Wahlforscher Richard Hilmer (Bundestagswahlen 2013)

Wahlforschung ist keine Kaffeesatzleserei

»Es lohnt es sich natürlich für alle Parteien, noch mal in die Vollen zu gehen und Wahlkampf zu machen!« (Richard Hilmer, Infratest dimap)

 INTERVIEW& FOTOS: Andreas Düllick (September 2013)

 

Richard Hilmer, Chef von Infratest dimap, im Interview ©Andreas Düllick

Wenige Wochen vor der Bundestagswahl 2013 hat die schwarz-gelbe Koalition weiter eine hohe Zustimmung. Im ARD-»DeutschlandTrend« erreichen Union und FDP mit 47 Prozent weiterhin eine eigenständige Mehrheit. In der Sonntagsfrage vom 23. August kommt die CDU/CSU unverändert auf 42 Prozent. Die FDP erreicht fünf Prozent. Auch die SPD verliert, sie kommt auf 24 Prozent. Die »Grünen« bleiben bei 13 Prozent. Die »Linke« gewinnt dazu und kommt auf neun Prozent. Die Piratenpartei verliert und liegt bei zwei Prozent. Die Alternative für Deutschland erreicht derzeit drei Prozent. Erhoben wurden dieses Zahlen vom Meinungsforschungsinstitut »Infratest dimap«, das vor allem durch die Hochrechnungen und Prognosen an Wahlabenden bekannt ist.

Wahlforschung beinhaltet eine hohe Kunst der Einordnungs- und Interpretationsleistung und die verständliche Vermittlung an ein breites Zielpublikum. Diese Kunst beherrscht der Chef von Infratest dimap, Richard Hilmer, exzellent. Der »Berufsverband Deutscher Markt- und Sozialforscher«(BVM) verlieh ihm dafür 2013 den Preis »Forscherpersönlichkeit des Jahres« für seine herausragenden Leistungen in der Markt- und Sozialforschung. strassenfeger-Chefredakteur Andreas Düllick sprach mit Richard Hilmer.

Andreas Düllick: Ist die Bundestagswahl 2013 schon entschieden?

Richard Hilmer: Nein, die Bundestagswahl ist bei weitem noch nicht entschieden. Unsere Befunde zeigen, dass die Schwarz-Gelbe Koalition zwar wieder Chancen hat, die Wahl zu gewinnen, in anderen Umfragen ist sie dagegen noch mehr oder weniger entfernt von einer Mehrheit. Ungeklärt bleibt vor allem nach wie vor, ob der FDP überhaupt der Einzug in den Bundestag gelingt. Sie hat sicherlich Chancen, soweit sie gebraucht wird von der CDU. Aber wenn die CDU-Wähler das Gefühl haben, die FDP ist verzichtbar, dann wird es schwierig für die FDP, weil sie es aus eigener Kraft zurzeit kaum schafft. Dafür hat sie derzeit zu wenig Profil. Und wir haben ja noch eine wichtige Wahl unmittelbar vor der Bundestagswahl, die Landtagswahl in Bayern. Und deren Ausgang kann natürlich auch unkalkulierbare Einflüsse auf das Ergebnis der Bundestagswahl haben.

Titelbild strassenfeger September 2013

Wer gewinnt denn die Wahl am 22. September, lesen Sie doch mal aus dem Kaffeesatz?!

Angela Merkel hat sicherlich nach wie vor gute Chancen wieder Kanzlerin zu werden, weil die Bürger insgesamt relativ zufrieden sind mit ihrer Amtsführung, insbesondere mit ihrer Haltung in der Eurokrise. Es wird ihr auch gutgeschrieben, dass es uns in Deutschland derzeit etwas besser geht als in anderen Ländern. Aber, ob das alleine reicht, ist die Frage, denn es gibt eine ganze Reihe von anderen relevanten Themenfeldern, die die Bürger umtreiben. Das sind insbesondere die Arbeitsbedingungen und soziale Fragen, und da haben die Bundesregierung und auch die Bundeskanzlerin derzeit nicht die besten Karten. Es gibt also durchaus Angriffsmöglichkeiten für die Opposition.

SPD und Grüne haben allerdings noch nicht den Schlüssel. gefunden, um Rot-Grün entscheidend nach vorne zu bringen Aber wir messen in unseren Umfragen noch ein hohes Maß an Ambivalenz, denn viele Wahlberechtigten haben sich noch nicht endgültig festgelegt. Entschieden hat sich noch nicht mal jeder Zweite, und deswegen lohnt es sich natürlich für alle Parteien, noch mal in die Vollen zu gehen und Wahlkampf zu machen und für ihre Konzepte zu werben.

Die Qual der Wahl – alle vier Jahre wieder… (2017!) ©Andreas Düllick

Wie kommen die Zahlen für den ARD-DeutschlandTrend zustande?

Für den DeutschlandTrend werden einmal im Monat – jetzt unmittelbar vor der Wahl wöchentlich – 1.500 Wahlberechtigte befragt. Die Auswahl der Befragten erfolgt repräsentativ, das heißt jeder Befragte muss die gleiche Chance haben, in die Befragung einbezogen zu werden. Nur so ist gewährleistet, dass wir aus den Antworten der 1.500 Schlussfolgerungen auf Einstellungen und auf das Wahlverhalten aller Bundesbürger ziehen können.

Wir führen den Großteil unserer Befragungen per Telefon durch, weil diese Erhebungsart ein Höchstmaß an Präzision gewährleistet, sehr aktuelle Ergebnisse liefert und zudem recht kostengünstig ist. Dazu wird in einem ersten Schritt eine Zufallsstichprobe aus existierenden Telefonverzeichnissen gezogen. In einem zweiten Schritt werden dann die letzten beiden Ziffern dieser ausgewählten Nummern wiederum per Zufall bestimmt, damit auch jene Teilnehmer erfasst werden, die sich nicht in Telefonverzeichnissen aufnehmen lassen. Da zudem immer mehr Leute nur noch per Handy erreichbar sind, schließt unsere Befragung seit Januar auch Mobiltelefone ein. Für den DeutschlandTrend befragen wir immer einen 30 Prozent Handynutzer und 70 Prozent Festnetznutzer. Dieses Verfahren versetzt uns in die Lage, weitestgehend alle Bürger zu erreichen.

Wenn Demoskopen widersprüchliche Umfrageergebnisse für die Parteien und Kandidaten haben, gibt es oft Kritik nach dem Motto: »Diese Zahlen bilden nicht das Meinungsbild der Bevölkerung ab.« Ist Wahl-Demoskopie nur Kaffeesatzleserei?

Die Ergebnisse der Wahlumfragen der verschiedenen Institute liegen derzeit sehr eng beieinander. Es gibt ja Webseiten, da werden alle Wahlumfragen aufgelistet, etwa auf www.wahlrecht.de, dort kann man sich davon überzeugen.

Natürlich gibt es Unterschiede, denn es handelt sich ja um unabhängige Stichproben, und bei solchen Stichproben gilt es immer eine Schwankungsbreite einzukalkulieren, die bei großen Parteien bei 2,5 bis drei Prozent liegt. Wenn sie die aktuellen Ergebnisse nehmen, liegen die Abweichungen für die einzelnen Parteien alle in diesem Bereich. Manchmal haben allerdings auch kleine Unterschiede große Wirkung, wenn sich dadurch Mehrheiten verändern.

In der aktuellen Woche liegen zum Beispiel bei der Forschungsgruppe Wahlen die Werte für die CDU/CSU einen Punkt unter unseren Werten, die für SPD hingegen um einen Punkt darüber. Wahlen haben nun mal in Demokratien einen sehr hohen Stellenwert, und in Deutschland gehen sie in der Regel zudem ziemlich knapp aus. Deshalb ist es auch so wichtig, dass die Wahlforschungsinstitute sehr sauber und gewissenhaft arbeiten, was durch einen harten Wettbewerb noch befördert wird.

Gleichwohl muss man immer wieder drauf hinweisen, dass noch so gewissenhaft durchgeführte Vorwahlerhebungen keine präzise Prognose des Wahlausgangs erlauben. Denn sie können immer nur Wahlabsichten erheben, und diese Wahlabsichten können sich ändern, weil die Wähler in ihrer Entscheidung völlig frei sind. Eine verlässliche Prognose des Ausgangs einer Wahl können erst die Befragungen am Wahltag selbst liefern, denn dann haben die Wähler ihre Entscheidung getroffen. Deshalb sind die 18-Uhr-Prognosen in der ARD und im ZDF erfahrungsgemäß auch so genau.

So kann’s gehen it den Wahlplakaten von ungeliebten Parteien… (2017!) ©Andreas Düllick

Bei der Bundestagswahl 2005 gab’s Vorhersagen, die um fünf Prozent und mehr differierten. Wie kann es dazu kommen?

Das betraf damals die Vorwahlerhebungen, die zeitweise für die SPD deutlich unter der 30-Prozentmarke und für die Union bis wenige Tage vor der Wahl bei über 40 Prozent lagen – und am Ende lagen beide nur einen Prozentpunkt auseinander.

Eine der Schwierigkeiten lag damals darin, die SPD richtig einzuschätzen. Nachdem Schröder nach der Landtagswahl in Nordrheinwestfalen völlig überraschend Neuwahlen ausgerufen hat, rechnete fast jeder damit, dass Schwarz-Gelb die Wahl klar gewinnen würde. Kaum jemand traute es Schröder im Sommer noch zu, seine Anhänger zu mobilisieren. In den Umfragen lagen die Sozialdemokraten zu diesem Zeitpunkt noch bei etwa 25 Prozent. Und dann hat Schröder es doch noch mal geschafft, seine Klientel zu mobilisieren und seine SPD erreichte immerhin einen Stimmanteil von 34,2 Prozent.

Die CDU/CSU lag umgekehrt bis kurz vor der Wahl bei über 40 Prozent. Am Ende gaben aber viele unionsgeneigte Wähler der FDP ihre Zweitstimme, um eine sich abzeichnende große Koalition zu verhindern. Am Ende kam die Union nur auf 35,2 Prozent. Wir haben seinerzeit immerhin noch rechtzeitig erkannt und vermeldet, dass Schwarz-gelb über keine Mehrheit mehr verfügte, und wir haben sehr deutlich auf die Unsicherheit vieler Wähler hingewiesen. Aber das Wahlergebnis der CDU/CSU in den Vorwahlbefragungen einigermaßen richtig abzubilden, ist uns seinerzeit auch nicht gelungen.

Bei der letzten Bundestagswahl lag die Schwierigkeit eher darin, die Wahlbeteiligung richtig einzuschätzen. In Deutschland gibt es so etwas wie eine »Wahlnorm«: von den Bundesbürgern wird eigentlich erwartet, dass sie sich an der Wahl, der wichtigsten Institution in der Demokratie, beteiligen.

Und deswegen geben auch viele Bürger bei Umfragen an, sie würden zur Wahl gehen, die dann aber letztendlich zu Hause bleiben. Das einzuschätzen, ist schwierig, für den Wahlausgang kann es aber von ganz enormer Bedeutung sein, wenn es den Parteien sehr unterschiedlich gelingt, ihre Wählerschaft zu mobilisieren. Bei der letzten Wahl verzeichneten wir einen Rückgang der Wahlbeteiligung um über sieben Prozentpunkte, worunter insbesondere die SPD zu leiden hatte, deren Wähler massenweise zu Hause blieben. Die Güte der Vorwahlerhebungen hängt demnach nicht zuletzt davon ab, ob und wie weit die Nichtwähler auch richtig eingeschätzt wurden.

Aber auch aktuelle Ereignisse oder auch taktisch-strategische Erwägungen können immer wieder zu kurzfristigen Änderungen der Wahlabsicht führen. Zuletzt haben wir das bei der letzten Landtagswahl in Baden-Württemberg gesehen, wo der Gau in Fukushima den Ausgang der Wahl stark zugunsten der Grünen beeinflusste und wo infolgedessen erstmals ein grüner Politiker das Amt eines Ministerpräsidenten bekleidet.

Plakatigves Wahlplakat von “Die Partei” (2017!) ©Andreas Düllick

Diese große Gruppe Nichtwähler bzw. der Unentschlossenen ist oft das Zünglein an der Waage. Im Vorfeld von Wahlen hört man von dieser Gruppe extrem wenig von den Wahlforschungsinstituten. Warum?

Wir weisen in unseren Tabellenbänden schon immer auch die Gruppe der Nichtwähler aus. Und beim letzten DeutschlandTrend hat WDR-ChefredakteurJörg Schönenborn in den ARD-Tagesthemen noch mal explizit auf die hohe Zahl der Unentschiedenen hingewiesen.

Nichtwähler spielen eine zunehmende Rolle für den Ausgang von Wahlen, vor allem auch bei Landtagswahlen, wo die Wahlbeteiligung viel, viel geringer ist als bei Bundestagswahlen. Aber letztlich entscheiden eben bei allen Wahlen nur diejenigen über die Regierung, die an der Wahl teilgenommen haben. Das ist dann völlig egal, ob das eben wie früher bei Bundestagswahlen über 90 Prozent waren oder wie zuletzt nur noch um die 70 Prozent. Da aber die Gefahr besteht, dass mit weiter sinkenden Wahlbeteiligungsraten auch die Legitimität von gewählten Regierungen leidet, bemühen sich im Vorfeld dieser Bundestagswahl eine ganze Reihe von Institutionen und Personen, darunter zuletzt auch der Bundespräsident, möglichst viele Bürger zur Wahlteilnahme zu bewegen.

Muss der Staat nicht darüber nachdenken, eine generelle Wahlpflicht einzuführen?

Das wird zum Teil ernsthaft diskutiert. Es gibt einige demokratische Länder, bei denen eine Wahlpflicht gilt, die gute Erfahrungen damit gemacht haben – etwa Belgien und Luxemburg. Bislang stellte sich in Deutschland diese Frage nicht, weil die Wahlbeteiligung so hoch war. Bei Bundestagswahlen betrug sie zwischen 1990 bis 2005 immer um die 80 Prozent.

Seit der letzten Bundestagswahl 2009, wo sie auf 70,7 Prozent eingebrochen ist, gibt es verstärkt eine Diskussion darüber, ob auch in Deutschland eine Wahlpflicht sinnvoll wäre. Man wird jetzt abzuwarten haben, wie die Wahl 2013 ausgeht und vor allem, wie hoch die Beteiligungsrate sein wird.

Um wieder mehr Bürger zur Wahlteilnahme zu motivieren, sind alle politischen Akteure gefordert. Die wichtigsten Akteure dabei sind sicherlich die Parteien. Wenn es den Parteien nicht mehr gelingt, bestimmte Gruppen zu erreichen, wird sich wenig ändern. Das eigentlich problematische an der sinkenden Wahlbeteiligung ist ja, dass die Nichtwähler nicht gleichmäßig über alle Bevölkerungsgruppen verteilt sind. Es sind vor allem die unteren Einkommens- und Bildungsschichten, die sich in den letzten Jahren der Wahl enthalten haben. Das ist natürlich insofern bedenklich, weil sich hier manche Probleme kumulieren und diese Gruppen deshalb der politischen Vertretung vielleicht sogar mehr bedürfen als andere.

Die Parteien sind also gefordert, sich diesen Bevölkerungsgruppen wieder stärker zu widmen, ihre Probleme und die daraus ableitbaren Interessen zu ermitteln und in entsprechende Politikangebote umzusetzen, die diese Bevölkerungsgruppen letztlich so überzeugt, dass sie wieder zur Wahl gehen. Denn wenn es die etablierten Parteien nicht tun, besteht die Gefahr, dass es radikale Parteien versuchen.

Demokratie und Pluralismus auf Wahlplakaten (2017) ©Andreas Düllick

Die Aufgabe der Demoskopen ist es, die ermittelten Zahlen auch richtig zu deuten. Die Daten müssen gewichtet werden, jedes Institut hat da seinen eigenen Schlüssel? Welche mathematischen Erfahrungswerte nutzen Sie?

Umfragen basieren in der Regel auf einer repräsentativen Zufallsauswahl. Wir bitten jede Woche tausend, zweitausend nach Zufallsprinzip ausgewählten Menschen um ein Interview. Bei korrektem Verfahren muss die Struktur der befragten Stichprobe in Hinblick auf Alter, Geschlecht etc. der Gesamtstruktur der Bevölkerung entsprechen. Dabei gibt es allerdings immer leichte Abweichungen, die per »Gewichtung« ausgeglichen werden müssen. Wenn wir etwa feststellen, wir haben zu viele ältere Bürger, dann erhalten die älteren Personen in der Stichprobe ein etwas geringeres Gewicht, die jüngeren und mittleren Jahrgänge ein etwas höheres.

Aber nicht alles kann man mit diesem Verfahren ausgleichen. Wir stellten etwa fest, wenn bei Telefonbefragungen nicht auch Mobiltelefone einbezogen werden, haben wir ein wachsendes Problem, junge wahlberechtigte Wähler zu erreichen. Deshalb werden seit Januar im Rahmen des ARD-DeutschlandTrends auch Mobiltelefone in die Befragung einbezogen – mit großem Erfolg: Seither erreichen wir auch wieder in dem erforderlichen Umfang jüngere Personen.

Weitere Herausforderungen bei der Ermittlung der Parteipräferenz, also der Sonntagsfrage sind Fragen wie: Wie festgelegt sind die Wähler auf die jeweils genannte Partei? Gehen sie überhaupt zur Wahl? Und bei wahlwilligen, aber noch unentschiedenen Wählern stellt sich die Frage, ob nicht doch eine gewisse Präferenz für eine Partei feststellbar ist. Über die genannte Parteipräferenz hinaus können also solche Informationen über Parteibindung, Wahlbereitschaft und Wahlalternativen in der Sonntagsfrage Berücksichtigung finden.

Welche dieser Indikatoren wie in die Berechnung einfließt, kann aber von Institut zu Institut variieren. Dabei spielen nicht zuletzt auch Erfahrungswerte eine Rolle. So ist beispielsweise bekannt, dass sich Wähler rechtsradikaler Parteien nur ungern outen. Deshalb können die Wahlchance rechtsradikaler Parteien nicht nur über die Frage der Parteipräferenz, sondern durch Einbezug weitergehender Indikatoren ermittelt werden. Das gelang uns in der Vergangenheit sehr gut wie etwa in Sachsen oder in Mecklenburg-Vorpommern, wo die NPD zuletzt tatsächlich den Sprung ins Parlament schaffte.

Auch eine Art Wahlplakat (2017!) ©Andreas Düllick

Wenn man Ihren Zahlen glauben darf, ist es momentan so: 67 Prozent der Deutschen sind mit der Arbeit der Bundeskanzlerin zufrieden. SPD Kanzlerkandidat Peer Steinbrück gewinnt zwar dazu, liegt aber bei 35 Prozent. Was macht Angela Merkel richtig und was macht Peer Steinbrück falsch?

Sowohl Angela Merkel als auch Peer Steinbrück werden als kompetente Politiker geschätzt. Die Bundeskanzlerin hat allerdings den großen Vorteil, dass sie ihre Kompetenz täglich im Amt bestätigen kann. Das ist ihr insbesondere im Bereich der Außen- und Europapolitik sehr gut gelungen. Dabei spielte insbesondere ihre Rolle bei der Bewältigung der Eurokrise eine maßgebliche Rolle. Vor zwei Jahren, als die Eurokrise ihren Anfang nahm, lagen ihre Zustimmungswerte zum Teil noch deutlich unter 50 Prozent. In dem Maße wie sich die Eurokrise aber in den Fokus der Politik schob, in dem Maße stieg die Zustimmung zur Merkels Politik. Diese Zustimmung fußt ganz wesentlich auf dem mehrheitlichen Vertrauen, dass Merkel die Eurokrise erfolgreich eindämmt.

Natürlich spielt dabei auch eine Rolle, dass die deutsche Wirtschaft trotz Krise deutlich besser dasteht, als in den meisten anderen EU-Staaten. Dies wird auch Merkels CDU zugutegehalten, der in Sachen Wirtschaftskompetenz weit mehr Vertrauen geschenkt wird als anderen Parteien. In vielen anderen Politikfeldern überwiegt aber die Kritik an der Bundesregierung, denken Sie nur an das Betreuungsgeld oder der Umgang mit den Banken. Merkels Ansehen konnte das allerdings wenig anhaben.

Steinbrück hatte lange Zeit durchaus vergleichbare Zustimmungswerte wie Merkel. Nicht zuletzt deswegen hat sich die SPD ja auch für ihn als Kanzlerkandidaten entschieden. Er hatte in der großen Koalition ja auch bewiesen, dass er als Krisenmanager mit schwierigen finanziellen Situationen umgehen kann. Er hatte allerdings einen etwas unglücklichen Start als Kanzlerkandidat, was bis heute nachwirkt. Es ist nicht einfach, da wieder langsam nach oben zu kommen, aber, es scheint jetzt langsam zu gelingen. Die Kanzlerin wird allerdings immer einen gewissen Bonus haben, das ist normal in der Politik. Aber, es gibt für die Opposition, ausreichend Möglichkeiten, auf Schwächen der Regierung hinzuweisen und Gegenkonzepte vorzulegen.

Es gibt ja momentan eine Reihe aktueller Problemfelder: die Diskussion um den Datenschutz und NSA, die Drohnen-Affäre oder den Umgang mit Steuerflüchtlingen. Daraus ergeben sich Angriffsmöglichkeiten für die Opposition. Wir haben noch sieben Wochen intensiven Wahlkampf vor uns. Jetzt beginnt die heiße Phase des Wahlkampfes, und dann steigt erfahrungsgemäß die Wahrnehmungsbereitschaft der Bürger für Politik.

“Grünen”-Chefin Kathrin Göring-Eckhardtl, im Interview ©Andreas Düllick

Ich habe gerade mit der Spitzenkandidatin der Grünen, Katrin Göring-Eckardt, gesprochen, die war sehr optimistisch! 

Die Grünen haben ein Themenfeld, das die Bürger seit langem ziemlich umtreibt, und wo sie den Grünen nach wie vor die weitaus größte Kompetenz zuschreiben: der Umweltschutz. Hinzu kommt die Energiewende, eine gigantische Aufgabe, die sich die deutsche Politik gestellt hat. Das wird sich nicht von alleine regeln, da muss die Politik die richtigen Weichen stellen. Und da haben die Grünen eine große Chance, denn auch in diesem Bereich werden ihnen die größten Kompetenzen zugeschrieben.

Darf ein Meinungsforscher parteiisch sein?

Als Person natürlich, als Wahlforscher nicht. Infratest dimap und die Forschungsgruppe Wahlen, die ja für die öffentlich-rechtlichen Anstalten die Wahlberichterstattung begleiten, tun sicherlich gut daran, eine deutliche Parteiferne an den Tag zu legen. Ich denke, das gelingt uns auch ganz überzeugend, und das ist auch richtig so. Allerdings ist es natürlich nichts Schlimmes, wenn man als Forscher für Regierungen oder für Parteien arbeitet. Parteien sind wichtige Träger der politischen Willensbildung in einer Demokratie. Und insofern ist es absolut legitim, dass man auch Parteien beispielsweise dabei unterstützt, Wähler zu motivieren, zur Wahl zu gehen.

Wie läuft der 22. September bei »Infratest dimap« ab?

Das ist ein bis ins Detail sehr festgelegter Tagesablauf bei uns. Der beginnt schon sehr früh. Von 8 Uhr morgens an werden den ganzen Tag über die Wähler*iinnen nach dem Verlassen der ausgewählten Wahllokale befragt. Wir führen diese Wahltagsbefragungen durch, damit die ARD am Abend um Punkt 18 Uhr das Wahlergebnis sehr, sehr präzise vermelden kann.

Diese 18-Uhr-Prognose und die nachfolgenden Hochrechnungen von Infratest dimap und der Forschungsgruppe Wahlen bilden eine wichtige Grundlage für die gesamte Wahlberichterstattung am weiteren Wahlabend. So eine Wahlberichterstattung muss von den Forschungsinstituten gut und vor allem lange im Vorhinein geplant werden. Bei einer Bundestagswahl müssen immerhin 100.000 Interviews innerhalb von nur zehn Stunden durchgeführt werden. Diese Interviews müssen in Echtzeit übermittelt, geprüft und die Daten rechtzeitig zu einer Prognose verarbeiten werden. Das ist alles andere als trivial, denn es setzt eine präzise Vorbereitung und eine aufwendige Logistik voraus. Also, dieser Tag ist gut gefüllt bei mir, und es ist vor allem für alle Beteiligte ein sehr, sehr langer Tag. Das geht bis weit über Mitternacht hinaus. Denn wir müssen das amtliche Wahlergebnis auf jeden Fall abwarten, und das kann dann schon mal bis ein, zwei oder drei Uhr frühmorgens dauern.

Kaufen und lesen sie soziale Straßenzeitungen wie z. B. den strassenfeger?

Ja, nicht nur den strassenfeger. Ich finde die Lektüre auch immer ganz spannend. Diese Zeitungen geben Einblick in eine Bevölkerungsgruppe, die bei uns Wahlforschern ein wenig aus dem Blickfeld zu geraten droht, weil viele Obdachlose nicht an Wahlen teilnehmen.

Hinzu kommt, dass diese Gruppe für uns mittels Umfragen nur schwer erreichbar ist. Aber es ist trotzdem eine sehr wichtige Gruppe, weil sich dort eine ganze Reihe von sozialen Problemen zusammenballt. Und soziale Probleme sind natürlich auch der Nährboden für Politik, da sind Regierung und Parteien gefordert. Und insofern ist das natürlich auch für uns eine spannende Klientel.

Können sie sich vorstellen, eine repräsentative Leserumfrage zum Thema strassenfeger oder generell zu Straßenzeitungen zu machen?

Eine Umfrage zum Thema ‚Obdachlosigkeit’ gehört sicherlich zu den komplizierteren Aufgaben, denn das erfordert eine besondere Zugangsweise. Es gibt leider sehr wenige Umfragen, die sich mit Obdachlosen auseinandersetzen. Eine Befragung bei Lesern von Straßenzeitungen durchzuführen, das wäre ebenfalls eine Herausforderung, aber eine machbare, und auch ein ganz spannendes Feld für uns.

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