Oliver Rath (* 14. April 1978 in Heidelberg; † 18. August 2016 in Berlin)

Alles Anarchie bei mir!

Ein schönes Galeriegespräch mit dem Fotografen Oliver Rath

STICHWORTE: Andreas Düllick | ANTWORTEN: Oliver Rath

(strassenfeger 8/2014)

Oliver Rath – ein Getriebener ©Andreas Düllick

Oliver Rath ist ein sehr erfolgreicher Fotograf. Wenn man ihn zum ersten Mal trifft, ist man perplex und verängstigt. Am ganzen Körper tätowiert, schwarze Sonnenbrille, extravagante Kleidung. Man spürt sofort: Der Typ ist alles andere als angepasst! Ein Rebell sei er, und er liebe Rebellen, sagt Oliver Rath über sich selbst. Das stimmt. Und – man sieht es auch an seinen Fotografien. Auf den ersten Blick sind sie einfach nur provozierend, schockierend, nichts für Spießer. Es geht um Sex, um Anarchie, um das Brechen von Normen.

Immer für eine charmante Provokation gut  ©Andreas Düllick

Das seine Fotos auch extrem schön sind, erschließt sich vielen Betrachtern erst auf den zweiten oder dritten Blick. Ein paar Jahre hat es gedauert, bis sich Oliver Rath im Haifischbecken Berlin durchsetzen konnte. Mittlerweile ist er angekommen. Für den strassenfeger hat er die Spendenkampagne »ONE WARM WINTER« perfekt ins Bild gesetzt. Grund genug für mich, Oli endlich mal in seiner Galerie in der Rosenthaler Straße 66 zu einem etwas anderen Gespräch zu treffen. Ich schlage ihm vor, dass ich nur Stichworte vorgebe, die ich über ihn gefunden habe bzw. ganz generelle, und dass er bitte kurz darauf antworten soll. Das gefällt ihm ganz ausgezeichnet, und wir legen los:

Zu Besuch in Oliver Raths Galerie ©Andreas Düllick

Andreas Düllick: Alter?

Oliver Rath: Alter. Ach so, mein Alter, 36, gestern gerade geworden.

Unter der saumseligfränkischen Oberfläche brodelnder Wahnsinn!

Bestimmt.

Interviewvorbereitungen in der RATH GALLERY ©Andreas Düllick

Hobbyfotograf aus der südbadischen Provinz!

Das kann man absolut so sagen.

Autodidakt!

Auch! Hätte ich mal was gelernt!

»Ich hab viel mit Licht gemacht.«

(lacht) ja. Weil ich es ja nicht gelernt habe, war ich echt voll oft in der Bücherei und habe mir Licht-Bücher angeschaut, damit ich ein bisschen besser lerne, wie ich mit Licht umgehen kann.

RATH GALLERY  ©Andreas Düllick

Ideen – Vokabelheft für Grundschüler?

Ich habe wirklich so ein Ding für Ideen und da mache ich dann ganz schlechte Zeichnungen von meinen Fotos, die ich mir vorgenommen habe. Das sind riesige Listen, ich habe bestimmt noch viel mehr Bilder vor mir, als ich bisher geschossen habe.

Vom Proll-Rapper zum kreativen Paparazzo?

Ich bin ein super Proll-Raper gewesen. Ich habe mir das neulich wieder angehört… Aber ich habe auch ein Lied über meinen verstorbenen Vater geschrieben, das werde ich demnächst auf Video veröffentlichen, das ist sehr tief. Bei Fotos war ich oft total oberflächlich und vielleicht auch eklig, und ich versuche da jetzt auch tiefer zu gehen.

Rockiger Freundeskreis! ©Andreas Düllick

Bilder eines Getriebenen?

Ich bin echt getrieben. Ich bin förmlich süchtig danach, neue Bilder zu produzieren, weil ich mir die alten einfach nicht mehr anschauen kann.

Im Gespräch mit seinem Assistenten ©Andreas Düllick

Urbaner Hedonismus!

He, wow, auch. (lacht sich scheckig)

Der erste Bildband von OLiver Rath „Berlin Bohéme“ – passt! ©Andreas Düllick

Mal schelmischer, mal beißender Humor?

Privat habe ich noch einen viel fieseren Humor, aber auf Fotos habe ich den noch nicht übertragen, das traue ich mich nicht. Das kommt noch!

Harte Sprache ohne diplomatisches Beiwerk und Kompromissbereitschaft!

Ja, da ich mir ja so wenig anschaue, versuche ich immer das Maximale an rauszuholen.

Ausstellungsstücke ©Andreas Düllick ©Andreas Düllick

Elegante Bedeutungsinszenierung!

(Schweigt verblüfft) Aha. Na ja. Ich finde es manchmal weniger elegant

oder auch zu oft. Aber ich wurde gern elegant sein. Ich gebe mir Mühe.

Schaufesterblick in die RATH GALLERY ©Andreas Düllick

Virtuose der Dinge!

(lakonisch) Ja, bestimmt. (lacht schallend) Sag mal, wo hast Du denn diese ganzen Stichwörter her?! Da kann ich gar nichts drüber sagen.

Advokat der Eindrucksmaximierung!!!

Heijeijei! Da wird aber mit Begriffen um sich geschmissen!

Eines seiner Lieblingsfotos ©Andreas Düllick

Bildchronist des Zeitgeistes?

Versuche ich zu sein, da gebe ich mir sehr viel Mühe. Ich sehe mich selbst als Spiegel der Gesellschaft. Und so oberflächlich das mittlerweile ist, so tief will ich manchmal auch reingehen.

Tagträumer?

Absolut! Ich lebe in einer totalen Traumwelt, ich lebe wie in einer Märchenwelt. Bei mir ist alles schön, und wenn irgendwas schlecht ist, dann wird mir auch ganz übel und ich muss kotzen.

Etablierter Fotograf der Berliner Szene!

Das freut mich total. Weil, ich bin als Schwarzwälder Bauer hierher gezogen, und ich habe mich in Berlin verliebt. Ich habe das sogar tätowiert auf der Hand, weil die Stadt mich so geprägt hat, und ich sie so liebe, sie offene Menschen hat und auch so ehrlich ist. Ich musste sehr darum kämpfen, dass sie meine Sachen dann so ein wenig akzeptiert haben hier und nicht mehr ganz so doof fanden.

Mit Oli Schulz und Muse Caro Cult ©Andreas Düllick

Liebling der jungen, urbanen Szene!

Das freut mich auch total. Ich hoffe, ich bleibe das noch eine Weile und will kein spaßiger Papi sein.

Fotograf 2.0

Absolut. Das Internet hat mich bekannt gemacht, da bin ich sehr dankbar dafür. Sonst hätte ich sehr viele Ausstellungen machen müssen, und alle hätten mich ausgebuht, und wahrscheinlich hätte ich dann gar nicht mehr ausstellen dürfen.

Vernissage vor und in der Humboldt-Box – „Berlin Bohéme“ wird präsentiert ©Andreas Düllick

Populärster Fotoblogger Deutschlands!

Freut mich auch total, ich verstehe das auch wie einen Job, und ich versuche jeden Tag etwas rauszudonnern, weil es wie eine Arbeit ist. Manchmal macht es echt Spaß, manchmal ist es wie Arbeit.

Staubsaugerlinsenlook?

Ja, die war eh kaputt diese Kamera, und dann habe ich da so viel Staub rein gemacht mit Haarspray und innen wieder frei gemacht. Ich liebe diesen Look, ich wäre ganz traurig, wenn ich den irgendwann mal verlieren wurde, weil die Kamera ist völlig kaputt, aber sie hat einen Look wie analog, und das wollte ich digital erreichen.

Berlin:

Hektik, harte Winter, jede Menge

Aufbau der Vernissage läuft  ©Andreas Düllick

Tauschgeschäfte und das Abenteuer der Selbstentdeckung in einem wilden

Haifischbecken!

Berlin ist ein absolut wildes Haifischbecken. Da ich ein Mann der Taten bin, finde ich Berlin auch so inspirierend, weil hier auch so viel geredet wird von Umsetzungen, das mache ich auch, nur ich will das dann immer ganz schnell umgesetzt haben. Berlin muss man erleben, dass kann man nicht umschreiben. Man muss die Energie hier fühlen, und dann wird man mitgetrieben oder ist außen vor.

Berlin ist sexy, anarchisch, unfertig, zügellos, obszön!

Ja, es ist sehr anarchisch, sehr zügellos und obszön! Ich werde hier ja auch zu den wildesten Sachen eingeladen und entdecke die Stadt jedes Mal neu.

Großformate in der Vernissage zu „Berlin Bohéme“ ©Andreas Düllick

»Fotografier mich jetzt!«

Hat mir jemand geschrieben mal! Ja! Ich kriege ganz oft Mails »Heh, ich bin gerade auf’m Cover vom Playboy, wollen wir beide Bilder machen?« Ich schaffe das gar nicht, so viel zu knipsen, wie mich gerade anfragen, weil die meisten lerne ich nachts kennen, und dann ergibt sich das, sehr viel freundschaftlich, und dann wiederholen sich die Gesichter auch. Und wenn ich jemanden mag, dann fotografiere ich den auf jeden Fall öfter.

Fotokünstler Yoram Roth: »Oli scheut sich nicht, Gefühle und Sex oder das Schöne mit dem Hässlichen zu verbinden.«

Das ist sehr nett von ihm. Das scheue ich mich auch nicht. Die Fotos, die ich mag, sind nicht so schön, die kommen vielleicht auch nicht so an, da ist der Geschmack ganz auf meiner Seite, aber manchmal zündet ja dann doch.

Volles Haus bei der Vernissage ©Andreas Düllick

Guerilla-Shooting?

(Lacht) Ja, mache ich sehr oft, so wie mein Guerilla-Marketing! Es ist alles Anarchie bei mir. Ich gehe am liebsten raus, da bin ich kreativ. Ich muss einfach rausgehen.

Penis im Sandwich!

Ich hatte auf dem Blog schon ganz schlimme Fotos, das war eins der ganz schlimmen, ein Penis in einem Sandwich. Und der Sponsor wollte mich gerade googeln, und er sieht das erste Bild da auf dem Blog und hat sofort gesagt, »Bei so’m Kack machen wir nicht mit«. Ja, der war stinksauer! Das ist mir aber öfter passiert. Bei Marken fanden die mich überhaupt alle zum Kotzen, deswegen habe ich auch eine Galerie gemacht und mache lieber Kunst, weil ich da so schön frei bin und mich nicht dauernd gegenüber Firmen rechtfertigen muss.

Das schönste Wort?

Kontakthof! Das ist ein uraltes Wort, da könnte man auch Bordell sagen, ich finde, das ist ein viel schöneres Wort als Bordell. Es hat nicht so was Primitives, und der Kontakthof war ja auch zum Kennenlernen von Menschen da. Heute wird das leider alles so primitiv und unromantisch per Chat erledigt. Ein tolles Wort, das gefällt mir, und dazu werde ich auch noch ein Foto machen. Aktuell mein Lieblingswort!

Oli Schulz wird die Laudatio halten ©Andreas Düllick

Kohle machen?

Langsam ist es besser. Ich habe sehr hart gekämpft, hier überhaupt nur ein paar Cent zu verdienen und war völlig pleite. Aber mir ging es auch nie ums Geld.

»DOJO Fuckingyeah«?

Freunde von mir! Ich liebe die Jungs, und wir haben uns kennengelernt betrunken auf ’ner Party und haben uns sofort verstanden. Nee, ich war erst ganz spießig sogar in ihrer Agentur als Fotograf! Aber ich habe mich blind mit den Jungs verstanden. Weil es Rebellen sind! Und ich mag Rebellen!

Extraausgabe des strassenfeger zu „Berlin Bohéme“ ©Andreas Düllick

Obdachlosigkeit?

Das ist ein Thema, das mich sehr beschäftigt, weil ich da nicht weggucke, sondern hinschaue. Wir alle sollten da hinschauen und helfen und nicht einfach dran vorbeigehen. Deutschland ist so, wenn man da drin ist, kommt man nicht so einfach raus. Man kann auch nicht einfach sagen, der ist selbst schuld und der auch. Das stimmt nicht. Jeder von uns hat ein Lebens-Tief, der eine hat ein Burnout, der andere etwas anderes. Deshalb finde ich den strassenfeger auch grandios!

Der strassenfeger hatte extra für Olis Vernissage eine kleine Extraausgabe produziert ©Andreas Düllick

Spendenaktion »ONE WARM WINTER«!!!

Eine ganz wichtige Sache, auch wenn dieser Winter jetzt nicht kalt war, kenne ich die Berliner Winter. Ich weiß noch, wie der vor vier Jahren war. Da sind alle ausgerutscht, das war der kälteste Winter, der mir je passiert ist, außer in Russland vielleicht noch mal einer. Da habe ich gedacht: »Mensch, die armen Menschen, die draußen frieren, und dann darf man nicht mehr in die Bahn rein, und da wird man rausgeschmissen, und in der Bank kann man nicht mehr pennen.« Und da war das wirklich das Beste, was ich gehört habe, nämlich Klamotten zu spenden. Da war ich dann auch sofort dabei, und das bin ich immer noch.

Auch Ulla, die älteste strassenfeger-Verkäuferin, war zur „Berlin Bohéme“-Gala eingeladen ©Andreas Düllick

Tochter Matilda? Meine Kleine, ich liebe sie. Wir waren gestern im Bunker und haben eine Führung dort gemacht, dann lag da Kunst auf’m Boden, ’ne Tasse und irgendwas. Da hat sie ihre Jacke genommen und auch auf den Boden geschmissen und dann »Hallo« gerufen. Da habe ich sofort gemerkt, die hat es ja absolut verstanden. Wir haben denselben Humor, obwohl sie gerade Mal zweieinhalb ist.

Auf dem Weg zum großen Erfolg… ©Andreas Düllick

Träume?

Sollte man immer haben, ich habe noch ganz viele!

Interessante Links:

https://bonck.wordpress.com/2014/10/01/oliver-rath-feiert-fotoband/

https://bonck.wordpress.com/2014/10/14/oliver-rath-berlin-soll-so-bleiben-wie-es-ist/

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