Rammstein

»Es wird Musik sein, die anders ist als die Songs auf den alten Platten, es wird aber doch unverkennbar Rammstein sein« (Flake)

Flake über Rammstein, Lieblingsmusik und Radio machen ©Andreas Düllick

INTERVIEW & FOTOS: Andreas Düllick

Lange war es still um eine der berühmtesten und erfolgreichsten Bands Deutschland. Die Jungs von Rammstein haben sich rar gemacht, sich eine lange Auszeit genommen. Ein paar haben an eigenen Projekten gebastelt, manche haben einfach mal die Seele baumeln lassen. Irgendwann hörte ich, dass die Jungs wieder im Proberaum sein sollen. Ich fragte an, ob ich die Bandmitglieder zum Interview treffen könne. Ich hatte Glück: Der Rammstein-Keyboarder Christian Flake Lorenz sagte ganz exklusiv für mich und den „strassenfeger“ zu. Wir trafen uns kurz vor Weihnachten in Prenzlauer Berg, plauschten eine ganze Weile ganz entspannt und machten dann ein paar schöne Fotos.

Andreas Düllick: Das Neueste von Dir ist: Du hast gerade selbst die Texte aus Deinem Buch der »Der Tastenficker« für ein Hörbuch eingesprochen…

Flake: Ja, viele Leute lesen nicht so gern, aber haben die Zeit beim Autofahren oder so. Die können sich das dann in Ruhe anhören und da das ja so geschrieben ist wie ich spreche, ist meine Stimme dafür auch am besten geeignet. Es ist so, als träfe man mich in der Kneipe und hört mir zu, genauso wie das Buch eigentlich auch gedacht war.

Flake Lorenz – Kleines Fotoshooting nach dem Interview ©Andreas Düllick

Wie war das denn beim Einsprechen, hast Du alles noch mal durchlebt?

Flake: Nee, ich habe mich so darauf konzentriert, keine Fehler zu machen, dass ich vom Text gar nichts mitbekommen habe. Ich hätte auch was komplett anderes lesen können, ich hätte es nicht gemerkt. Das ist so schwer, ich hätte das nie gedacht. Ich lese meinen Kindern abends zum Einschlafen oft etwas vor, dabei ist es nicht schlimm, wenn ich da Fehler mache. Aber hier: Beim kleinsten Versprecher oder Aussprachefehler gab’s sofort ein Piepzeichen aus dem Regieraum und ich musste die Sätze dann noch mal lesen. Vier ganze Tage hat es gedauert, bis ich das Buch eingelesen hatte.

Was gibt es Neues von Dir bzw. von Deiner Band, Rammstein? Es heißt, Ihr macht eine neue Platte?

Flake: Wir sind wieder im Proberaum. Wir machen Musik zusammen. Ob es eine neue Platte wird, wissen wir noch nicht. Die Zeit der ganz normalen Platten ist eigentlich vorbei, seitdem es das Internet gibt. Die geile Band »Annen- MayKantereit« hat noch keine einzige Platte gemacht, ist aber schon sehr berühmt geworden mit ihrem Hit. Das zeigt uns, dass es auch absolut ohne Platte geht. Wichtig ist nur, dass man gute Musik macht.

Ihr macht Musik, aber keine Platte, wie kommen denn die Band und ihre Fans zusammen?

Flake: Wir spielen im nächsten Frühjahr auf ein paar Festivals, da wird es sicher schon den einen oder anderen neuen Titel zu hören geben. Die Festivaltermine sind schon fest gebucht, z. B. das »Hurricane«-Festival in Scheessel und noch ein paar. Und dann überlegen wir uns, wie wir die anderen Titel veröffentlichen. Wenn wir genügend Titel zusammenhaben, wird es dazu auch auf jeden Fall eine ganze Tour geben. Ganz normal.

Is cooler Junge… ©Andreas Düllick

Wie läuft das bei Euch: Werkelt jeder erst mal allein für sich hin und entwickelt etwas und dann trefft Ihr Euch alle im Studio?

Flake: Wir hatten ja sozusagen ein paar Jahre Pause. In der Zeit hat jeder, der Lust dazu hatte, sich schon ein paar Sachen ausgedacht, von der er meinte, das könne was für die Band sein. Diese Titel spielt dann jeder der ganzen Band vor, und dann arbeiten wir an den Liedern. Das machen wir im Proberaum, da gehen wir jeden Tag hin, unterhalten uns ein bisschen über das Tagesgeschehen, proben ein bisschen. Manchmal proben wir drei, vier Tage lang einen einzigen Titel.

Manchmal spielen wir uns gegenseitig einfach nur neue Musik vor. Sodass wir auf einen gemeinsamen Stand kommen.

Mit Flake in der Heinrich-Rollerstraße ©Andreas Düllick

Sehnst Du Dich nach einer längeren Rammstein-Pause nach den anderen Jungs, um mit ihnen zu spielen und wieder viel Zeit zu verbringen?

Flake: Ja! Wenn wir zusammen proben, ist das sehr, sehr schön! Wir treffen uns morgens, jeder bringt was zum Frühstücken mit, dann sitzen wir gemütlich zusammen. Das ist sehr wichtig, dass man Teil eines sozialen Gefüges ist und die Tage sinnvoll verbringt, egal ob man ein Lied aufnimmt oder einfach so etwas zusammen macht.

Seid Ihr alle immer noch Freunde?

Flake: Ja. Ich sehe uns als Freunde, die sich schon sehr lange kennen. Die viel zusammen erlebt haben. Und die sich ganz sicher auch noch eine ganze Weile sehr gut verstehen werden.

Na ja ich meine nur: Es heißt, dass Mick Jagger und Keith Richards wohl eher nur noch Geschäftspartner als Freunde sind…

Flake: (lacht) Ich kenne die Rolling Stones nicht so gut, als dass ich mir da ein Urteil erlauben könnte. Es muss ja nicht jeder mit jedem in der Band ganz eng befreundet sein. Aber Charly Watts und Keith Richards verstehen sich gut…

Flake Lorenz ist ein sehr reflektierter Musiker ©Andreas Düllick

Was erwartet Eure Fans den musikalisch demnächst ganz konkret oder ist das geheim?

Flake: Es werden auf jeden Fall typische Rammstein- Songs sein. Wir machen ja diese Musik, und deshalb wird sie auch wieder so sein, dass man sie als Rammstein-Musik erkennt, ohne dass wir etwas erklärend dazu sagen müssen. Es ist Musik mit den Erfahrungen, die wir in den letzten Jahren gesammelt haben und mit unserem Wissen. Dazu kommen die jetzigen Erfahrungen, Erlebnisse, Ereignisse, die darin einfließen. Es wird also schon Musik sein, die anders ist, als die Songs auf den alten Platten, es wird aber doch unverkennbar Rammstein sein.

Ist für Eure Texte ausschließlich Till Lindemann zuständig oder dürft Ihr auch?

Flake: Dürfen darf jeder sowieso alles! Was heißt das in der Praxis? Wer eine gute Idee für einen Text hat, bringt sie mit und stellt sie vor, Till verarbeitet das dann.

Wo geht Ihr ins Studio?

Flake: Wir werden wohl ins Ausland gehen, wenn wir richtige Aufnahmen machen, weil man in Deutschland zu sehr abgelenkt wird von der Familie, vom Alltagsgeschehen. Wenn man wirklich sehr gute Musik aufnehmen will, braucht man vollste Konzentration darauf.

Wer produziert? Ihr selbst oder sucht Ihr Euch einen speziellen Producer aus?

Flake: Es wird einen externen Produzenten geben. Wir wissen aber noch nicht, wer, vielleicht werden es sogar mehrere sein.

Wie laufen Eure Arbeitstage ab, wenn Ihr im Studio seid? Müsst Ihr Euch da speziell pushen, motivieren? Wie lange dauert so etwas?

Flake: Wir waren immer um die sechs Wochen im Studio. Wir nehmen zuerst das Schlagzeug auf,

manchmal sogar auch in einem anderen Studio, das extra für ein Schlagzeug eingerichtet ist. Wo man auch weiß, dass der Raum auch wirklich richtig gut klingt. Und dann nehmen wir so nach und nach den Gesang auf, die Elektrik Stück für Stück. Das geht nach dem Frühstück los und dann bis zum Abendbrot weiter (lacht). Motivieren muss man sich nicht noch extra, die Studioatmosphäre ist schon so inspirierend, dass man nichts zusätzlich braucht. Man ist da schon wirklich ganz wild darauf, endlich Titel einzuspielen.

Wie fühlst Du Dich, wenn die Titel eingespielt sind, alles fertig ist und Ihr wieder auseinandergeht? Fällt man da in ein tiefes, schwarzes Loch?

Flake: Das Lustige ist dann, wenn ich auf der Straße laufe und Menschen sehe, dann denke ich immer, dass ist jemand von den Jungs aus der Band, wenn die denen nur im Entferntesten ähnlich sehen. Da denke ich dann immer, ah das sind sie wieder. Man wundert sich dann schon, warum die anderen nicht da sind oder fühlt sich beim Abendbrot nicht vollständig, weil der Tisch nicht mit sechs Leuten besetzt ist.

Im Kiez ©Andreas Düllick

Zu einer Platte gehören Videos und Werbung, wie ist das bei Euch? Sucht Ihr Euch da spezielle Regisseure und Fotografen dafür aus?

Flake: So weit sind wir jetzt noch gar nicht. Generell machen wir Videos sehr gern, weil wir gemerkt haben, dass ein Video einem Lied noch eine neue Ebene geben kann. Dass im Video der Text nicht einfach noch mal unterlegt wird, sondern dass man dem Lied noch eine andere Richtung gibt, in die man auch denken kann. Eine andere Bedeutung sogar zum Teil. Eine andere Sichtweise. Das finden wir sehr spannend. Außerdem macht es unwahrscheinlichen Spaß Videos zu drehen, man kommt da an Orte und in Situationen, die man im normalen Leben nie kommen würde. Für »Ohne Dich« sind wir in den Alpen am Seil auf einen Berg gestiegen, so was habe ich vorher noch nie gemacht. Das war irre!

Was machst Du, wenn Du nicht mit Rammstein auf Tour oder im Proberaum bist? Pfriemelst Du so vor Dich hin, liest was oder hörst Musik?

Flake: Ich wundere mich schon, wie schnell die Tage dann auch vergehen, wenn man keine Band hat. Es gibt genug zu tun. Aber als Musiker muss man ja nicht immer nur Musik spielen. Ich höre auch sehr gern Musik. Das braucht auch seine Zeit. Ich lese auch nach wie vor sehr gern, besonders abends im Bett. Ich werde auch ein neues Buch schreiben. Wahrscheinlich den zweiten Teil des »Tastenficker«.

Woher beziehst Du Deine Inspiration als Musiker? Inspiration ziehe ich wahrscheinlich aus Dingen, die ich gar nicht so bewusst wahrnehme.

Flake: Ich höre irgendwas irgendwo mal, habe gar nicht so richtig zugehört und wenn ich dann Klavier spiele, versuche ich – unbewusst – wieder dieses Gefühl zu erzeugen, das ich in diesem bestimmten Moment hatte. Inspirationen an sich haben für mich keinen bestimmten Verursacher. Inspiration heißt ja eigentlich, der Geist tritt in einen ein. Aber der Geist kommt ja von nirgendwo. Inspiration kommt oder sie kommt nicht.

Steile Karriere: Von Feeling B zu Rammstein ©Andreas Düllick

Na irgendwoher muss doch was kommen, wie funktionieren Musiker wie Du im Kopf?

Flake: Ich weiß auch nicht, wie Musiker im Kopf funktionieren. Bei mir passiert viel einfach aus Zufall. Wenn ich irgendwas spiele und laufen lasse, aus Versehen etwas mache, was gut klingt, oder mich auch einfach nur verspiele und dann einfach noch mal mache, weil es gar nicht so schlecht war. Also, wenn man gezielt gute Lieder machen könnte, dann würden das ja alle machen. Dann wäre es ja nicht so schwierig und nicht so ein Kampf, dass man mal ein richtig gutes Lied macht.

Hören wir Dich demnächst mal wieder als Moderator im Radio, vielleicht in einer eigenen Radioshow? Du hattest ja die beste Einschaltquote bei der »Freundlichen Übernahme« auf »Radio Eins«?

Flake: Na ja, ich habe immer keine Lust mich zu etwas zu verpflichten, was ich dann auch immer machen muss. Wo ich dann regelmäßig hin muss oder so. Aber, wenn man mich noch mal freundlich anfragt für eine bestimmte Sendung, würde ich das bestimmt machen.

Ich habe neulich auf ARTE den Film »Rammstein in Amerika« gesehen. Wahnsinn, welchen irren Respekt die größten amerikanischen Rockmusiker der Band Rammstein entgegenbringen!

Flake: (lacht) Ich fand den Film auch gut. Ich würde dasselbe aber auch über andere Bands sagen, wenn man mich fragt. Wenn man mich fragt, wie ich die »White Stripes« finde, würde ich auch eine Viertelstunde lang sagen, dass das die größte Band der Welt für mich ist… Also das ist für mich einfach selbstverständlich, dass man als Musiker auch andere Bands gut findet. Man ist ja nicht Fan von sich selbst, sondern von Musik. Genauso, wie die uns gut finden, finde ich die auch gut.

In Deutschland bekommt Ihr nicht so großen Respekt? Ärgert Dich das?

Flake: Das ist mir eigentlich vollkommen egal. Das betrifft ja mein privates Leben nicht. Ich brauche keinen Respekt von anderen Musikern oder irgendwelchen anderen Leuten, um glücklich zu sein. Jeder kann gut finden, was er will, und ich glaube, das viele Band dieses Problem auch haben. Ich habe in der Biografie von »ABBA« gelesen, dass die Band in Schweden am wenigsten respektiert worden ist. Ich finde das alles gar nicht schlimm.

Mal was ganz anderes: Kannst Du mir die drei weltbesten Songs für Dich nennen?

Flake: Das ändert sich von Tag zu Tag bei mir.

Mal anders gefragt: Was hörst Du denn gerade am liebsten?

Flake: Das will ich nicht sagen, sonst bekommen so ein paar Lieder so eine Wichtigkeit, die sie nicht verdienen. So was finde ich blöd. Ich habe mal überlegt, was ich zu meiner Beerdigung spielen lassen würde, aber das ändert sich auch ständig. Wenn mal wieder ein gutes Lied im Radio kommt, denke ich oft, ach das wäre auch nicht schlecht. Ich kann nicht mal sagen, was das für eine Musikrichtung für mich wäre. Das kann ein Walzer von Chopin sein oder… Früher fand ich die »Rolling Stones« richtig gut. Jetzt hätte ich lieber ein deutschsprachiges Lied für mein Begräbnis.

Gibt es aktuell eine Platte, die Du empfehlen würdest?

Flake: Ich finde diese neuen, deutschsprachigen Sachen gerade sehr gut wie »AnnenMayKantereit« oder »Wanda«. Gestern hat gerade »Bilderbuch« gespielt, die finde ich auch ziemlich schräg, oder »Trouble Orchestra«, die Hiphop mit Rock verbinden, die jungen deutschsprachigen Bands gefallen mir. Die letzte Platte von »KIZ« fand ich auch gut.

Apropos Schallplatte: Vinyl feiert gerade eine große Renaissance. »Led Zeppelin« haben gerade ein Best-of-Album, »Mothership«, auf Vinyl veröffentlicht. Was hältst Du davon?

Flake: Ich war immer ein großer Freund der Schallplatte.

Als die CD rauskam, dachte ich, das ist doch Mist, Platten sind viel schöner. Und dann sind da für mich diese Kindheits- und Jugenderinnerungen, was damit für ein Glücksgefühl verbunden war, wenn man eine Platte – damals natürlich eine West-Platte – in der Hand hielt. Dieses Gefühl werde ich in meinem Leben nie wieder vergessen. Dass das was richtig Geiles ist. So ein Gefühl hatte ich mit einer CD nie wieder. Dass es etwas richtig Wertvolles ist, eine Schallplatte in der Hand zu halten.

Lag das auch daran, dass die Plattencover so geil waren?

Flake: Ja auch. Ich glaube aber, es geht vor allem darum, dass man das einfach anfassen kann. Dass man die Titel sieht, wie dick die Rillen sind, das ist für mich etwas ganz Faszinierendes. Jetzt höre ich nicht mehr so viele Platten, weil einem das ja durch die USB-Sticks so einfach gemacht wird, beim Autofahren Musik zu hören.

Cover strassenfeger-Ausgabe ©Andreas Düllick

 

Ist das eine Option für Rammstein, auch mal wieder eine Platte zu veröffentlichen?

Flake: Wir haben gerade zum 21. Bandjubiläum die Vinylbox »XXI« – rausgebracht! Da sind alle sechs Studioalben der Band als Doppel-LPs, remastert auf 180 Gramm schwerem Vinyl drin, und zusätzlich auch eine Doppel-LP mit dem Titel »Raritäten«, die die Non-Album-Tracks der Band beinhaltet.

Wie hörst Du eigentlich Musik? In einem tollen Musikzimmer mit Super-Anlage und irre teuren Boxen oder Super-Kopfhörern?

Flake: Ich höre beim Autofahren Musik. Das ist die einzige Zeit, in der ich absolut ungestört bin und Zeit habe, mir auch einmal eine ganze Platte anzuhören. In meinem Auto habe ich Boxen drin, die vor dreißig Jahren eingebaut worden sind. Ich finde aber, dass die sehr gut klingen. Das ist ein warmer Mittensound… Das Auto ist der schönste Platz zum Musik hören! Wenn ich die Musik so Hi-Fi-mäßig hören würde mit Superverstärker und großen Boxen, dann könnte es sein, dass sie mehr gar nicht mehr so gut gefallen würde. Das ist wie mit den Kassetten früher: Musik, die wir uns drei Mal überspielt hatten. Eine Kassette klingt für mich absolut warm und schön und lebendig. Als die Wende kam, habe ich mir diese Aufnahmen auf den Kassetten auf CDs gekauft, das war fast nicht wiederzuerkennen, so steril klang das in meinen Ohren.

Was wünscht Du Dir für das Jahr 2016?

Flake: Frieden! Frieden ist so wichtig dafür, dass überhaupt etwas entstehen kann.

Link: www.rammstein.de

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