OL – der Cartoonist im Interview

60 Jahre OL – Die Retroperspektive

INTERVIEW & FOTOS: Andreas Düllick

„OL hat ein normales Herrengesäß, das gut zu seinen langen Beinen und zu seinem frechen Gesicht passt.“ (Max Goldt)

Quelle: OL/Wikipedia CC BY-SA 2.0 de

Viele unserer Leser, aber auch die der Berliner Zeitung bzw. von TIP und zitty freuen sich immer wieder diebisch, wenn sie in den genannten Druck-Erzeugnissen einen neuen OL entdecken. OL steht für Olaf Schwarzbach, einen der besten Comiczeichner Berlins, nein, ohne jetzt zu übertreiben – Deutschlands, Europas – ja wohl der gesamten Welt! Geboren vor 45 Jahren in Berlin-Friedrichshain zeichnet sich der Mann mit der Berliner Schnauze seit 60 Jahren (sagt er selbst!) in die Herzen seiner Fans.

Seit einiger Zeit darf er auch für die beste Straßenzeitung der Welt (sagen wir selbst!) arbeiten und das tut er nun: Mürrisch, faul und ablehnend. Fragt man ihn, wo der fällige Cartoon denn bleibt, schließlich sei gestern bereits Redaktionsschluss gewesen, antwortet er entweder gar nicht oder schreibt einem, er hätte gerade den Blues und eigentlich nee und überhaupt …

Am Ende flattert uns dann doch immer wieder ein famoser Witz auf den Redaktionstisch, den wir dann sofort an unsere Leser weiterreichen. OL findet nun, dass es endlich Zeit ist für eine anständige Retrospektive seines Werks aus diesen sechs Jahrzehnten. Wir finden das auch und haben ihn gebeten, sich und seine Arbeit an dieser Stelle mal kurz und knapp vorzustellen.

Die Ausstellung erfreute sich großen Interesses ©Andreas Düllick

Andreas Düllick: Warum bist Du Comiczeichner geworden, was treibt Dich an, motiviert Dich?

OL: Comiczeichner wollte ich schon immer werden, ich stellte mir vor, in einer hellen Dachetage zu wohnen und zu arbeiten. Leider reichte es bisher nur für die Stifte, ich wohne im Erdgeschoss. Als Kind habe ich Comics gelesen, die in der DDR alle verboten waren, Asterix, Silberpfeil, Lucky Luke, später Werner und Seyfried. Ich habe viel nachgemalt und eigene Geschichten gezeichnet.

Hast Du eine Ausbildung gemacht?

OL: Eine Lehre als Offsetdrucker in der Berufsschule „Rudi Arndt“, dann Drei-Schicht-System in einer Parteidruckerei, und weil ich nicht zur Armee wollte und aus der FDJ ausgetreten bin, habe ich auch gleich nach einem Jahr gekündigt. Anderthalb Jahre habe ich nichts gemacht, mich dann als Heizer bei den Staatlichen Schlössern und Gärten in Sanssouci beworben. Dort wurde ich aufgrund meiner Kaderakte abgewiesen. Beim staatlichen Kunsthandel bekam ich dann durch Zufall und mit Billigung der Stasi, wie ich später aus meiner Akte erfuhr, eine Stelle als Kupferdrucker, ein Beruf, den ich bis zu meiner Flucht aus der DDR, drei Jahre lang mit Freude ausübte.

Der OLomat ©Andreas Düllick

Wie hast Du zu Deinem Stil gefunden?

OL: Der Stil verändert sich ja ständig, erst waren es Knollnasen und Augenringe, dann wurden es Strichmännchen ohne Augen, weil ich schnelle Geschichten erzählen wollte, dann wollte ich mal einen Tätowiererwitz machen und habe den Strichmännchen dicke Oberarme für die Tattoos verpasst und später auch dicke Beine, was mehr Arbeit bedeutete, weil’s mehr auszumalen gab.

Hier geht’s rein! ©Andreas Düllick

Deinen Comicstrich soll man selbst in New York kennen?

OL: New York? Keine Ahnung, ich habe einen Fan in San Diego, die Frau sammelt Originale von mir, und ich habe sie schon zwei Mal besucht. Wir waren zusammen in der Sea World und in einem Outlet-Center.

Du bedienst Dich der krakeligen Version der ostdeutschen Schulschrift? Hat’s Spaß gemacht in der Schule?

OL: Schrift, hm, ich musste oft Schönschreiben üben als Kind. Ich hab’s gehasst und mich später wahrscheinlich über die eigenen Comics von diesem Trauma befreit. Mittlerweile benutze ich Großbuchstaben, die sind lesbarer und plakativer. Das mit der DDR-Schulausgangsschrift hat mal die Freundin von Til Mette bemerkt, die auch aus dem Osten kommt. Schule war so lala, nicht besonders toll, aber auch nicht schlimm, ich war ein Fahnenappell-Kandidat, das heißt, ich musste ab und zu mal morgens vor versammelter Schule einen neuen Tadel entgegen nehmen, Betragen eher 4 als 3.

OL zum Anfassen ©Andreas Düllick

Themen- und Figurenfindung – wie läuft das ab bei Dir? Hängst Du ständig auf’m Kollwitzplatz ab oder lungerst an irgendwelchen Theken rum?

OL: Figurenfindung …, früher in der Kneipe, jetzt zu Hause vorm leeren weißen Blatt (DIN A4). Am Kollwitzplatz gehe ich gelegentlich vorbei, ist ziemlich eklig dort. Auf ein Kind kommen drei Erwachsene, Mutter, Großmutter und die Schwester aus Bielefeld. Ich fotografiere den Platz, bevor ich ihn zeichne, damit er zur aktuellen Jahreszeit passt. Das könnte aber auch ein Spielplatz in Hamburg Eppendorf sein, alte Eltern mit neuen Kindern, dieser ganze konservative Backlash. Familie ist der neue Porsche, wenn’s dann doch zur Scheidung kommt, reden die anderen Eltern nicht mehr mit einem, sondern über einen.

Erinnerst Du Dich noch nach so viel Jahren an Deine Anfänge in der DDR, an die Stasi und die Ausreise?

OL: Die Stasi hat eine Akte geführt über mich seit ich in der zehnten Klasse war, es fing an mit dem Aufnäher „Schwerter zu Pflugscharen“, den ich trug und ging weiter mit Anwerbung. Ich hab mich selbst dekonspiriert, indem ich auf den Stasimann, der sich heimlich mit mir treffen wollte, auf offener Straße und vor Freunden mit dem Finger gezeigt habe. Sie haben mich nie wieder angesprochen.

Alles OL hier! ©Andreas Düllick

Stimmt das mit dem Decknamen „Forelle“? Und wieso „Forelle“?

OL: Keine Ahnung, vielleicht weil ich Schwarzbach mit Nachnamen heiße, und im Bach schwimmt die Forelle? Oder weil ich eine so schillernde Persönlichkeit war, wie die Regenbogenforelle? Man steckte nicht drin in den Leuten. Ich jedenfalls nicht. Es war auch kein Deckname, sondern die „OPK Forelle“, eine Operative Personen Kontrolle.

Wie war das eigentlich mit der Wohnungsausstellung und den Folgen?

OL: 1988 hatte ich eine Ausstellung in der Wohnung eines Freundes. Es war eine lustige Kostümparty. Danach folgte eine Haussuchung durch die Stasi mit Beschlagnahmung der Comics, anwaltliche Beratung durch Lothar de Maiziere und im Sommer 1989 die Flucht über Ungarn nach München, wo ich bis 1991 bei meiner Tante wohnte.

Cartoon-Serie “Die Mütter vom Kollwitzplatz” ©Andreas Düllick

Machst Du Dich lustig über Deine Figuren (z. B. „die Mütter vom Kollwitzplatz“)? Oder zeigst Du etwa tatsächlich den Alltag, wie er wirklich ist?

OL: Lustig machen? Es sind einfach Monologe, Dialoge, die ich Figuren in den Mund lege. Alles frei erfunden und Ähnlichkeit mit lebenden Personen zufällig. Wenn „Die Mütter vom Kollwitzplatz“ oder „Jürgen der Trinker“ davor steht, erzielen die Bilder mehr Aufmerksamkeit, das „Gesetz der Serie“ sozusagen.

Marketing muss leider sein! ©Andreas Düllick

Hast Du eine Lieblingsfigur – „Jürgen, den Trinker“ z. B.?

OL: Den CosmoProlet finde ich ganz schön. Weil er thematisch ans jeweilige Heftthema gebunden ist und mich dadurch fordert. Das habe ich mir so ausgesucht, als der Chefredakteur vom TIP mich bat, eine Serienfigur zu entwickeln.

„Fakten, Fakten, Fakten …“ – „Ficken …“ und die Folgen – Dein Cartoon über „Focus“-Chef Helmut Markwort und dessen absurde Werbekampagne war ja ein ziemlicher Knaller! Hat Dir die Sache geschadet oder eher genützt?

OL: Dieser Witz wurde kurz vor Weihnachten 1995 daumennagelgroß in der zitty unter ferner liefen abgedruckt. Helmut Markwort stand ausgeschrieben darunter, sonst wäre es gar kein Problem geworden. Der dicke Unsympath ging damals allen mit seinem aggressiv dummen Werbeclip „Fakten, Fakten, Fakten“ auf die Eier. Auf dem Deckblatt der Klageschrift waren 30 Anwälte aufgeführt, Markworts Reitstall, der bewegt werden wollte.

Zitty hatte einen schlechten Anwalt, der nicht mit Satirefreiheit, sondern mit Tagessätzen argumentierte. Er fand 50.000 DM zu teuer, und so wurde die Zeitschrift auf 15.000 DM verdonnert. Der Richter, der später zum selben Thema in Sachen TITANIC vs. Markwort entschied, wunderte sich, warum zitty nicht in die Berufung gegangen war, denn in zweiter Instanz wäre sie freigesprochen worden. Persönlich fand ich die ganze Geschichte völlig überzogen, die TITANIC wurde, nur weil sie das Bild aus der zitty als Zitat(!) nachdruckte von Focus auf 100.000 DM verklagt und natürlich freigesprochen. Im Gerichtssaal wurden Gratishefte verteilt, das Ganze als Riesenshow und Marketingevent seitens TITANIC inszeniert. Inhaltlich hatten sie keinen großen Anteil an der Sache, und meine Person wurde bei dem ganzen Rummel nicht mal erwähnt.

Und auch Markwort machte sich nur lächerlich. Bei der zitty traf zu diesem Zeitpunkt ein anonymes Fax mit BND-Briefkopf ein, aus dem hervorging, das im Zuge von Ermittlungen zum organisierten Menschenhandel, Helmut Markwort als Stammgast eines Münchner Edelbordells geführt wurde, die Puffmutter hieß Frau Weber. Soviel zu „ficken, ficken, ficken …“

Fachsimplen mit den Fans ©Andreas Düllick

Wie ist das mit dem Feedback der Leser? Kommt da was, wenn ja wie, und brauchst Du das?

OL: Feedback kommt selten, brauchen täte ich’s schon, weil man ohne Anerkennung das Gefühl hat, in den nassen Sack zu malen. Von den Zeitungsredaktionen kommt nichts zurück, da hab ich eher das Gefühl, die haben bis jetzt bloß versäumt, mich zu feuern. Spaß macht es nicht, für wenig Geld und noch weniger Wertschätzung lustig zu sein, aber meine Wohnung ist nicht groß genug, als dass ich von früh bis spät kotzen könnte, also hab ich auf meiner Webseite, www.ol-cartoon.de, eine Möglichkeit geschaffen, dass Leute mit mir in Verbindung treten können, oder sich in einen Newsletter eintragen und dann mit neuen Cartoons versorgt werden. Seitdem melden sich Fans und Wohlgesinnte.

Kannst Du von Deiner Kunst leben, oder bist Du chronisch unterbezahlt? Wie sind denn so die Honorare? Was kriegst Du für einen Cartoon?

OL: Die Honorare sind schlecht und verschlechtern sich noch. Glücklicherweise muss ich nicht von meiner Arbeit leben, weil mich mein Lebenspartner finanziell unterstützt.

OL trinkt nicht mehr… ©Andreas Düllick

Du arbeitest auch für Naturalien?

OL: Für Naturalien arbeite ich grundsätzlich nicht. Seit ich kein Bier mehr trinke, male ich auch keine Kneipen mehr an, in denen ich dann umsonst trinken müsste.

Was sind die nächsten Projekte – Ausstellung, Buch, Reise etc.?

OL: Die nächste Ausstellung findet in Weißensee statt, am 19. September in der Kunstgießerei Flierl, 2011 werde ich in Erkner und in Tauberbischofsheim ausstellen. Bücher keine. Dialaptopshows mit Rattelschneck in Berlin und außerhalb. Reise: Ägypten zum Pyramidenzeichnen.

OL trinkt aber auch nicht weniger… ©Andreas Düllick

Du gilt’s als sehr trinkfreudig. Üble Nachrede oder wahr?

OL: Mit Alkohol habe ich kein Problem. Außer mit Erdinger oder Schöfferhofer, zwei leider in der Gastronomie schwer überschätzte Kopfschmerzbiere.

Wie ist denn OL ganz privat? Was magst Du, was nicht, wovon träumst Du?

OL: Privat sitze ich gern vorm Kanzleramt und zeichne, mein Lieblingsort in Berlin ist der Betriebsbahnhof-Schöneweide, und träumen tue ich von zwei Riesen-Honoraren. Was ich nicht mag: schrille, laute Frauenstimmen.

Wann erfindest Du endlich eine Figur für den „strassenfeger“?

OL: Jetzt sofort: Ich stell mir einen lustigen Schnauzbart vor, in orangener Latzhose, mit einem großen Besen in der Hand, denke aber bei entsprechender Bezahlung gern auch über was anderes nach.

„OL ist so nett und lieb, dass man ihn am liebsten von morgens bis abends an den Hüften packen und an die Decke hieven möchte, damit er dort die Glühbirnen auswechselt.“ (Max Goldt)

Link: 

http://shop.ol-cartoon.de

http://www.ol-cartoon.de

Videos:

https://www.youtube.com/watch?v=JRSDerAEgUc

 

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