Hans-Joachim Seppelt – ARD-Dopingexperte (2013)

»You are the devils«

Der ARD-Dopingexperte Hans-Joachim Seppelt über seinen schwierigen Kampf (2013)

INTERVIEW & FOTOS: Andreas Düllick

Der ARD-Dopingexperte Hans-Joachim Seppelt im Interview mit Andreas Düllick

Am 10. August beginnen in Moskau die Weltmeisterschaften der Leichtathleten. Einer der großen Stars der Szene ist Usain Bolt (Jamaika), sechsfacher Olympiasieger über 100m, 200m und mit der 4-mal-100-Meter-Staffel und Weltrekordhalter im 100-, 200-Meter-Lauf und der Staffel. Eigentlich wollten wir an dieser Stelle ein Interview mit Usain Bolt veröffentlichen. Doch die Zeit hat uns wieder einmal überholt. Denn nach den positiven Dopingtests der Topsprinter Tyson Gay und Asafa Powell steht die Leichtathletik vor den Weltmeisterschaften im August in Moskau unter Generalverdacht. Mittlerweile wurden acht von zehn der weltbesten Sprinter des Dopings überführt.

Hinzu kommt, dass mehr als 30 türkische Leichtathleten positiv getestet sein sollen. Dazu kommen einige russische Athleten. Der ARD-Dopingexperte Hans-Joachim Seppelt sagt dazu, wenn man die Zahl der positiven Dopingtests in der Leichtathletik der letzten Jahre zusammenzählen würde, käme man zu dem Ergebnis, dass die Leichtathletik das gleiche Problem habe, wie der dopingbelastete Radsport. strassenfeger-Chefredakteur Andreas Düllick sprach mit Hans-Joachim Seppelt über Doping im Vorfeld der WM.

Andreas Düllick: Momentan dürften Sie sich über mangelnde Arbeit wohl nicht beklagen?

Seppelt: Ja, das kann man wohl sagen. Angesichts der vielen Fälle, nehmen wir die Sprinter um Tyson Gay und Asafa Powell, dann gibt es viele gedopte russische Sportler oder auch tückische Leichtathleten. Wir haben anscheinend Hochkonjunktur in Sachen Doping derzeit.

Asafa Powell (rechts in gelb) bei den Weltmeisterschaften 2007 (Quelle: Eckhard Pecher /Wikipedia CC BY 2.5)

Haben Sie die positiven Befunde der Topsprinter überrascht?

Seppelt: Nein, das hat mich überhaupt nicht überrascht. Wenn man weiß, dass die meisten Sprinter in der ewigen Bestenliste hinter Usain Bolt schon mit Doping in Zusammenhang gestanden haben – entweder gab es Hinweise oder sie wurden überführt – dann muss man davon ausgehen, das Doping kein Problem von gestern ist, sondern weiterhin hochaktuell ist.

Asafa Powells Manager Paul Doyle macht den Fitnesstrainer Christopher Xuereb für den positiven Dopingtest des ehemaligen 100-Meter-Weltrekordlers und den seiner Kollegin Sherone Simpson verantwortlich. Der Kanadier habe Powell eine Mischung aus mehreren Nahrungsergänzungsmitteln und Spritzen verabreicht.

Seppelt: Es ist oft zu beobachten in der Dopingszene, dass der Schwarze Peter von einem zum anderen geschoben wird. Es werden aber tatsächlich in einem ungeheuren Ausmaß Nahrungsergänzungsmittel genommen. Die Frage ist: Warum eigentlich? Ist das eigentlich noch richtig? Und – ja, es wird immer wieder auch als Ausrede für einen positiven Test benutzt: Der Athlet habe Nahrungsergänzungsmittel zu sich genommen, ohne zu wissen, dass in denen Dopingsubstanzen enthalten sind. Man muss aber auch sagen, dass es tatsächlich einige Mittel gibt, die verunreinigt sind. Was mich wundert ist, dass es immer wieder auch erfahrenen Athleten passiert, denn gerade die müssten ja wissen, dass im Sport die Umkehr der Beweislast gilt, d.h. der Sportler selbst verantwortlich ist dafür, was bei einem Dopingtest in seinem Körper gefunden wird.

Sind die Athleten so dumm oder ist das Kontrollsystem einfach so gut?

Seppelt: Das Kontrollsystem ist nicht gut, aber qualitativ besser geworden. Aber davon zu sprechen, dass man ein engmaschiges Netz von Kontrollen gestrickt hat, dass abschreckend wirkt, das halte ich für abwegig. Und – es gibt immer noch viele Dopingmittel und –substanzen, die nicht nachweisbar sind. Dazu kommt, dass in den Analyselabor gar nicht auf alles getestet wird. Als normaler Bürger denkt man, wenn ein Urin- bzw. Blut-Test ins Labor geht, dass dann die gesamte Palette aller möglichen Manipulationsmöglichkeiten abgecheckt wird. Das ist aber gar nicht der Fall.

Asafa Powell soll das Mittel Oxilofrin eingenommenen haben. Was ist das genau?

Seppelt: Das ist eine Stimulanzium, das im mentalen Bereich wirkt und relativ einfach zu detektieren ist. Insofern ist es sehr verwunderlich, dass er damit erwischt worden ist. Deshalb ist die These, zu glauben, dass es ein dummer Fehler war, nicht völlig abwegig. Aber: Es gibt mehrere Möglichkeiten der Interpretation.

»Die Doping-Kontrolleure sind so weit hinterher «, sagte der Jamaikaner Stephen Francis der »Süddeutschen Zeitung«. Sein Vorwurf: Die Doping-Fahnder würden »nur Pseudo-Erfolge« feiern und an den »Profi-Manipulierern vorbei testen«. In den vergangenen zwei Jahren, beginnend mit den Vorbereitungen auf Olympia in London, gab es zwei neue Steroide, die Athleten genutzt haben und weiterhin nutzen, ohne erwischt zu werden«, sagte Francis.

Seppelt: Das halte ich auch für sehr wahrscheinlich.

Usain Bolt bei den Weltmeisterschaften 2013 (Quelle: Erik van Leeuwe/Wikipedia GFDL)

Halten Sie es nach den genannten Dopingvorfällen auch für wahrscheinlich, das ausgerechnet der schnellste Mann der Welt, der jamaikanische Supersprinter Usain Bolt sauber ist?

Seppelt: Der Generalverdacht läuft im Sprint immer mit. Das hat sich die Leichtathletik selbst zuzuschreiben, genauso wie der Radsport. Ich kann und werde nicht sagen, Usain Bolt ist ein Doper. Es ist allerdings aberwitzig zu sagen, dass seine Superleistungen an der Süßkartoffel gelegen haben. An solch dummen Interpretationen möchte ich mich nicht beteiligen.

Wie eng ist denn das Dopingkontrollsystem in Jamaika?

Seppelt: Der Trainer von Asafa Powell, Stephen Francis, hat sich durchaus kritisch zu seinem Schützling geäußert und gesagt, dass er wohl die falschen Berater hat. Ich habe Francis selbst in Jamaika getroffen und ihn interviewt. Damals hat er schon gesagt, dass es völlig falsch sei, anzunehmen, dass in Jamaika  umfangreich nach Dopingsubstanzen gefahndet würde und ständig Dopingkontrolleure vorbeikommen würden. Als wir 2009 in Jamaika zu Dreharbeiten waren, sagte er uns zu den angeblich ausgeweiteten Dopingkontrollen der einheimischen Läufer aus Jamaika, die regelmäßig stattfinden würden: Er habe noch nie einen dieser jamaikanischen Dopingkontrolleure bei sich auf dem Trainingsgelände gesehen. Diese offenen Worte sagen doch alles.

Der Mainzer Sportmediziner und Dopingexperte Perikles Simon Perikles Simon befürchtet, dass auch auf Deutschland zeitnah wieder ein Dopingskandal zukommen wird. Es sei nur eine Frage der Zeit.

Seppelt: Das ist reine Spekulation, und ich kann so etwas nicht kommentieren. Ich würde weder sagen, dass so etwas wie ein Erdbeben vor der Tür steht noch das Gegenteil. Auch in Deutschland wird nicht ausreichend und nicht gut kontrolliert. Auch hier versuchen Sportlobbyisten das Dopingproblem klein zu reden. Trotzdem gibt es für mich momentan keinen Anhaltspunkt für einen Dopingskandal in Deutschland. Aber so eine Gefahr besteht natürlich immer.

Tour 2004: Lance Armstrong zusammen mit dem späteren Tour-Dritten* Ivan Basso (links) ca. 500 m vor dem Ziel bei der Bergankunft in La Mongie (Quelle: ThiloK/ Wikipedia CC BY-SA 3.0)

Der siebenfache Sieger der Tour de France Lance Amstrong wurde nun auch überführt und Doping eingestanden. Erfüllt Sie das mit Genugtuung, Stolz?

Seppelt: Mit ein wenig Genugtuung schon. Wir haben jahrelang zu hören bekommen, dass man Lance Amstrong zu Unrecht des Dopings bezichtigen würde. Dass Journalisten vorschnell handeln würden, obwohl die Fakten ja damals schon ziemlich eindeutig auf dem Tisch lagen. Stolz ist vielleicht das falsche Wort. Ich finde es zumindest fair, gerecht und angemessen, dass die Wahrheit ans Tageslicht gekommen ist. Eine Wahrheit, die manche Leute offensichtlich nicht akzeptieren wollten, weil sie sich allzu bereitwillig Sand in die Augen streuen ließen.

Wie kommt es, dass viele Sportler, denen Sie auf der Spur waren, über die sie in Filmen berichtet haben, irgendwann enttarnt werden? Haben Sie ein besonderes Gespür oder ist das einfach gutes Handwerk?

Seppelt: Das hat mit Handwerk nicht so viel zu tun. Das ist jahrelange Erfahrung, das ist auch Gespür. Wir haben ja keine Doper enttarnt, sondern haben vielleicht gelegentlich mit Recherchen dazu beigetragen wie im Fall des spanischen Radprofis Alberto Contador. Aber es stimmt: Viele von den Doping-Geschichten, die wir recherchierten, haben sich am Ende als richtig herausgestellt. Wir sehen uns dabei immer wieder mal mit Lobbyisten konfrontiert, die eher den Überbringer der schlechten Nachricht als den Verursacher an den Pranger stellen wollen. Aber so ist das Business. Im Fall von Contador war es so: Als wir den Weltradsportverband UCI mit unserer Information konfrontiert hatten, dass Contador bei der Tour de France gedopt war, hat uns eine UCI-Vertreterin mit den Worten attackiert: »Your are the devils!« Das war schon äußerst merkwürdig, dass nicht der gedopte Contador das Problem zu sein schien, sondern wir Journalisten.

Alberto Contador im Gelben Trikot vor Andy Schleck auf der Tour de France 2009 (Quelle: filip bossuyt /Wikipedia CC BY 2.0)

Haben Sie eigentlich Angst bei Ihren investigativen Recherchen?

Seppelt: Nein.

Darf ich fragen, woran arbeiten Sie gerade, welchen Dopern Sie auf der Spur sind?

Seppelt: Das verrate ich Ihnen nicht!

Ich gehe mal davon aus, dass Sie zur Leichtathletik-WM nach Moskau reisen. Freuen Sie sich darauf?

Seppelt: Nein, ich fahre nicht nach Moskau. Wir arbeiten gerade an einem anderen Projekt, sind aber an den Leichtathletik-Recherchen beteiligt. Wir beobachten die Szene regelmäßig und genau. Und wir stehen in engen Kontakt mit der ARD-Redaktion in Moskau. Im Bedarfsfall sind wir zur Stelle.

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