Mellowpark (BMX & Skateboard)

Mellowpark rockt! ©2010 Andreas Düllick

„Wir nennen es selbstbestimmte Freizeitgestaltung“

Der Mellowpark– Jugendsozialprojekt, Sport- und Freizeitgelände

TEXT & FOTOS: Andreas Düllick

Ein herrlicher Sonnentag Ende Oktober: Die BMX- und Skateboardrampen auf dem neuen Gelände des Mellowparks in Berlin-Köpenick direkt an der Spree sind brechend voll. Überall werden von den Sakteboardern „Ollies“, „Flips“, „Shove-its“, „Slides“ und „Grinds“ ausprobiert. Die BMXler jagen die Dirtjumps und Trails runter oder zeigen auf den Rampen und Halfpipes das komplette Repertoire an Tricks wie „X-ups“, „Barspins“, „One-Eighty“, „Three-Sixty“, „Frontflips“ und „Backflips“. Absolut cool, aber total entspannt! Kleine Bubis und große Jungs, Mädels sind heute weniger zu sehen, dafür aber auch ein paar stolze Mütter, die die Sonne genießen und ihren mutigen Sprösslingen bei deren abenteuerlichen Aktionen aufmerksam zusehen.

©2010 Andreas Düllick

Auch ich genieße das aufregende Feeling dieses einzigartigen Freizeitgeländes, während ich auf meinen Interviewpartner warte. Ich bin etwas zu früh, doch Jens Werner lässt nicht lange auf sich warten. Der 34jährige ist so was wie der Chef des Mellowparks und von Anfang an dabei. Das Projekt ist sozusagen sein Baby. Der ausgebildete Fachgehilfe für steuer- und wirtschaftsberatende Berufe ist im Verein vor allem für alles Finanzielle zuständig.

Eigentlich sollte man erwarten, dass er selbst ein begnadeter Skater bzw. BMXler ist. Ausprobiert hat Werner sich diesbezüglich schon, aber er merkte früh, dass ihm das nötige Talent dafür fehlt. Deshalb spielt er in seiner Freizeit lieber Fußball und ist in der Stadt unterwegs. Als er von meiner Interviewanfrage erfuhr, war er sofort bereit, mir über das Projekt Rede und Antwort zu stehen.

Jens Werner hat den Mellowpark im Blut ©2010 Andreas Düllick

Andreas Düllick: Was bedeutet das ‚Projekt Mellowpark‘ für Dich?

Jens Werner: Der Mellowpark ist ein Ort, wo man sein kann, wie man will, wo man sich verwirklichen kann, lachen, weinen, wo man was erleben kann, wo man andere Leute treffen kann. Und: Wir nennen es selbstbestimmte Freizeitgestaltung. Als wir das Projekt vor mehr als zehn Jahren gestartet haben, habe ich es mit ein paar anderen ehrenamtlich betrieben, jetzt ist es meine Arbeit. Es ist so umfangreich geworden, dass wir professionelle Strukturen im Hintergrund brauchen.

Was wäre, wenn es den Mellowpark nicht geben würde?

Jens Werner: Schwierige Frage, ich mach das ja schon ein paar Jahre, und es gab eigentlich nie Phasen, in denen ich darüber nachdenken musste, was wäre, wenn es den Mellowpark nicht geben würde. Vielleicht in der Phase des Umzugs, wo man sich schon gefragt hat, lohnt es sich darum zu kämpfen, es zu erhalten, warum macht man das, vielleicht haben sich auch die Kids verändert, sind nicht mehr so engagiert, nicht mehr politisch engagiert, nicht mehr so sehr interessiert an Beteiligung, sondern eher an Ergebnissen‘. Da gab es schon Momente, wo man sich selbst hinterfragt hat. Aber ehrlich gesagt, ich könnte mir nicht vorstellen, dass es den Park nicht gibt. Zumal wir ja diesen Ort hier haben und viele Freundschaften zu anderen Skate- und BMX Projekten in anderen Städten und wir wissen schon, dass wir für die so eine Art Vorbild sind, d.h. es würde nicht nur dieser eine Ort verloren gehen, sondern auch das Mutterschiff. Viele andere orientieren sich an uns, da würden mehrere Sachen gleichzeitig zusammenbrechen, das würde ich nicht erleben wollen.

Die Kids lieben ihren Mellowpark ©2010 Andreas Düllick

Wie kamt Ihr auf die Idee, den Mellowpark zu gründen?

Jens Werner: Wir haben damals ein Jugendzentrum betrieben, das ‚All‘, das machen wir heute noch. Und hier in Köpenick haben wir ja das Glück, dass wir Wald und Wasser haben. Im Sommer war das eigentlich schon immer so, dass wir raus wollten und nicht in einem dunklen Jugendklub abhängen. Dann kam draußen der erste Basketballkorb, dann kam die erste Freifläche dazu. Dann haben wir uns gesagt, ‚wir brauchen eine Freifläche‘.

Ich würde heute gar keinen Klub mehr genehmigen, der keine Freifläche hat, gerade in so einem Bezirk wie Treptow-Köpenick nicht, wo die Klubleiter im Sommer in ihren leeren Klubs sitzen und sich wundern, weil die Jugendlichen nicht kommen. Na klar, die sind draußen, sitzen am Strand, springen ins Wasser, gehen in die Parks, rennen durch den Wald. Deshalb muss man mit einem Projekt wie dem Mellowpark auch in diese Richtung denken. Vor allem darum ging und geht es, um diese Freifläche, dass man sich bewegen, sich austoben, ausprobieren kann. Wichtig ist auch, dass die Sportarten nicht gegeneinander stehen, wir haben nie gesagt, ‚Skateboarden oder Basketball ist cooler’. Wir haben immer eine Fläche gesucht, wo alles möglich ist. Bei uns ist alles möglich und viele verschiedene Kulturen treffen aufeinander.

Was bedeutet der Name ‚Mellowpark‘?

Jens Werner: Wir waren eine Gruppe von zehn, zwölf Leuten und haben über einen Namen nachgedacht. Wir hatten alles Mögliche an schlimmen Namen. Ich war am Anfang total gegen den Namen ‚Mellowpark‘, übertragen heißt das ja ‚gemütlich‘ bzw. ‚chillen‘. Und deshalb habe ich mich dagegen gewehrt, das war mir zu sehr mit der Faust auf’s Auge, zu direkt, so was wie ein ‚Chillpark‘. Jetzt ist es ein Begriff, ein Eigenname, hinter dem ich voll stehe. Denn, man sagt ja auch zu einer Rampe, dass sie besonders ‚mellow‘, also ‚gemütlich‘ ist, das trifft es schon sehr gut. Und dass man es mit einem Park verbindet und nicht nur mit einer Rampe, das finde ich auch gut.

Jump & Hop ©2010 Andreas Düllick

Wann ging es denn genau los?

Jens Werner: Es gab damals schon unser Jugendzentrum. Wir haben 1999 damit angefangen, als wir an die Friedrichshagener Straße gezogen sind. Da standen wir vor einer riesigen Industriebrache und haben gedacht, da müssen wir was draus machen. Zeitgleich flatterte damals ein Flyer bei uns rein mit einem Wettbewerbsaufruf unter dem Motto „Jugend entwickelt das neue Berlin“. Das war genau unser Ding, wir haben ein Konzept geschrieben, ein Modell gebaut und mit dem ‚Projekt Mellowpark‘ am Wettbewerb teilgenommen. Wir haben auch gewonnen, aber damit war leider nicht die Realisierung verbunden. Stattdessen haben wir zehn Kinokarten gewonnen, die wir gar nicht eingelöst haben. Das war eher so ein Vorzeigewettbewerb für Schüler, die gesagt haben, ‚wir wollen zwei neue Mülleimer haben für unser Schulgelände‘.

©2010 Andreas Düllick

Wir sind drangeblieben und haben uns im nächsten Jahr noch mal am selben Wettbewerb beteiligt. Unsere Idee war, den Park mal symbolisch aufzubauen und damit haben wir wieder gewonnen. Wir haben damals gedacht, dass die Politik unsere Idee nicht verstehen und denken wurde, ‚so ein Skatepark, was soll das‘. Da haben wir gesagt, ‚kommt, wir müssen so einen Skatepark mal in der Praxis zeigen.

Wir haben dann das Gelände von der ‚TLG‘ bekommen für sechs Wochen. Davon gingen allein vier Wochen für die Beräumung des völlig zugefüllten Geländes drauf. Dann haben wir alles aufgebaut für eine Veranstaltung an einem Wochenende. Dann sollten wir wieder alles abbauen, doch das Wochenende war so erfolgreich, dass alle sagten, ‚kommt, macht doch weiter bis zum Ende des Sommers‘, und ‚los macht weiter bis zum Ende des Jahres!‘ Und dann waren wir schon drin in der Zwischennutzung und konnten beweisen, dass wir mehr drauf haben, als sie uns zugetraut haben und dass der Bedarf riesengroß ist. Ab diesem Moment war das ein Selbstläufer.

Ihr seid seit ein paar Monaten hier auf dem neuen Gelände, dem ehemaligen Paul-Zobel-Sportplatz. Ist das Euer Traumgelände und wie seid Ihr dazu gekommen?

Jens Werner: Das neue Gelände ist eigentlich ein Paradies, das schönste Gelände, was wir für unser Projekt kriegen konnten: 70.000qm direkt an der Spree! Das ist eigentlich auch eine Art von Wertschätzung für Jugendliche, ich weiß nicht, ob die das schon so wahrnehmen.

Aber die Erwachsenen sollten schon sehen, dass hier mal nicht die letzte Ecke an die Kids vergeben worden ist unter der Autobahnbrücke, wo sonst die Skateparks stehen oder direkt an der Autobahn. Das ist ein Gelände, wo man sich richtig entfalten kann und das ist schon wunderschön. Viele Köpenicker kennen das Gelände, es liegt schon lange brach. Ich kenne es schon seit meiner Kinderzeit, habe schon immer ein Auge drauf gehabt und es für einen neuen Standort favorisiert.

Es hat eine Weile gedauert, bis wir die Politik davon überzeugt haben, allerdings haben wir hier von der BVV eine sehr große Unterstützung erfahren und auch vom Berliner Abgeordnetenhaus. Abgesehen von den Vermarktungsinteressen und den wirtschaftlichen Interessen des Landes Berlin, gab es viele Unterstützer, die gesehen haben, dass es hier eine Chance für etwas ganz Besonderes gibt.

©2010 Andreas Düllick

Habt Ihr Planungssicherheit?

Jens Werner: Wir haben einen 10-Jahresvertrag unterschrieben. Ich glaube, das ist Planungssicherheit. Manche sagen, das würde nicht reichen. Aber wir sagen, ‚entweder sind wir in zehn Jahren so gut, dass wir hier für immer bleiben und nicht mehr wegzukriegen sind oder wir sind so schlecht, dass es weg muss‘. Früher hatten wir ja nie solche Sicherheiten, wir hatten immer nur Ein-Jahresverträge, von daher ist das jetzt für uns eine Luxussituation.

Baustelle Racetrac ©2010 Andreas Düllick

Was soll hier alles entstehen? Wie sind Eure Pläne für die nächsten Jahre?

Jens Werner: Wir haben hier jetzt viel mehr Platz. Natürlich sollen BMX und Skaten schon das Herzstück bilden. Aber wir wollen auch viel darum bauen, ein Jugendzentrum, eine Bildungsstätte und Ausstellungsbereiche entstehen. Dann soll eine BMX-Race-Strecke kommen, das ist eine Olympiadisziplin. Wir kommen ja aus dem BMX-Freestyle-Bereich, aber wir denken, dass BMX-Rennen für viele, gerade jüngere Kids ein guter Zugang ist zum BMX. Und wir wollen alle Inhalte, die wir auf dem alten Gelände hatten (Tonstudio, Siebdruckerei), hier auch etablieren. Es gibt Pläne, eine eigene kleine Kita aufzumachen. Natürlich ist die Wasserkante ein Riesenplus, vielleicht können wir einen kleinen Bootsverleih machen. Es gibt so viele Möglichkeiten und die wollen wir vollständig nutzen. Wir haben jetzt sogar eine Kooperation mit dem Angelverein auf unserem Gelände, über so was hätten wir früher nie nachgedacht. Aber jetzt werden wir auch was mit Angeln machen mit den Kids.

Baustelle Mellowpark ©2010 Andreas Düllick

Wer gehört alles zur Mellowpark-Crew? Wer steht dahinter, ein Verein?

Jens Werner: Es gibt einen Verein, den „all eins e.V.“ mit 230 Mitgliedern. Man muss aber bei uns nicht Mitglied werden, wir machen auch keine große Werbung dafür, man findet keine Schilder auf dem Gelände mit ‚all eins e.V.‘ oder dem Spruch ‚Werde Mitglied‘ oder so drauf. Wir halten auch nicht viel von Vereinsmeierei. Wer bei uns Mitglied werden will, der muss allerdings schon besonders engagiert sein. Es gibt ganz viele ehrenamtliche Helfer außerhalb des Vereins, manche sind Mitglied, manche nicht, manche arbeiten bei uns, es gibt ehemalige Mitglieder, die heute noch aktiv sind z.B. im Vorstand.

Wir machen viele freiwillige Arbeitseinsätze, das sind sehr viele Leute dabei, mittlerweile auch viele Anwohner. Am allergrößten ist natürlich die Gruppe der Kinder und Jugendlichen, die wir größtenteils noch über das alte Jugendzentrum betreuen, aber auch schon hier. Davon sind manche auch im Verein, aber die meisten sind eine lose Gruppe, ein Freundeskreis, man sagt auch die ‚Bande‘ oder die ‚Mellowpark-Familie‘. Das ist eigentlich sehr positiv, aber auch wenig negativ besetzt, weil manche sagen, ‚Ihr seid ja ein Klüngel, macht das seit zehn Jahren, man kommt da schwer rein‘. Aber das öffnet sich jetzt gerade mit dem neuen, großen Gelände hier, das ist eine Chance, solche Klischees aufzubrechen.

Die Strecke verlangt den Jungs alles ab ©2010 Andreas Düllick

Das Projekt Mellowpark kostet sicher eine Menge Geld?

Jens Werner: Wir haben eine gewisse Grundabsicherung über den Bezirk, der die Jugendarbeit, die wir machen jährlich finanziert. Das betrifft z.B. das Jugendzentrum, deswegen muss das auch ganz dringend hier her. Das ist die Homebase, die Basis, das Fundament für alles andere. Die Anlagen und Rampen etc., was man draußen sieht, haben wir größtenteils alles selbst finanziert über Sponsoring, über Stiftungen, über Spenden. Wir bauen aber auch an anderen Orten mit unserem großen Knowhow Rampen, wir sind auf dem Messebau unterwegs und bauen dort Material ab, ‚machen aus Scheiße Gold‘.

Reicht das Geld?

Jens Werner: Am alten Standort hatten wir das hingekriegt, hier sind wir gerade ein wenig in Schwierigkeiten, weil wir noch nicht so dicke Eier haben beim Verhandeln. Es gibt ja noch so viel zu sehen, es ist alles erst im Entstehen. Und wir müssen erst einmal eine braurechtliche Situation schaffen, damit wir auch Sponsoringverträge abschließen können. Beim Sponsor kann man nicht mit einem unfertigen Projekt ankommen, man muss der Beste auf seinem Gebiet sein. Und wir wollen die Besten sein, das braucht aber noch ein wenig Zeit. Bei den baurechtlichen Fragen haben wir Unterstützung aus dem Bundesbauministerium, weil wir Teil eines Forschungsprojekts sind. Es gibt natürlich auch Leute, die sind skeptisch und sagen, das ist zu groß für Euch‘, aber die kennen uns nicht und wissen nicht, wie viel Power wir haben. Wir brauchen eigentlich nur Zeit, das ist der schwierigste Faktor. Wenn durch Betriebskosten o.ä. zu schnell Druck aufgebaut werden würde auf das Projekt, dann wird’s kompliziert. Wenn wir Zeit bekommen, das Projekt gemeinsam mit den Kids in Ruhe aufzubauen, dann gibt es keine Schwierigkeiten.

Jens Werner und sein Mellowpark… ©2010 Andreas Düllick

Gibt’s Fördergelder von der EU?

Jens Werner: Wir haben uns zwar damit beschäftigt, aber noch nie einen EU-Antrag gestellt. Wir haben uns als kleiner Treptow-Köpenicker Verein noch nicht getraut, sind kein großer Träger, auch nicht groß vernetzt, nicht Mitglied in Wohlfahrtsverbänden. Wir sind stolz darauf, dass wir alles selbst geschafft haben, aber gerade das fällt einem bei solchen Dingen wie EU-Förderprogrammen dann auf’s Bein. Aber das ist vielleicht eine der Aufgaben für die nächsten Jahre solche Fördertöpfe anzugraben. Dann wäre der wirtschaftliche Druck nicht so groß. Heute könnte man ein Projekt wie den Mellowpark auch kommerziell betreiben. Wir könnten zehn Euro Eintritt nehmen. Es gibt genug Jugendliche oder Eltern, die herkommen und das bezahlen würden, aber genau das ist nicht unser Anspruch, wir wollen das ja für alle Kinder machen.

Und da wir ja auch ein Stück näher nach Schöneweide gezogen sind, merken wir schon, dass da ein großer Zulauf aus der Gegend kommt. Das hätten wir nicht gedacht, weil, wir kommen ja von zwei Ecken weiter und da waren die Kids aus Schöneweide nicht so gut angekommen. Aber jetzt haben wir eher Jungs und Mädels, die überhaupt keine Kohle haben, zum Teil nicht mal eine warme Mahlzeit haben. Und da kommt die kommerzielle Idee, den Kindern das Geld aus der Tasche zu ziehen, für uns überhaupt nicht in Frage, eher schon so ein prall gefüllter EU-Fördertopf. Obwohl wir ja nicht nur auf öffentliche Mittel aus und nur am Jammern und Betteln sind, sondern eher anpacken und selber machen. Wir haben mittlerweile viele Dienstleistungen entwickelt, die wir dem Markt anbieten, damit Geld verdienen, da wir dann hier reinstecken.

Welche Sportarten gibt es bei Euch?

Jens Werner: Skaten, BMX, Basketball, Fußball, früher gab es noch Beachvolleyball, kommt auch wieder. Wir haben aber auch im Jugendzentrum noch andere Sachen, ein Tonstudio, eine Siebdruckwerkstatt. Wir kommen ja aus der Jugendkultur und das wollen wir hier auch aufbauen. Auch einen Kinderspielplatz wollen wir einrichten.

Fly high! ©2010 Andreas Düllick

Kommen nur Jungs oder auch Mädels?

Jens Werner: Da wir aus der Jugendarbeit kommen, gilt bei uns das Prinzip fifty-fifty. Im Verein gibt es fast mehr Mädchen als Jungs, aber an sich ist z.B. BMX-fahren schon ein Männersport.

Aber wir haben auch Mädels, die Fahrrad fahren: Wir haben ein eigenes Projekt, das heißt ‚Ladies first‘, da kümmern wir uns speziell um Mädchen, die Bock haben, BMX und Skateboard zu fahren. Wir sagen den Mädchen, die herkommen, aber nicht, ‚Du musst BMX oder Skateboard fahren‘. Wenn sie einfach nur auf der Wiese sitzen und den Jungs zusehen, ist das auch ok für uns. Bei Partys ist das Verhältnis 50:50, der Skatepark und die Rampen werden vorwiegend von Jungs genutzt, und das ist aber auch ok. Aber, wenn das hier ein reiner Männerverein wäre, würde ich mir schon Sorgen machen, ist es aber nicht.

Stichwort ‚Integration‘: Kommen nur Deutsche her?

Jens Werner: Der Mellowpark ist ein Spiegel des Bezirks. Treptow-Köpenick ist nicht dafür bekannt dafür, dass wir vielen Jugendlichen mit Migrationshintergrund haben. Wenn wir in Kreuzberg oder Neukölln sitzen würden, wäre das automatisch anders, dann würden wir uns mit diesem Thema auch viel mehr beschäftigen.

Wir haben auch Jungs mit Migrationshintergrund, machen auch unsere Witzchen zusammen mit ihnen darüber. Es gibt hier auch Kids verschiedener Hautfarbe und auch mal Sprüche, aber insgesamt ist das hier alles sehr friedlich, wir haben damit keine Sorgen. ‚Migration‘ und ‚Integration‘ – diese Begriffe sind ja in der Politik schon so sehr abgedroschen, das muss ja schon in jedem Konzept drinstehen.

Man muss ja schon sagen, dass die alle Drogen nehmen würden, wenn es z.B. den Mellwopark nicht geben wurde, aber das stimmt ja nicht. Wir haben ganz andere Sorgen hier in Treptow-Köpenick, wir haben die NPD-Zentrale hier im Bezirk. Wir bieten Alternativen an und sagen, ‚Kommt her, verbringt Eure Freizeit hier, macht was Ihr wollt, aber guckt nach links und rechts. Sich selbst zu verwirklichen heißt nicht, andere einzuschränken. Man kann hier handwerkliche Fähigkeiten und andere Kompetenzen erlernen und das hat viel mit diesem Thema zu tun.

Jens Werner hat für jeden ein offenes Ohr ©2010 Andreas Düllick

Wie ist die Altersstruktur, das Niveau der Mellowpark-Nutzer?

Jens Werner: Es ist Wahnsinn, das ändert sich im Prinzip mit der Uhrzeit. Im alten Park kamen gegen 12 Uhr die Kids, ab 16 Uhr die Azubis. Jetzt geht das von zehn bis 30 Jahre ca., früher war es 14 bis 25 Jahre. Die 25jährigen fahren immer noch und es kommen immer mehr jüngere Kids, das ist ein echtes Problem, weil die nicht so gut ausgestattet sind, sich noch nicht so gut auskennen, vielleicht noch nicht mal die Power haben. Die Räder haben sich verändert, sind kleiner und leichter geworden, deshalb werden vielleicht auch die Kids, die damit anfangen, immer kleiner.

Und der Zugang hat sich verändert: Früher hätten viele Eltern ihren Kindern verboten, zum Mellowpark zu fahren, frei nach dem Motto, ‚Oh Gott, fang‘ bloß nicht zu Skateboarden an!‘. Heute kriegen sie zu Weihnachten ein Skateboard oder ein BMX-Rad geschenkt und kommen dann hier an. Deshalb müssen wir uns gerade dieser jüngeren Zielgruppe widmen in Zukunft, z.B. Nachwuchs-Workshops anbieten, Sachen, die wir früher nie für möglich gehalten hätten, denn Skateboarden lernt man ja eigentlich nicht in Workshops. Aber wir gehen mittlerweile auch Schulen und bieten das dort an.

Kommen denn auch die echten Cracks hierher?

Jens Werner: Ja, Berlin ist die BMX-Hochburg, das hat auch mit dem Mellowpark zu tun, deutschlandweit und eigentlich auch in Europa. Wir haben z.B. Tobias Wicke (Wicke holte sich 2000 in der Masters Class den WM-Titel in der Minirampe. Diverse Siege im Street, Miniramp und Dirt verbuchen bei namenhaften Veranstaltungen wie der IFMA, den BMX-Worlds, dem Metro Jam, dem King of Concrete, dem 3 Degrees, dem BMX P.I.G., dem ersten RebelJam in Berlin und im Street bei den LG-Games 2005 folgten.) hier, der in Berlin wohnt und auch diese Rampe hier mit ausgedacht und gebaut hat, der ist ein weltweit anerkannter BMX-Profi.

Wir haben Lennie Burmeister hier, der gerade eine kleine Rampe baut, der ist eine absolute Größe weltweit im Skateboarden. Natürlich kommen die ganzen Superstars immer noch aus den USA. Aber Europaweit sind unsere Jungs schon Spitze. Was Skateboarden betrifft ist Berlin nach Barcelona die zweitbeliebteste Stadt. Wir haben jetzt richtig Skateboardtourismus in Berlin, früher sind alle nach Barcelona gefahren, jetzt kommen alle Leute nach Berlin. Viele Skater und BMXler ziehen aus Deutschland hierher, wegen der vielen Möglichkeiten, neben dem Mellowpark gibt es ja viele coole Locations in der Stadt (Skatehalle in der Revaler Straße, das Kulturforum in Tiergarten, das Deutsch-Polnische-Ehrenmal im Volkspark Friedrichshain, der Skateplatz am Pappelplatz in Mitte und der Skatepark in der Hasenheide), die viele Leute anziehen. Aus meiner Sicht wird Berlin demnächst die absolute Hochburg dieses Sports in Europa sein.

Auch Cracks sind hier am Start ©2010 Andreas Düllick

Der Mellowpark soll als Olympiastützpunkt für BMX im Gespräch sein?

Jens Werner: Damit haben wir gespielt, als wir um das Grundstück hier gekämpft haben. Wir wollten zeigen, welche Perspektiven das Projekt hat und dass das nicht nur so ein ‚Trendsport‘ ist, was ja meint, der Trend könnte auch mal schnell vorbei sein. Mittlerweile ist BMX-Race olympisch, in Peking wurde es zum ersten Mal ausgetragen. Wir kommen ja eher vom BMX-Freestyle her und da wollen die Leute nicht so die Verbandsstrukturen. Sie wollten keine Vereine, wollten sich nirgendwo anmelden. Verein, das ist eher so: Vater packt die Klamotten ein und schraubt am Rad, Mutter schmiert die Brötchen, und dann wird der Junge angetrieben. Wehe, der wird nicht Erster, der schlägt nicht den Nachbarjungen, dann hat sich das.

Das hat sich in vielen anderen Ländern ganz anders entwickelt, deshalb haben wir in dem Racebereich viel nachzuholen. D.h., der Mellowpark könnte Olympiastützpunkt werden, denn wir haben den großen Vorteil hier, dass wir die Anlage so gestalten können, dass man auch als Anfänger fahren kann. Denn jeder, der Fahrradfahren kann, kann so eine Raceanlage nutzen (Rampen sind viel schwieriger!). Deshalb haben wir das strategisch benutzt, um zu zeigen, dass wir nicht die Randgruppe mit tätowierten, bekifften Jugendlichen sind. Es gibt auch eine BMX-Bundesliga und wir würden sicher auch eine Mannschaft dafür aufstellen können. Aber der Freizeitgedanke soll nicht verloren gehen.

Wie läuft das ab, wenn jemand bei Euch einsteigen will?

Jens Werner: Man muss nicht, man kann Vereinsmitglied werden, das kostet dann 2,56 Euro (früher fünf Mark) pro Monat. Auf der alten Anlage konnte man freiwillig zwei Euro zahlen, wenn man die Anlagen genutzt hat. Wir haben das immer den pädagogischen Euro genannt: Wir hatten so Kontakt zu den Leuten, die mussten zu uns ins Büro kommen und sich anmelden. Da konnte man dann auch mal fragen: ‚Mensch Thomas, was ist los, du warst ja zwei Woche nicht da?‘. So konnte man ins Gespräch kommen. Außerdem konnten die Kids so lernen, dass nicht alles umsonst ist. Die Anlagen kosten viel Geld: Eine Belagplatte kostet pro Quadratmeter zehn Euro und wir brauchen jede Menge davon.

Ist es bei Euch gefährlich? Wie steht es um die Sicherheit?

Jens Werner: Die Rampen etc. werden vom TÜV abgenommen. Da wir allerdings

die Experten im Rampenbau sind, arbeiten wir sowieso eng mit dem TÜV zusammen. Wir werden gefragt, wie man Rampen baut, damit sie vom TÜV abgenommen werden. Wir haben das Knowhow.

Dann achten wir darauf, dass die BMxler Helme tragen, wir haben Helmpflicht, außerdem sollten alle Knie und Ellbogenschützer tragen. Das machen aber nicht alle, das ist ein wenig uncool. Aber generell gilt: No risk no fun! Auch beim Fußball kann man sich verletzen. Gedanken müssen wir uns diesbezüglich über die vielen jungen Leute machen, die das im TV sehen und ganz schnell sehr gut und BMX-Profi werden wollen und dabei vielleicht überziehen. Da müssen alle untereinander aufpassen, dass sie die Radkontrolle über der coolen Action nicht vergessen.

Deshalb wird es auch die Racestrecke geben, denn dort können sie Radkontrolle spielerisch erlernen. Wir haben wenige Verletzungen hier, im Jahr so drei, vier Armbrüche und natürlich Abschürfungen, aber ernsthafte Verletzungen sind sehr, sehr selten. Je besser man wird, desto besser lernt man fallen. Und die Rampen sind so gebaut von uns, dass wenig passiert. Früher habe ich mich gefragt, warum an einer Halfpipe keine Leiter ist? Na klar, weil so da auch nur Leute hochkommen können, die fahren können. Das ist ein ganz einfaches Sicherheitstool. Sonst könnte jeder dreijährige Knirps da hoch klettern und runterfallen. Und die Jungs kontrollieren und helfen sich untereinander eben auch. Das ist ganz wichtig. Die achten sehr auf die Sicherheit und geben sich auch die passenden Tipps. Generell gilt: Fahren auf eigene Gefahr. Und die Eltern wissen ja, wie oft die Jungs glücklich nach Hause kommen und natürlich gehört eine Schürfwunde auch schon mal dazu. Und: Viele Eltern sind heutzutage selbst schon Skateboard oder BMX gefahren.

Helmpflicht! ©2010 Andreas Düllick

Das Projekt Mellowpark hat ja sicher auch positive Auswirkungen auf das Sozialverhalten?

Jens Werner: Kiffen, Saufen, Prügeln etc. das sind die Klischees, wenn es um die heutige Jugend geht. Wir machen hier Jugendarbeit. Wir versuchen soziale Kompetenzen zu vermitteln mit unseren Möglichkeiten hier. Auf einer Skatefläche lernt man viel mehr sozialen Umgang mit anderen Kids als auf einem Schulgelände. Wir kommen ohne erhobenen pädagogischen Zeigefinger aus, wir vermitteln das indirekt. Wenn wir gemeinsam eine Rampe bauen, dann lernen sie das spielerisch, erwerben handwerkliche und soziale Kompetenzen. Wir wollen nicht Leute von der Straße wegholen, sondern Kids auf die Straße holen, aus der Wohnung raus und vom Computer weg ins reale Leben.

Wir wollen, dass sie Sport treiben und sich bewegen. Viele Sachen wie Alkohol und Drogen rücken dann automatisch in den Hintergrund. Kleine Jungs, die anfangen zu rauchen, kriegen hier immer wieder einen Spruch, wenn sie sich ‘ne Kippe anzünden und dann lassen sie es lieber von ganz allein. Bei Alkohol muss man aufpassen, das ist die gefährlichste Droge, weil die ist so halblegal, billig, leicht zu kriegen, und die Kids kriegen das Saufen daheim oft vorgelebt. Kiffen und andere Drogen sind eigentlich schon durch, das hat die Generation zuvor schon abgearbeitet. Kiffen und Sport passt eigentlich auch gar nicht zusammen.

Gibt’s bei Euch gewalttätige Auseinandersetzungen?

Jens Werner: Nee, da sind wir auch stolz drauf. Wir haben eine gute Durchmischung: Es kommen Kids aus begüterten Familien mit Einfamilienhaus am Müggelsee und Kids aus armen Familien. BMX und Skaten bieten die Möglichkeit, Anerkennung zu bekommen, gerade auch für Kids, die in der Schule nicht so klarkommen, wo es nur um teure Markenklamotten geht oder um gute Zensuren. Die holen sich hier die Anerkennung und helfen sich und beschützen sich gegenseitig. Obwohl es Individualsportarten sind, gibt es dieses Teamfeeling. Außerdem machen wir gemeinsame Fahrten, dass verbindet. Und mit Nazis z.B. haben wir gar keine Sorgen, weil die sich gar nicht hertrauen.

Was wünscht Du Dir für den Mellowpark?

Jens Werner: Ich wünsche mir Zeit und die notwendige Ruhe zu beweisen, dass wir mit dem Gelände nicht übertreiben haben, dass wir das schaffen können, das „Projekt M“ hier zu etablieren. Dafür würde ich gern noch viele Skeptiker ins Boot holen, um das gemeinsam zu stemmen.

Links:

https://www.youtube.com/watch?v=edVbFIenI0E

https://www.youtube.com/watch?v=5szQTG9mBTo

https://www.mellowpark.de/park.html

https://www.mellowpark.de/support/projekt-m.html

https://www.youtube.com/watch?v=X2jiEcdGsLM

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