sicher mache ich mir selbst Druck. Aber da ist nichts Negatives, das mich belastet. Man muss so hart im Vorfeld trainieren, dass man in der Lage ist, Maßstäbe zu setzen. Wenn man im Olympischen Finale in London über 70 Meter wirft, ist man dabei. Wenn die andern das auch draufhaben, dann werden sie es dort auch zeigen. Ich gehe nicht davon aus, dass ich der Einzige bin, der diese Weite dort werfen kann. Allerdings bin ich da jetzt noch gar nicht, da bin ich im Moment nach anderthalb Meter weit von entfernt. Da werde ich mich erst in den letzten Tagen vor Olympia steigern, wenn die Frische dazu kommt, dann kann man viel mehr in die feinmotorischen Bereiche rein. Für einen 70-Meter-Wurf muss das alles passen. Und wenn die anderen das auch draufhaben ist es wenigstens spannend, das ist doch geil! Ich freue mich auf diese Herausforderung.

Studierst Du Deine Gegner intensiv?

Das Studieren der Gegner gehört unbedingt dazu, sonst wäre man überrascht, wenn irgendwas passiert. Dazu gehört die Analyse der letzten Wettkämpfe, der letzten Kommentare der großen Gegner. Daraus mache ich mir ein Bild und kategorisiere das Ganze. Damit bin ich dann auf viele Dinge eingestellt.

Siehst Du sofort, wie die Jungs drauf sind?

Ja, das sehe ich an ihrer Bewegung, am Auftreten, an den ersten Würfen. Dann gibt es da so Zeichen wie: Nimmt er den Kopf runter nach dem Einwerfen, brubbelt er mit sich oder bläht sich die Brust auf nach dem Einwerfen? Das sind alles so Zeichen, die deutet man kurz für sich. Aber in der Regel, wenn man sein eigenes Programm abspult, nimmt man das nur so als Randnotiz wahr, so nach dem Motto, Du weißt, es ist alles klar, damit hast Du gerechnet, das bestätigt dich dann wieder in deinem psychologischen Plan.

Wünschst Du Dir in London Regen zum Finale wie in Helsinki bei der EM?

London ist ja für sein Wetter bekannt – typischer englischer Sommer heißt Regen. Wenn es regnet, dann verändert sich der Ablauf der Technik, man darf nicht zu riskant werfen. Es ist viel schwieriger bei Regen zu werfen, und ich finde es wichtig, vor den Olympischen Spielen noch einen Wettkampf gemacht zu haben, wo es genauso schwierig war.

Es gibt eine magische Zahl im Diskuswerfen und die lautet 74,08 Meter. Das ist der Weltrekord von Jürgen Schuldt – ist er das Ziel für Dich?

Jaja und 76,80 Meter ist der Weltrekord bei den Frauen. Eigentlich müsste man die Rekorde aus der Zeit zwar in den Listen haben, aber dann neu anfangen. Es macht ja keinen Sinn, immer an solchen Leistungen gemessen zu werden, weil einfach die Rahmenbedingungen damals anders waren als heute.

Hast Du Angst gegen Leute antreten zu müssen, von denen Du annehmen musst, dass sie gedopt sind?

Das Gefühl von Angst kenne ich im Sport überhaupt nicht. Deswegen lautet meine Antwort ganz klar: „Nein!“ Ich kann eh nichts dagegen machen. Klar kann man sich mit anderen Athleten über so was unterhalten oder sich aufregen. Aber ändern können wir das ja leider nicht.

Wie ist das bei Dir mit Dopingkontrollen?

Ganz normal, vor einer Woche hatte ich die letzte Kontrolle bei der EM in Helsinki. Aber es immer wieder störend, weil bei mir auf jeden Fall nichts zu finden ist. Aber man sollte mal ein wenig Geld sammeln, davon 5.000 Bodyguards einstellen und dann mit denen in die verdächtigen Länder fahren und dort gezielte Razzien durchführen. Dann hätte man sicher damit Erfolg.

Willst Du Dir in London irgendwas Besonderes anschauen?

Ich habe drei Freunde mit in London, das sind der Wasserspringer Patrick Hausding und die Kanuten Max Hoff und Norman Bröckl, die würde ich mir gern anschauen. Es ist natürlich blöd, dass die genau am selben Tag dran sind wie ich. Was angucken in London, ja schon, aber ich bin jetzt nicht so der Kulturfreak, ich habe dafür in Berlin ja auch nicht so viel Zeit.

Wann machst Du Dich auf den Weg nach Olympia?

Am 4. August geht es nach London. Ready to rumble!

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