Babette Brühl “Der liebende Blick”

„Perspektiven anbieten durch Berühren“

Ein Grußwort zur Ausstellung “Der liebende Blick” von Babette Brühl

von Andreas Düllick

Die Münchner Malerin Babette Brühl beim Flashmob mit Bildern aus ihrer Straßenkinder-Serie “Der liebende Blick” auf dem Berliner Alexanderplatz ©Andreas Düllick

„Mich faszinieren diese eigenwilligen Persönlichkeiten, ihre Verschiedenheit, ihr ausgeprägter Charakter. Deswegen fing ich an, sie zu zeichnen und zu malen und suchte ihren Blickkontakt, um einzutauchen in das, was wir Seele nennen und was uns vielleicht mit allem verbindet und uns zugleich einzigartig macht.” Babette Brühl

Vernissage von Straßenkinder-Bildern von Babette Brühl im Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend ©Andreas Düllick

„Kunst ist Waffe!“ Unter dieser Maxime nahm Wolf (Arzt, Schriftsteller und Kommunist) Stellung zu den brennenden Problemen seiner Zeit. Diese Maxime wird heute leider viel zu selten angewandt. Die Malerin Babette Brühl tut es nun, schlägt dabei aber mit ihrem Konzept „Der Liebende Blick“ eine sehr feine Klinge. Denn Kunst kann, wenn sie denn nicht nur einfach so agitatorisch daherkommt, sondern in einem schönen Gewande, will sagen anspruchsvoll und gelungen umgesetzt wird, viel, ja sehr viel bewegen. Menschen lassen sich gern in ihrem Innersten anrühren, berühren. Babette Brühl hat das zärtliche Gefühl, das schon Hermann van Veen in einem seiner wohl anrührendsten Lied besungen hat. Sie hat ein zärtliches Gefühl für diese Kinder, Straßenkinder, die uns oft schon so erwachsen scheinen, aber meist noch Kinder sind und seien wollen, weil sie um ihre Kindheit betrogen worden.

Babette Brühls Maxime lautet: „Perspektiven anbieten durch berühren.“ Genau das macht sie in ihren Arbeiten mit und über Straßenkinder, seien es die „Goldkinder“ oder die Porträts zur Serie „Der liebende Blick“. Sie könnte zornig sein, traurig und verbittert. Straßenkinder sind, zornig, hart, grob, provozierend, dreckig, versoffen verdrogt, verzweifelt. In frühester Kindheit wurden sie vernachlässigt, gedemütigt, geschlagen, missbraucht, (v)erzogen, ihre zarten Seelen gebrochen. Sie haben alles Recht der Erde dazu, sehr wütend zu sein. Fight for your right!

Vernissage von Straßenkinder-Bildern von Babette Brühl im Bundesministerium für Familie, Senioren, Jugen und Kindern ©Andreas Düllick

Sicher ist Babette Brühl auch sehr oft zornig und traurig. Aber in ihrer Kunst geht sie einen anderen Weg, viel subtileren Weg. Sie entdeckt nicht nur den liebenden Blick der Straßenkinder, sie selbst hat ihn, diesen liebenden Blick. Ist das die Dialektik in ihrer Kunst? Sie selbst meint dazu: „Der erhobene Zeigefinger ist ’ne echte Gefahr. Und Bilder, die zu sehr in Mitleidenschaft ziehen wollen, haben das auch. Schönheit bringt da Balance. Wenn ich schreibe, muss ich aufpassen vor einen moralisierenden Unterton.“ In ihren Bildern moralisiert die engagierte Künstlerin keinesfalls. Im Gegenteil: Sie zeigt, was möglich ist, wenn man genauer hinschaut, über den ersten, flüchtigen Eindruck hinauskommt. Wenn man nicht nur die Härte des Lebens auf der Straße in diesen jungen, aber oft schon so alt aussehenden Gesichtern entdeckt, sondern diesen Glanz, dieses Strahlen, diese Liebe, die sich dahinter verbergen.

Babette Brühl erregte mit ihren Bildern auf dem Alexanderplatz großes Aufsehen  ©Andreas Düllick

Straßenkinder sehnen sich sehr nach Liebe, Zuneigung, Wärme, Geborgenheit. Sie sind klug, talentiert, voller Liebe, sind sehr sozial, haben Sehnsüchte, Hoffnungen, Wünsche und Pläne. Sie wollen lernen. Sie wollen ihren Platz in einer besseren Gesellschaft finden. Wir müssen sie nur lassen. Und – wir müssen sie dabei nach Kräften unterstützen. Nicht mit eiserner Disziplin und penibler Ordnung, mit starren Regeln und Härte, nicht mit unaushaltbarem Druck und unabänderlichen Gesetzen, sondern mit Liebe, sehr viel Liebe, mit Verständnis und mit sehr großem Vertrauen. Straßenkinder sind sehr wertvoll, denn sie zeigen uns auf ihre, uns oft so verstörende Weise, was alles so schief läuft in unserer reichen Gesellschaft.

Kann Kunst Sinn stiften? Ja, davon bin fest überzeugt. Und ich bin auch davon überzeugt, dass Babette Brühl mit ihren hier präsentierten Bildern von Straßenkindern ganz unbedingt Sinn stiftet. Doch es ist mehr als das. Babette Brühl will einwirken auf die gesellschaftlichen Verhältnisse. Um an deren Veränderung teilzuhaben, stellt die Malerin dazu dem ästhetischen Engagement das politische an die Seite. Sie bezieht ganz klar Stellung zu den brennenden Problemen ihrer Zeit.

“Der liebende Blick” von Babette Brühl auf dem Berliner Alexanderplatz ©Andreas Düllick

Ich traf Babette Brühl zum ersten Mal bei der Aktion „Gesicht zeigen!“ am 21. September 2015 auf dem Berliner Alexanderplatz. Ich war damals Chefredakteur des sozialen Straßenmagazins „strassenfeger“, und na klar, es war mir ein Bedürfnis, über diese wichtige politische Aktion im „strassenfeger“ zu berichten. An diesem Septembertag wurde der Berliner Alexanderplatz für einige Minuten zur Open-Air-Galerie. Rund um die Weltzeituhr präsentierte Babette Brühl gemeinsam mit Straßenkindern und den Mitarbeitern des KARUNA Zukunft für Kinder und Jugendliche in Not e.V. in einer Art Flashmob überlebensgroße Porträts von Straßen- und Flüchtlingskindern. Berlin ist „Lebensort“ vieler wohnungsloser Kinder und Jugendlicher und Zufluchtsort für minderjährige, unbegleitete Flüchtlinge. Babette Brühl hat sie mit ihrem liebenden Blick gemalt.

Normalerweise trifft man dort am Alex versoffene Drogenjunkies, die in Punkklamotten mit ihren Hunden rumhängen und Passanten ganz ungeniert anschnorren. Punk aus’m Ghettoblaster, ’ne Pulle billigen Korn in der Mitte. So ist es oft wirklich, vieles ist aber auch nur billiges Klischee, das die Medien gern bedienen, wenn es um Straßenkinder geht. Nun also engagierte Straßenkinder, die Flagge zeigen. Die Ihre Gesichter präsentieren. Wunderbar. Allerdings: Am Alex finden oft solche Aktionen statt. Die Berliner und ihre Gäste kennen das, haben sich längst daran gewöhnt. Meist nehmen sie es ungerührt zur Kenntnis. Doch diesmal geschah etwas durchaus Ungewöhnliches, das, was die Macher sich zwar erhofft hatten, mit dem sie aber nicht unbedingt gerechnet hatten. Mensche hielten inne, schauten sie diese großformatigen Porträts an, sprachen die Straßenkinder und Babette Brühl auf die Bilder an, ließen sich informieren, waren begeistert. Ich sagte es doch oben bereits: „Kunst ist Waffe!“

Ich engagiere mich mittlerweile ehrenamtlich bei KARUNA – Zukunft für Kinder und Jugendliche in Not e.V., bin Gründungsmitglied der KARUNA Sozialgenossenschaft mit Familiensinn e.G. und berate MOMO – The Voice of disconnected Youth. Es macht mir extrem viel Spaß, mit diesen so liebenswerten, klugen und hoffnungsvollen Straßenkindern zusammenzuarbeiten. Im Gegensatz zu den erwachsenen Obdachlosen gibt es so viel Hoffnung, dass viele Kids sich doch befreien können von der unerträglichen Last des Lebens auf der Straße. Es ist nicht immer einfach, es klappt nicht immer alles, der Weg ist nicht immer gradlinig. Manche scheitern auch. Aber die Hoffnung ist groß. Und die Liebe.

Babette Brühl ©Andreas Düllick

Deswegen finde ich es so extrem wichtig, dass es Menschen, Künstler wie Babette Brühl gibt. Denn sie hat ihn, den liebenden Blick. Und: Ihre Kunst ist Waffe, wenn auch eine sehr subtile. Sie geht uns ans Herz, berührt uns, bewegt uns. Regt uns zum Nachdenken an. Und zum Handeln. Was kann und will Kunst mehr?!

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