Homeless World Cup 2015 Amsterdam

Sombreros flogen in den Himmel

Mexiko Doppel-Weltmeister beim Homeless World Cup 2015 in Amsterdam

BERICHT & FOTOS: Andreas Düllick

Die Hand am Pott – endlich! ©Andreas Düllick

Freud und Leid liegen beim Homeless World Cup, der Weltmeisterschaft der wohnungslosen Fußballer immer nahe beieinander. Mexiko stand in den letzten vier Jahren immer im Endspiel. Jedes Mal ging das Nationalteam der mit rund 20.000 Spielern weltweit größten Obdachlosen-Liga als Verlierer vom Platz.

Auch die mexikansichen Frauen gewinnen dieses Mal die WM! ©Andreas Düllick

In diesem Jahr in Amsterdam hat es nun endlich geklappt, und das gleich doppelt: Erst legte das mexikanische Frauen-Team auf dem Spielfeld in der Parkanlage zwischen Van-Gogh- und Reichsmuseum vor. Gegen Chile gab es ein klares 3:1. Schon der erste WM-Titel wurde auf den Zuschauertribünen frenetisch gefeiert. Kurze Zeit danach durften die mexikanischen Fans das zweite Mal jubeln, als die Männer die Ukraine mit 5:2 vom Platz fegten.

Team Germany hatte extrem viel Spaß. Genau darum ging es, denn ohne echte Förderung und Sponsoren hat Deutschland beim Obdachlosen-Fußball keine Chance. ©Andreas Düllick

Das deutsche Team lieferte durchaus eine überzeugende Performance ab. Leider fehlte in einigen Spielen die letzte Konzentration. Mit ein wenig Glück wäre sicher sehr viel mehr drin gewesen. Auftaktgegner war der spätere Weltmeister Mexiko, der Team Germany eiskalt mit 10:0 nach Hause schickte. Die Jungs ließen sich davon nicht beirren und besiegten Südkorea mit 6:0. Danach gab’s ein 6:6 Unentschieden gegen Belgien, das Penaltyschießen entschieden die Jungs für sich. Danach folgten leider Niederlagen gegen Namibia, Südafrika, Tschechien, ehe Team Germany wieder mit Siegen gegen Wales und die Schweiz in die Erfolgsspur zurückfand. Leider folgen dann wieder Niederlagen gegen Litauen, die Philippinen und Italien.

Elfmeter und Deutschland – das passt! ©Andreas Düllick

Ein Sieg gelang dann doch noch: Gegen Schweden gelang ein deutlicher 6:2-Erfolg. Das letzte Spiel auf dem »Grün« vorm Reichsmuseum ging gegen Finnland mit 2:7 deutlich verloren. Die Jungs waren am Ende der ihrer Kräfte, sie mussten aber auch verkraften, dass Kelvin Woelken bereits nach dem ersten Spiel mit einer schweren Knieverletzung ausfiel. 64 Teams aus 49 Nationen über 500 Spieler*innen nahmen am HWC 2015 teil. Für alle war es ein einmaliges Erlebnis.

Perfekte Schusstechnik! ©Andreas Düllick

Eröffnet wurde die WM vom niederländischen König Willem-Alexander.

Spielerstimmen

Robert Unger aus Berlin – Erschöpft, aber total glücklich! ©Andreas Düllick

Robert Unger, Berlin: Das ganze Weltmeisterschaftsturnier hat Spaß gemacht! Ich konnte neue Erfahrungen sammeln, die Stimmung im Team war gut, es passt alles. Die Niederlagen waren sehr ärgerlich, aber das kann passieren. Da muss man dann drüberstehen. Das Verlieren gehört eben auch zum Fußball dazu. Man lernt daraus. Ich habe sieben Tore geschossen, das ist doch Spitze. Was die anderen Mannschaften angeht, da gibt es Teams, die mit uns auf Augenhöhe sind, es gibt auch schwächere. Es gibt aber auch Teams – gerade aus Südamerika, die technisch und auch konditionell besser sind als wir. Die sind sicher besser vorbereitet als wir. Unsere Vorbereitung war sehr kurz, besonders für mich. Ich bin in letzter Sekunde nachnominiert worden. Ich hatte genau drei Tage, um die Mannschaftskameraden kennenzulernen. Und dann bin ich ins kalte Wasser geschmissen worden. Aber das hat sehr gut geklappt, wir haben uns alle super verstanden. Wenn es möglich wäre, würde ich gern noch einmal bei so einer Weltmeisterschaft spielen. Aber das klappt nicht, man darf nur ein einziges Mal teilnehmen. Leider!

Training des Gangway-Teams „Ocker-Gelb“ mit Robert Unger (li.)

Oliver Würfel: Fußballerisch waren wir nicht so begeistert, aber es ging uns eh mehr um den Spaß am Spiel, als ums Gewinnen. Und mir hat es wirklich richtig viel Spaß gemacht! Am Anfang waren wir richtig gut, mit Ausnahme des ersten Spiels gegen Mexiko, die ja dann auch Weltmeister geworden sind. Dann hat die Konzentration nachgelassen und wir haben nicht mehr das umgesetzt, was wir trainiert hatten. Vielleicht haben wir die Gegner auch ein wenig unterschätzt. Und manche Teams haben ein viel härteres Leben als wir in Deutschland. Manche kriegen gar keine Unterstützung. In den Favelas sterben täglich Kinder, passieren schlimme Dinge. Das macht wahrscheinlich hart, stark und ehrgeizig. Und bei den Mexikanern werden die Nationalspieler aus 20.000 Straßenkickern ausgewählt, habe ich gehört. Und von denen haben wir halt richtig einen auf den Sack gekriegt! Aber so eine WM baut einen persönlich auf. Ich war vorher noch nie in den Niederlanden und auch nicht in Amsterdam. Besser geht es nicht.

Michael Schöne: Es war supergeil hier in Amsterdam, eine coole Erfahrung. Ich habe mich echt gefreut hier zu sein, auch wenn wir nicht so gut abgeschnitten haben. Es war vielleicht einfach nur die Spielpraxis, mehr gemeinsames Training als Team, was uns am Ende gefehlt hat. Wir bräuchten so vier Wochen am Stück gemeinsame Vorbereitung in einem Trainingscamp, wir hatten nur drei Tage. Dann hätten wir hier auch eine viel bessere Leistung abgeliefert und werden viel weiter vorn gelandet. Manche Spiele waren ja auch extrem eng, die hätten auch für uns ausgehen können. Ich glaube allerdings auch, dass wir uns selbst ein wenig überschätzt und die Gegner unterschätzt haben. Sicher hätten wir bessere Spiele abliefern können… Andererseits haben die Spieler anderer Teams wohl auch das ganze Jahr fast täglich die Möglichkeit, zusammen zu spielen, zu trainieren, sich intensiv spielerisch und taktisch auf die WM vorzubereiten. Das haben wir nicht, wir spielen just for fun, kommen irgendwie zusammen, spielen irgendwie ein paar Tage zusammen und dann fahren wir zu einer Weltmeisterschaft. Dass wir dann als Nationalmannschaft kein besseres Ergebnis abliefern können, das war absehbar für mich. Und dann dieses Wetter hier, es hat drei Tage am Stück geregnet. Aber es hat so viel Spaß gemacht, ich wurde immer wieder hierher kommen.

Kelvin Woelken: Tja, ich habe mich gleich im Spiel gegen Belgien bei einem Schuss schwer am Knie verletzt. Es schoss ein Blitz durch mein Knie, und das war es dann. Das war schon ärgerlich, aber ich wollte nicht gleich nach Hause fahren, sondern lieber meine Jungs hier unterstützen. Auch wenn wir nicht so gut abgeschnitten haben, bin ich zufrieden, dabei zu sein bei der WM, das war schön! Zur Mitte des Turniers sah es eigentlich ganz gut aus, aber dann gab es immer so kleine Flüchtigkeitsfehler, die in diesem kleinen Spielfeld schnell bestraft werden mit Gegentoren. Aber wir hatten einen guten Teamgeist: Nach Niederlagen waren wir zwar immer auch etwas niedergeschlagen, haben uns aber immer schnell aufgerappelt. Ich wurde mir wünschen, dass uns die große A-Nationalmannschaft, unsere Weltmeister von Brasilien, mal zu einem Länderspiel einladen würden. Dann würde ich glatt mein eigenes Nationaltrikot von der WM hier anziehen und sofort anreisen, egal wohin!

Trainer und Betreuer

Jiri Pacourek  (2.v.r.) war auch schon 2013 in Poznan mit einem großartigen Team dabei. ©Andreas Düllick

Jiri Pacourek, Nationaltrainer: Ich bin sehr zufrieden. Wir hatten hier eine tolle Gruppe. Wir haben einige Spiele gewonnen, ein paar mehr Spiele verloren. Aber mein Ziel für uns alle als Nationalteam war, eine gute Zeit zu haben. Und das hat sicher auch die Mehrheit unserer Spieler genossen. Wir haben von Anfang angestrebt, fair zu spielen, den Gegnern unseren Respekt zu zeigen. Wir wussten, dass wir nicht die Favoriten auf den Weltmeistertitel sind. Ich hatte Dir ja schon in unserem kurzen Trainingslager in Regesbostel gesagt, dass wir diesmal so um den 35. bis 40. Platz spielen werden. Jetzt sind wir leider nur 45. geworden, das ist aber auch ok.

Bei uns liegt alle an den Finanzen. Wir wünschen uns, endlich einen festen Sponsor für die deutsche Nationalmannschaft der wohnungslosen Fußballer zu haben, damit wir intensiver mit den Spielern arbeiten können. Und uns auch viel besser in ganz Deutschland vernetzen können. Wir könnten dann mehr Turniere veranstalten und müssten uns nicht darauf verlassen, dass alles ehrenamtlich organisiert wird.

Niederlagen schmerzen sehr! ©Andreas Düllick

Es ist immer schwierig, uns mit den anderen Nationen hier zu vergleichen. Insbesondere die Obdachlosigkeit in Südamerika spielt eine ganz andere Rolle als bei uns in Deutschland oder in Europa. Vielleicht sollten wir uns darüber freuen, dass sie nicht so hoch ist, wie dort. Und sportlich gesehen, ja, es ist immer sehr schön, sich diesen tollen Fußball der Südamerikaner anzusehen. Es stellt sich aber auch die Frage, worauf man sich bei der Auswahl der Spieler für so eine WM fokussiert. Wählt man nur die besten Fußballer aus oder schaut man auch auf die Lebensgeschichte der Spieler? Wir haben uns diese Jahr sehr stark auf die Lebensumstände und die Biographien unserer Spieler konzentriert. Wir haben unsere Erfahrungen mit dieser speziellen Fokussierung jetzt gemacht. Natürlich werde ich nach dieser Platzierung hier nicht als Nationaltrainer zurücktreten! Ich wünsche mir, dass ich auch im nächsten Jahr wieder dabei sein werde.

Stefanie Seewald, (GANGWAY Team BP–Streetwork an Brennpunkten) arbeitet ganz engagiert für das Fußballteam »Ocker Beige Berlin«, ein im Jahr 2012 begonnenes Fußballprojekt für Wohnungslose.

Stefanies Jungs lieben Fußball ©Andreas Düllick

Stefanie Seewald: »Ich finde, es war eine gelungene Veranstaltung hier. Hier waren Teams am Start, die sonst nie die Möglichkeit gehabt hätten, mal nach Europa zu kommen.

Unser deutsches Team war eine ganz gute Truppe. Das Siegen stand für sie nicht unbedingt im Vordergrund, sondern das Dabeisein, das Teilnehmen an dieser WM. Leider hatte unsere Mannschaft im Vergleich zu den anderen Teilnehmern sicher viel weniger Vorbereitungszeit. Deshalb würde ich mir gern wünschen, dass der Wohnungslosen- bzw. Straßenfußball in Deutschland populärer wird und dass es mehr Sponsoren für uns gibt. Der deutsche Fußball müsste die Wohnungslosenhilfe viel mehr unterstützen. Viele denken, dass sie schon sehr viel machen in dieser Hinsicht, aber eigentlich reicht das nicht. Gerade, wenn das Team Germany an einer Weltmeisterschaft teilnimmt, muss das viel mehr unterstützt werden. Die Sichtweise auf Wohnungslose muss sich ändern.

Obdachlose und wohnungslose Menschen müssen die Möglichkeit bekommen, Sport zu treiben, Fußball oder Schach zu spielen. Man darf sie nicht im Schatten einfach stehen lassen, sondern muss sie mitnehmen, teilhaben lassen. Wir von Gangway würden uns natürlich riesig freuen, wenn wir Sponsoren finden, die unser Team unterstützen, sei es mit Hallenzeiten, mit Fußbällen, mit Ausrüstung oder aber auch mal mit einem Bus, damit wir in andere Städte fahren können und die Fanfreundschaften pflegen können.

Ich würde mir auch wünschen, wenn die beiden großen Berliner Fußballvereine (Hertha BSC und 1. FC Union) unsere Arbeit unterstützen würden. Aber ich bin sicher, die tun eben auch schon ihr Bestes in anderen Bereichen, sie können halt nicht alle unterstützen. Aber ich würde mir da eben schon wünschen, dass einer oder beide Vereine uns helfen würden.

Was mich gefreut hat, ist dass wir diesmal mit Robert einen Spieler aus Berlin in Amsterdam mit dabei hatten. Er trainiert bei uns im Team »Ocker Beige« von Gangway Streetwork an Brennpunkten. Ich bin sehr beeindruckt, wie er sich so gegeben hat, ich hatte aber auch nicht anderes erwartet. Er passt sich sehr gut ein. Und er nimmt das alles sehr gelassen. Er ist nicht enttäuscht, dass sie nicht alle Spiele hier gewonnen haben.«

Frederik Bükers, Teammanager der deutschen Nationalmannschaft (rechts) ©Andreas Düllick

Frederik Bükers war Teammanager der deutschen Nationalmannschaft beim Homeless World Cup 2015 in Amsterdam. Er ist Mitglied von »Anstoß! – Bundesvereinigung für Soziale Integration durch Sport e.V.«

 Frederik Bükers (Teammanager): Mein Fazit: Tipptopp! Es war eine ganz tolle Veranstaltung, super organisiert sowohl von den Gastgebern als auch vom Organisationsteam des Homeless  World Cup. Auch unser Team hat sich hier ganz teuer verkauft. Sowohl auf als auch neben dem Platz. Zur Qualität der anderen Teams kann ich nur sagen, dass vielleicht anders ausgewählt wird, wer das Nationaltrikot bei der WM überstreifen darf, zumeist sind es sportliche Kriterien und nicht so sehr die sozialen Aspekte wie z. B. bei Mexiko, die hier beide WM-Titel geholt haben. Die konnten aus einem Reservoir von fast 20.000 Spielern ihren Kader auswählen. Andererseits ist da ein fader Beigeschmack, wenn man weiß, dort gibt es 20.000 wohnungslose Menschen, die in der Straßenfußballliga spielen müssen. Toll war deren Teamspirit, irre wie die mexikanischen Jungs ihre Mädels angefeuert haben und die Mädel die Jungs.

Generell finde ich bemerkenswert, wie viele Nationen es schaffen, Frauen- und Männerteams an den Start zu bringen. Das ist sicher auch ein Ziel für uns.  Wir brauchen ganz dringend Unterstützung auf sozialer Ebene, d.h. Leute, die mit anpacken. Und wir brauchen viel mehr finanzielle Unterstützung. Wir lechzen geradezu danach! Aber es ist sehr schwierig, denn in Deutschland ist es nicht so akzeptiert, dass Menschen, die eigentlich ein Leben außerhalb der gesellschaftlich akzeptieren Normen geführt haben, wieder Hoffnung schöpfen und sich selbst wieder finden, um neu zu starten. Dafür fehlt es an Unterstützung, an Verständnis, an Akzeptanz. Ich wünsche mir dabei auch mehr Menschlichkeit.

Wir würden uns definitiv auch eine engere Zusammenarbeit mit dem Deutschen Fußballbund wünschen. Das betrifft einerseits das sportliche – und Management-Know-how, aber auch eine an-ständige finanzielle Spritze. Dafür müsste man Gespräche führen, dass wäre ein erster wichtiger Schritt. Das ist leider bis dato nicht ausreichend geschehen.

Und auch die Bundesligavereine sehe ich in der Verantwortung! In den vergangenen zwei Jahren hatten wir eine Förderung vom »Hamburger Weg«, ein Sozialprojekt des HSV. Diese Förderung war auf eine bestimmte Zeit angelegt, deshalb auch kein Vorwurf an den HSV, sich jetzt anders zu orientieren. Es wäre aber schön, wenn sich andere Bundesligavereine für unsere wichtige Sache einsetzen und Flagge zeigen würden. Aber anscheinend schließen sich manche Dinge aus Marketinggründen aus, nehmen wir nur die Tatsache, dass, weil uns der HSV unterstützt hat, sich der andere große Hamburger Verein nicht für unsere Sache einsetzen will. Das finde ich echt schade! Ich finde, auch die Bundesliga an sich könnte als Botschafter für den Homeless World Cup agieren!

Was mir auch wichtig ist: Wenn unsere Jungs hier bei der Weltmeisterschaft in den deutschen Nationaltrikots auflaufen, dann ist das nicht nur ein Trikot, das sie tragen, sondern auch ein Gefühl. Als beim ersten Spiel die deutsche Nationalhymne gespielt wurde, hatten unsere Jungs mehr als nur eine Träne in den Augen! Das ist Stolz und absolute Anerkennung für sie, in diesen Trikots auflaufen zu dürfen. Deshalb wäre es eine riesige Anerkennung, wenn der DFB die deutsche Nationalmannschaft der wohnungslosen Fußballer in Trainingslagern des Verbandes einladen und auch sportlich unterstützen würde. Je professioneller man das für unsere Jungs gestalten würde, desto ernster genommen fühlen sie sich. Tja und eine Einladung zu einem Länderspiel, das wäre mal was für sie. Übrigens sind die beiden Weltmeisterteams aus Mexiko gerade von ihrem Präsidenten sehr ehrenvoll empfangen worden.

Schiedsrichter & Erfinder

Hary Milas (Schiedsrichter aus Australien):

Jiri Pacourek, Hary Milas und Frederik Bükers (v.l.n.r.) ©Andreas Düllick

Es war wirklich ein phantastisches WM-Turnier hier in Amsterdam. Es war extrem gut organisiert. Ich denke auch, dass die Trainer und Teammanager ihren Nationalmannschaften sehr gut erklärt und sie perfekt darauf vorbereitet haben, worum es bei so einer Weltmeisterschaft der Wohnungslosen geht und was sie genau erwartet. Besonders beeindruckend fand ich, wie respektvoll die Spieler miteinander umgegangen sind, aber auch der Umgang zwischen Spielern und Schiedsrichtern war äußerst respektvoll. Es war alles in allem ein perfektes Turnier bis hin zum Finaltag heute.

Für uns Schiedsrichter ist es immer ein sehr schwieriger Job, gerade in Spielen, die sehr ehrgeizig und aggressiv geführt werden. In einem normalen Fußballspiel kannst du als Schiedsrichter streng gucken, richtig energisch auftreten, um ein Spiel zu kontrollieren. Im Wohnungslosenfußball ist das völlig anders. Du musst vorsichtiger agieren als Schiedsrichter, du darfst eben nicht aggressiv auftreten, du musst dich zurücknehmen in deiner Körpersprache, du musst diese Spieler perfekt motivieren. Um ein hartes Spiel bei einer solchen WM wie dieser hier pfeifen zu können, dafür brauchst du richtig gute Erfahrungen.

Und ja, ich werde auch im nächsten Jahr wieder dabei sein. Dieses Turnier war schon meine achte WM, 2008 in Melbourne habe ich das erste Mal gepfiffen. Mittlerweile ist es wie eine Droge, jedes Mal, wenn so eine WM zu Ende ist, freue ich mich schon auf die nächste. Außerdem liebe ich es,  jedes Mal diese Energie aufzusaugen, die ich zurückbekomme für mein Leben von allen diesen tollen Spielern hier. Ich kann ehrlich gesagt gar nicht mehr ohne diese WM-Turniere leben.

Mel Young hat den Homeless World Cup „erfunden“. ©Andreas Düllick

Mel Young (Ernder des Homeless World Cups)

Ich habe damals bei einer sozialen Straßenzeitung in Schottland gearbeitet. Dann wurde das Internationale Netzwerk der Straßenzeitungen (INSP) gegründet, um die Straßenmagazine und deren Verkäufer*innen weltweit zu unterstützen. Dabei haben wir immer nach neuen Ideen gesucht. Und da ich und ein paar andere große Fußballfans sind, haben wir uns gedacht, lasst uns doch ein großes Fußballturnier der Wohnungslosen organisieren. Wir wussten um die große Kraft des Fußballs, Dinge verändern zu können.

Das erste Turnier hatten wir dann in Graz (Österreich). Und das Turnier war so erfolgreich und veränderte für viele Leute das Leben, sodass wir beschlossen, es regelmäßig zu machen.  Wir stehen immer vor zwei große Herausforderungen: So eine WM erfordert einen riesigen logistischen und organisatorische Aufwand – wir haben hier in Amsterdam 48 Männermannschaften und 16 Frauenmannschaften aus aller Welt!

Bevor so eine WM stattfinden kann, müssen wir die wichtigen Menschen und Politiker in den Ländern für unsere Sache, für den Wohnungslosenfußball, begeistern, sodass sie gern Gastgeber dieser Weltmeisterschaften sein wollen. Gerade das ist nicht wirklich so einfach. Zweitens ist es immer eine finanzielle Herausforderung. Es ist schwer, große Sponsoren zu finden. Vielleicht präsentieren wir uns manchmal falsch. Aber ich muss sagen, es hat zwar lange gedauert, aber mittlerweile finden sich immer mehr Sponsoren, die unsere so extrem wichtige Sache unterstützen wollen. Deshalb ist es immer sehr wichtig, diesen Sponsoren zu sagen, was wir eigentlich beabsichtigen.

Unser Motto ist: »Fußball verändert das Leben von Menschen.« Das verstehen manche nicht, wir müssen es erklären. Und – Obdachlosigkeit ist eben keine sexy Sache, die sich besonders gut vermarkten lässt. Das weiß ich, und ich respektiere das. Deshalb müssen wir gute Kommunikatoren sein und unser Anliegen bestmöglich präsentieren.

Für uns als Organisatoren geht es in erster Linie nicht darum, wer die WM gewinnt. Wir haben einen inklusiven Turniermodus gestaltet, das bedeutet, dass jedes Team, egal wie stark oder schwach es ist, bis zum Ende in einem Wettbewerb bleibt und gegen andere Teams spielt. Andererseits ist es ja auch ganz normal, dass jedes Team aus jedem Land gern Weltmeister werden will. Das ist sportlicher Wettkampf. Alles in allem geht es bei uns extrem fair zu.

Die Atmosphäre hier ist großartig, die Teams unterstützen sich alle gegenseitig, sie respektieren sich. Manchmal denke ich, der HWC ist wie ein großer Marathonlauf, du kannst ganz vorn um den Sieg mitlaufen, du kannst aber auch mit vielen anderen gemeinsam einfach diese Strecke bewältigen.  Wir wollen weiter wachsen, weil es eine großartige Sache für alle beteiligten Spieler*innen ist, die durch Fußball ihr Leben verändern können. Wir möchten, dass noch viel mehr Länder am HWC teilnehmen. Und wir wollen generell mehr obdachlose Menschen weg von der Straße bekommen. Wir wollen auf unsere Weise und mit unseren Möglichkeiten dazu beitragen, dass Obdachlosigkeit und Wohnungslosigkeit mehr in den Fokus gerückt werden und das nach Lösungen für dieses brennende soziale Problem gesucht wird.

Links:

https://www.homelessworldcup.org/

http://www.sozialsport.de/

https://www.homelessworldcup.org/tournament/oslo-2017/

INSP (International Network of Street Papers)

Videos:

https://www.youtube.com/watch?v=4coz9ZpUhQU

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