Sven Regner – Interview (April/Mai 2013)

„Wir hängen tagsüber ab und spielen abends im Club“

Sven Regener über die Tournee, die neue Platte, seinen Film und den neuen Roman 

Text & Fotos: Andreas Düllick

Wortakrobat Sven Regener…. ©Andreas Düllick

Sie haben es auf ihrer Webseite lange vorher und groß angekündigt: „Liebe Freunde, jetzt muss es raus, kein Gemunkel mehr, die Sache ist ja schon eingestielt, wie der moderne Marketing-Freak sagen würde, eingetütet, der Sack ist zu, der Drops gelutscht, also Folgendes: Element of Crime spielen im nächsten Frühjahr Clubkonzerte in Köln, Hamburg, Berlin, München und Frankfurt. Und nicht nur eins pro Stadt, nein, immer gleich mehrere sollen es sein, denn das Motto dieser kleinen Spezialtournee heißt: „Wir hängen tagsüber ab und spielen abends im Club. Und es bringt ja auch nichts, das Angebot künstlich zu verknappen, bloß weil man lieber mal wieder in einem Club statt in einer großen Halle spielen will, denn darum geht es hier: Die Zeit zwischen zwei Alben, zwischen Baum und Borke, in der Grauzone zwischen dem Vergessen der alten und dem Schreiben neuer Songs mal wieder im Club zu spielen, und dann eben mehrmals.“

Im Klartext heißt das: 24 Konzerte vom 18. März bis 14. Juni 2013 in den kleinen Klubs von Frankfurt, Köln, München, Hamburg, Berlin, und dann auch noch in der Schweiz. In Berlin bespielten Sven Regener & Co an sechs aufeinander folgenden Tagen das „Lido“ in Kreuzberg. Natürlich war jeder Gig ausverkauft. Die Fans waren extrem hungrig auf die „Elements“, und sie wurden selbstredend nicht enttäuscht. Andreas Düllick traf einen sehr entspannten Sven Regener zum Interview nach dem Soundcheck vorm ersten Konzert.

Sven Regener im Interview ©Andreas Düllick

Andreas Düllick: Geiles Gefühl, mit der Band wieder unterwegs zu sein?

Sven Regener: Ja, das ist gut. Wir haben das ganze letzte Jahr gar nichts gemacht. Es war eine gute Idee zu sagen, wir fangen an in kleinen Klubs zu spielen und ruhig auch ein paar Tage hintereinander, um die Band wieder ins Laufen zu bekommen. Man ändert dann auch jeden Tag das Programm ein wenig. Wir haben so 50 bis 55 verschiedene Songs in den vergangenen 14 Tagen gespielt. Und das man nach einem Jahr, in dem man gar nichts gemacht hat, dann auch wieder ein Verhältnis zur eigenen Musik bekommt, ist toll. Auch zu ganz alten Songs, bei denen man feststellt, wie sehr man sich das alles zu Eigen machen kann. Das alles ist wirklich gut.

Der April ist ja ein wenig anstrengend mit 18 Gigs. Steckt man das als über 50jähriger Musiker mal eben so locker weg?

Sven Regener: Ach, das ist nicht so schlimm. Wir machen ja keine Tournee länger als drei Wochen. Und 18 Gigs das ist schon okay, das können wir. Und es ist, obwohl es doch sehr kleine Klubs sind, eine recht angenehme Angelegenheit. Wir haben eine gute Crew, die das alles ganz toll macht und uns viel abnimmt. Das ist ja nicht mehr so wie in den 80-ern, als man noch selbst tourte und selbst die PA schleppen musste.

„Eine Band ist nur dann kein Hausmeister ihrer eigenen Vergangenheit, wenn sie ab und zu auch ein paar neue Songs schreibt.“

Sven Regener mit Element of Crime im Konzert ©Andreas Düllick

Was spielt Ihr denn? Ich nehme mal an, das, was Euch Spaß macht, denn um die Publikumserwartungen geht es wohl eher weniger?

Sven Regener: Es wäre falsch zu sagen, wir müssten extra nicht die Erwartungen des Publikums erfüllen. Das ist genauso verklemmt, wie zu sagen, wir müssen unbedingt dieses oder jenes Lied spielen, weil die Fans das erwarten. Wir spielen ja alle unsere Lieder gern. Wir wissen, dass es Lieder gibt, bei denen es okay ist, dass man sie spielen müsste. Aber es ist nicht so, als wenn man gerade eine neue Platte hat, wo man zehn, zwölf neue Lieder auf jeden Fall spielen will, sodass man nur für die Hälfte des Programms überhaupt einen Spielraum hat. Und wenn man dann noch ein paar Songs – bei denen man kein Frosch sein will – abzieht, dann hat man nur für ein Viertel des Programms noch die Möglichkeit, was zu ändern. So ist das auf dieser Tournee eben nicht, sondern wir spielen, weil auch Platz und Zeit dafür ist, Songs aus den 80-er Jahren, die wir schon sehr, sehr lange nicht mehr präsentiert haben.

Eure letzte Platte „Immer da wo Du bist bin ich nie“ von 2009 ist ja nun schon ein bisserl angestaubt. Wann kommt mal wieder was Neues von Euch?

Sven Regener: Also, das mit dem Angestaubten würde ich, ehrlich gesagt, nicht so gern gelten lassen! Das ist es ja nun nicht. Gut, die Platte ist schon etwas älter, aber wir spielen ja auch Sachen, deren Veröffentlichung schon 25 Jahre zurückliegt. Und auch die kommen uns frisch und okay vor. Die funktionieren immer noch. Aber, ich glaube, wir haben einen großen Vorteil: Wenn die Leute die Band neu für sich entdecken, und genau das passiert ja auch vielen, sonst würde unser Publikum ja nicht immer wachsen, dann sind sie nicht so völlig auf die allerneueste Platte angewiesen. Sie können auch in der Vergangenheit der Band viel entdecken. Das hilft uns natürlich. Es gibt schließlich rund 150 Songs von uns. Aber es stimmt schon: Eine Band ist nur dann kein Hausmeister ihrer eigenen Vergangenheit, wenn sie ab und zu auch ein paar neue Songs schreibt. Und das liegt jetzt an. Ich denke, dass wir nächstes Jahr im Herbst mit der nächsten Platte rauskommen. So jedenfalls haben wir uns das vorgestellt. Das wäre dann genau fünf Jahre nach der letzten Studioplatte.

„Prognosen sind erst dann schwierig, wenn sie sich auf die Zukunft beziehen.“

Was dürfen die Fans denn erwarten? Ein düster-melancholisches Werk mit den hinterhältigcharmanten, um die Ecke gedachten Texten von Regener oder eher ein echtes Geradeaus-Rockalbum?

Sven Regener: „Element“ sind nun sind ja nun gerade nicht die Mega-Rockisten, das ist nicht unser Ding, und Lederhosen oder so ist auch nicht. Also wird es eine Platte, die nach „Element of Crime“ klingt. Das wäre ja auch komisch, wenn nicht. Aber, wie die genau sein wird, weiß ich noch nicht. Wir nehmen uns das ja vorher nicht vor. Wir gucken, was wir an Ideen für die Songs haben. Wir machen ja zuerst immer die Musik. Innerhalb der Band sammeln wir die Ideen für die Songs, und die bringen wir dann zusammen und gucken, was funktioniert. Und ich muss dann irgendwann den Text machen. Insofern ist das schwer zu sagen, was genau kommt. Das ist das alte Ding: Prognosen sind erst dann schwierig, wenn sie sich auf die Zukunft beziehen.

Hast Du schon ein paar schräge Texte im Kopf, so was in der Art von „Schwere See“ oder „Blaulicht und Zwielicht“?

Sven Regener: Ich selbst habe ja gerade für den Film „Hai-Alarm am Müggelsee“ ein paar Lieder geschrieben. Das war sehr einfach, weil die Lieder sich ja auf den Film beziehen, zu dem es ein Drehbuch gibt, sodass man ganz klar vorgegebene Themen hat.

Genau das hat man ja bei „Element of Crime“ nicht. Bei „Element“ kann man über alles singen, man muss sich nur vorher für etwas entscheiden. Aber tatsächlich, nein. Ich mache das immer erst, wenn wir die Musik haben. Und dann gucke ich. Wenn man ein wirklich tolles Lied hat, das einem sehr gut gefällt, dann denkt man, da steckt was drin, und man muss nur herausfinden, was. So mache ich eigentlich Songtexte. Also immer erst die Musik, immer erst die Band, und dann komme irgendwann ich und muss den anderen Teil stemmen.

Bei manchen Liedern ist es sehr schwer. Und bei manchen ist es ganz leicht. Das war aber immer so. Es gibt Songs wo einem das „zack“ so zufliegt. Das ist so, man kann das nicht steuern. Und es gibt andere, mit denen man sich sehr quält. „Blaulicht und Zwielicht“ war so einer, mit dem ich mich sehr lange rumgequält habe. „Schwere See“ war „ding“ so einfach da. Man weiß nicht, warum, keine Ahnung.

„Das Songtextschreiben ist eine musikalische Handlung.“ ©Andreas Düllick

Du bist ja ein krasser Wortakrobat. Wie fallen Dir diese schrägen Metaphern ein?

Sven Regener: Songtexte zu schreiben, das ist eher eine musikalische als eine literarische Handlung. Deshalb bin ich auch kein Freund davon, Songtexte in Büchern zu veröffentlichen. Das kann man machen als Songbuch, diese Bücher würde man dann eher unter der Rubrik ‚Musik’ finden. Aber zu sagen, das wäre ein eigenes literarisches Genre, das habe ich immer abgelehnt.

Ich glaube, dass bei Songtexten sehr viel über den Klang geht. Durch den Klang der Musik und durch den Klang der Wörter, die man schon hat, wird man zu neuen Wörtern inspiriert. Dadurch entwickeln sich auch Geschichten, auf die man sonst vielleicht gar nicht kommen würde. Das ist ja so faszinierend, und ich glaube, das ist es auch, was mir daran so viel Spaß macht. Dass das Songtextschreiben eigentlich eine musikalische Handlung ist.

„Ab einem gewissen Alter ist der Stoffwechsel nicht mehr so fit.“

Nutzt Ihr die Tour auch, um dem Altmänneralltag zu entfliehen und nachts nach den Gigs mal ordentlich einen drauf zu machen?

Sven Regener: Ja, das ist tatsächlich fatal bei dieser Tournee, dass man fast täglich Party hat. Es gibt ja nicht den berühmten „Buscall“, man spielt gewöhnlich bis halb elf Uhr, und um Mitternacht heißt es dann: „Alle in den Bus!“. Das begrenzt Partys natürlich. Wenn man das aber nicht hat, so wie jetzt, dann kann einem passieren, dass man die Zeit vergisst. Und wenn man schwer zuschlägt, dann ist das am nächsten Tag sehr kompliziert. Also, man muss aufpassen, denn natürlich ist ab einem gewissen Alter der Stoffwechsel nicht mehr so fit. Das heißt auch, dass du den ganzen Kater und das alles nicht wieder so schnell loswirst. Einmal so richtig zugeschlagen zu haben, kann bedeuten, dass du das drei, vier Tage mit dir rumschleppst und nicht mehr so richtig aus’m Quark kommst. Da muss man aufpassen.

Quelle: X-Filme Verleih

Anderes Thema: Vor kurzem hast Du in fremden Revieren gewildert und Regie bei der Komödie „Hai-Alarm“ geführt. Obwohl, darf man den Film überhaupt Komödie nennen, da ging es doch um ganz und gar ernste Sachen oder?

Sven Regener: Ich sage immer „Witzfilm“. Das macht die Sache natürlich nicht weniger ernst. Manche sagen auch „Klamauk“. Nee, im Grunde war das so: Weil ich mit Leander Haussmann das Buch geschrieben habe, haben wir auch den Film zusammen gemacht.

Es ist ja nicht so, dass ich sage: „Ha, ich bin jetzt Regisseur!“ Sondern Leander und ich haben nach dem Buch gemeinsam immer weitergemacht. Wie wir auch die Musik dazu zusammen gemacht haben. Das war einfach „Hai-Alarm“ ohne Ende. Das ging von ganz allein, weil das Thema so gut war.

Klamauk, Kifferfilm, Midnightmovie & exzentrischer Humor

Wie ist das so, wenn man mit Leander Haussmann und dessen illustrer Schauspielertruppe arbeitet? Jagt da ein trockener Witz den anderen? Oder geht es viel ernster zu, als wir alle uns das vorstellen können?

Sven Regener: Das war eine extrem lustige Produktion, das muss man schon sagen. (Regener stoppt kurz das Interview mit den Worten: „Ich muss mal kurz unterbrechen, muss mal zum Wasserkocher. Der brodelt die ganze Zeit schon, nicht dass der uns noch durchschmurgelt!“) Das ist ein ernst zunehmender Film, und der läuft ja auch sehr gut. Aber es geht dabei auch noch um andere Dinge: Dass man Leute findet, die Geld geben, Schauspieler, die an den Film glauben. Drei von denen sind als Produzenten eingestiegen.

Das ist ja alles kein Witz, das ist ein ernst zunehmendes Kunstwerk. Aber gleichzeitig ist es auch ein Film, von dem man sagt, der ist nicht so bierernst, ganz im Gegenteil. Da muss man sich schon drauf einlassen. Früher hätte man gesagt „Kifferfilm“ oder Midnightmovie, also Sachen, die ein bisschen seltsam sind, die einen exzentrischen Humor haben. Das heißt aber nicht, dass nicht hart und professionell gearbeitet werden muss. Und da gibt es eben mal mehr und mal weniger Witz. Es gibt auch Tage, an denen das schwieriger ist. Und dann muss man aufpassen, dass man gut gelaunt ist, und dass man gute Nerven hat. Ich glaube, dass ist das Wichtigste für Regisseure.

Der Schauspieler Uwe Dag Berlin hat mir erzählt: „Während des Drehs war Sven dann so streng, wenn es um den Text ging, dass kein Wort geändert, nichts hinzugenommen werden durfte.“

Sven Regener: Da bin ich ganz Musiker: Wenn was gut ist, ist das gut. Dann muss man das nicht ändern. Das ist ja so gemeint. Schauspieler denken oft, sie könnten den jeweiligen Klang verbessern. Andererseits gab es auch gute Vorschläge, und mache davon haben wir auch genommen. Ganz so schlimm war es also nicht. Aber man darf nicht vergessen dabei, man muss das große Ganze sehen. Man bereitet einen Witz in dieser Szene vor, und zehn Szenen weiter wirkt er sich vielleicht aus. Das ist dann vielleicht ein anderer Drehtag mit anderen Schauspielern. Und deshalb ist wichtig, dass bestimmte Sachen vom Regisseur angesagt werden. Und man hat das ja nicht aus Daffke geschrieben, sondern hat sich was dabei gedacht.

Es gab ja ein paar ganz „anständige“ Kritiken: „…will trashig, subversiv und bissig sein“, „…Wegwerfhumor zum Gähnen“, „…die größte Feier des freiwilligen Dilettantismus durch Profis seit Schlingensief!“ Aber Kritiken interessieren Dich ja nicht so?

Sven Regener: Das hat ja keine Bedeutung, das geht uns ja nichts an. Wenn man ein besonders exzentrisches Werk wie „Hai-Alarm am Müggelsee“ hinlegt, kann man ja nicht erwarten, dass die ganzen Spießer, die den ganzen anderen Kram, den man selber nicht mag, so toll finden, dass die das dann auch toll finden. Ich kann ja nicht erwarten, dass es in der Kunst unumstrittene Sachen gibt, im Gegenteil. Ich persönlich kann nicht sagen, dass sich der deutsche Film in den vergangenen zwanzig Jahren gerade mit Ruhm bekleckert hat. Und dazu gehören auch die Kritiker.

Da ist wenig Interessantes und Exzentrisches gekommen. Das hat auch damit zu tun, dass es da Seilschaften gibt und ganz klare Vorstellungen davon, wie ein deutscher Film auszusehen hat. Was davon abweicht, soll weggebissen werden. Das Tolle beim „Hai-Alarm“ ist, dass ihnen das nicht gelungen ist, sondern dass der Film auf einer Welle der Liebe durch die Programmkinos surft. Mehr kann man nicht wollen, und er wird auch als DVD super laufen. Das ist eine sehr interessante Erfolgsgeschichte, weil man sieht, dass man in Deutschland auch andere Filme machen kann.

„Magical Mystery oder die Rückkehr des Karl Schmidt“

Gibt’s was Neues von „Herrn Lehmann“ oder ist der abgehakt? Wann gibt’s das nächste Buch?

Sven Regener: Im Herbst kommt ein neuer Roman, an dem schreibe ich gerade, der muss bis Ende Mai fertig sein. Er heißt „Magical Mystery oder die Rückkehr des Karl Schmidt“. Alles klar?!

Was machst Du, wenn Du nicht Musik spielst, Bücher schreibst, Regie führst? Du musst Dich dann doch fürchterlich langweilen?

Sven Regener: Ich habe kein Langeweile-Problem, so was habe ich nie gehabt. Ich komme auch gut ohne Arbeit aus. Aber es liegt viel an, und ich will viel machen. Ich habe seit 2008 darauf gewartet, den „Hai-Alarm“-Film zu machen. Dann das neue Buch, die aktuelle Tournee, das überschneidet sich alles ein wenig. Aber ich wollte das trotzdem alles machen. Mein Problem hat eher mit einer Überdosis Öffentlichkeit zu tun.

Tja, das war’s wohl für dieses Mal. Mir fällt nicht wirklich ein, was ich Dich noch fragen soll. Hast Du noch was?

Sven Regener: Nee, aber das ist wirklich super. Dann gehe ich jetzt nämlich jetzt mal rüber und gucke, was es zum Abendessen gibt!

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