Kilian Kleinschmidt – the «humanitarian disruptor»

»Wir müssen weg von der Hilfsmaschinerie«

Kilian Kleinschmidt © Martin Kath

Der Deutsche Kilian Kleinschmidt leitete eines der größten Flüchtlingslager der Welt. Klassische humanitäre Flüchtlingsarbeit hält er für den falschen Weg. Das amerikanische (Forbes Österreich) Wirtschaftsmagazin Forbes nennt ihn einen «humanitarian disruptor», einen humanitären Störer, weil er das System und Businessmodell von Charity in Frage stellt. Nun will er Wirtschaftlichkeit ins Flüchtlingslager holen.

Interview: Andreas Düllick

Herr Kleinschmidt, Schlagwörter wie Flüchtlingskrise beherrschen unseren Alltag. Handelt es sich tatsächlich um eine Krise?

Kilian Kleinschmidt: Wenn sich etwas verändert, empfindet man das immer als ein Problem. Wir machen es in unseren Köpfen zu einer Krise, in unserer Berichterstattung. Im Grunde ist es ja keine Krise, wenn eine Million Menschen nach Europa kommen. Im Jahr kommen 220 Millionen Touristen aus allen möglichen Ländern zu uns. Das sind zwar keine Menschen, die sich bei uns niederlassen wollen, aber diese 220 Millionen verarbeiten wir logistisch. Der Frankfurter Flughafen fertigt täglich tausende Reisende an einem Tag ab, große Festivals bewältigen ebenfalls immens viele Menschen. Aber wir – Europa – Deutschland – haben es nicht geschafft, mit einer Million geflüchteter Menschen logistisch umzugehen. Wir haben sie nicht einmal erfasst. Das hat einigen Menschen Angst gemacht.

Roland Jahn – Interviews

Sehnsucht nach Freiheit – Widerstand gegen die SED-Diktatur – Anwalt der Opfer

Roland Jahn – der neue Stasi-Unterlagen-Beauftragte im Interview

 INTERVIEW & FOTOS: Andreas Düllick

Der Beuaftragte für die Unterlagen des Staatsicherheitsdienstes der DDR, Roland Jahn, beim Interview mit Andreas Düllick ©Andreas Düllick

Am 28. Januar 2011 hat der Deutsche Bundestag Roland Jahn zum neuen Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR (BStU) gewählt. Der Bürgerrechtler und ARD-Journalist trat am 15. März 2011 die Nachfolge von Marianne Birthler an. Roland Jahn, 1953 in Jena geboren, kennt das Unrechtssystem in der DDR aus eigener Erfahrung. Seine regimekritische Haltung führte schließlich zu seiner Verhaftung und 1983 zu seiner Ausbürgerung aus der DDR.

Gregor Gysi – Interview

»Die Linke muss den Zeitgeist verändern.« – Gregor Gysi, Die Linke

INTERVIEW & FOTOS: Andreas Düllick

Gregor Gysi beim Interview in seinem Fraktions-Büro der Linken ©Andreas Düllick

»Frieden, soziale Gerechtigkeit und die Angleichung von Ost und West und von Frauen und Männern. Das sind die Dinge, für die die Linkspartei steht.« (Gregor Gysi)

Gregor Gysi ist klug, witzig und charmant. Er ist das Gesicht der Linkspartei. Unermüdlich ackert er auf unzähligen Veranstaltungen im ganzen Land für die Linke. Ohne ihn stünde die Partei längst nicht so gut da. Seit 2005 leitet er als Vorsitzender die Linksfraktion im Deutschen Bundestag. 2013 ist wieder Spitzenkandidat seiner Partei für die Bundestagswahl am 22. September. strassenfeger-Chefredakteur Andreas Düllick sprach mit dem charismatischen Spitzenpolitiker der Linken über Wahlaussichten, Strategiewechsel, mögliche Bündnisse und das Leben nach der Partei.

Frank Bsirske (ver.di) – Interview

„Gute Arbeit – das ist eines unserer zentralen Themen“

Frank Bsirske, Chef der zweitgrößten deutschen Einzelgewerkschaft, ver.di

TEXT & FOTOS: Andreas Düllick

Frank Bsirske in seinem Büro im ver.di-Tower ©Andreas Düllick

Vor drei Wochen hat ver.di den Flugverkehr in Deutschland mit einem 24-stündigen Warnstreik fast komplett lahmgelegt. Die rund 33.000 Beschäftigten erstreikten sich bei Lufthansa Systems, der Lufthansa Technik und Lufthansa Cargo 4,7 Prozent mehr Gehalt, bei der Lufthansa AG in Höhe von 3,0 Prozent. Die Vereinbarung hat eine Laufzeit von 26 Monaten. Für alle Beschäftigten der Lufthansa wurde der Ausschluss betriebsbedingter Kündigungen für die Dauer des Tarifvertrages vereinbart. Bei Überleitung in andere Gesellschaften sind die Beschäftigten bis Oktober 2020 vor Entlassungen geschützt. Frank Bsirske ist Chef von ver.di, der zweitgrößten deutschen Einzelgewerkschaft. Bsirskes Wort hat Gewicht. Gerade in einem so wichtigen Jahr wie diesem, in dem im Herbst die Wahl zum Bundestag ansteht. Die ver.di-Mitglieder könnten der einen oder anderen politischen Partei zum Wahlsieg verhelfen oder sie auf die Oppositionsbank schicken. strassenfeger-Chefredakteur Andreas Düllick sprach mit Frank Bsirske über Streiks, politische Parteien und die Bundestagswahl.

Daniel Domscheit-Berg – Interview

Daniel-Domscheit-Berg auf der Share Conference 2012 in Belgrad (Quelle: SHAREconference/Wikipedia)

»Es wächst wie ein Krebsgeschwür immer weiter«

Daniel Domscheit-Berg, Macher von »OpenLeaks«

INTERVIEW: Andreas Düllick

Der deutsche Informatiker Daniel Domscheit-Berg war Sprecher der Internetplattform »WikiLeaks«. 2010 verließ er dann im Streit mit WikiLeaks-Chef Julian Assange die Plattform. Seither arbeitet er an einer neuen Transparenzplattform namens OpenLeaks, die kontrollierter vorgehen und mit Medien kooperieren soll. Er ist seit 2012 Mitglied der Piratenpartei. Andreas Düllick sprach für den strassenfeger mit Daniel Domscheit-Berg über die Rundumausspähung durch die Geheimdienste.

Der Reisepass – Hintergründe

Achtung, Passkontrolle!

Ohne Reisepass geht fast nichts, wenn man Fernweh hat

TEXT: Andreas Düllick

 

Schild “Passkontrolle” im Uetersener Stichhafen an der Pinnau. (Quelle: Huhu Uet/Wikipedia)

„Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen. Drum nähme ich den Stock und Hut und tät das Reisen wählen.“ (Matthias Claudius 1740 – 1815)

Schon mancher Reisende hat in übergroßer Vorfreude vergessen, seinen Pass einzustecken oder aber ein Visum zu beantragen. Da ist das Entsetzen gros, wenn der Grenzbeamte bei der Abfertigung streng nach den gültigen Reisedokumenten fragt. Schon manche Reise endete so, bevor sie überhaupt richtig begonnen hatte. Und an allem ist nur dieser Reisepass Schuld. Wo kommt er aber eigentlich her, dieser Pass? Und wieso müssen sich Menschen beim Grenzübertritt in andere Länder überhaupt ausweisen? Und wieso versuchen die Staaten ihre und fremde Bürger*innen zu identifizieren?

Mehrere Autoren haben sich dankenswerter Weise mit der Geschichte des Reisepasses gründlich beschäftigt. Andreas Reisen (Ein Schalk, wer Böses bei dem Namen denkt!), seit 2005 Leiter des Referates Pass- und Ausweiswesen, Identifizierungssysteme, führte mit seinem Team 2005 den elektronischen Reisepass und 2010 den neuen Personalausweis im Scheckkartenformat in Deutschland ein. Er untersucht in seinem Buch „Der Passexpedient“ akribisch die Geschichte der Reisepässe und Ausweisdokumente vom Mittelalter bis zum Personalausweis im Scheckkartenformat. Thomas Claes studierte Geschichte und Islamwissenschaften in Bochum und Tours und arbeitet u.a. als freier Historiker. In seinem Buch „Passkontrolle“ beschreibt er die Geschichte des sich Ausweisens und des Erkanntwerdens. Und auch beim Internetlexikon Wikipedia findet sich viel Spannendes und Amüsantes zum Thema ‚Reisepass‘. strassenfeger-Chefredakteur Andreas Düllick fragte bei Thomas Claes mal etwas genauer in Sachen ‚Reisepass‘ nach.

Gewalt in Berlin – Interview

Zu Tode geprügelt, auf offener Straße angeschossen, über den Haufen gefahren

Tödliche Gewalt in Berlin eskaliert

TEXT: Andreas Düllick

Gedenktafel für Johnny K. an der Rathausstraße 13, in Berlin-Mitte (Quelle: OTFW, Berlin, Wikipedia CC BY-SA 3.0)

Kaum ein Tag vergeht zurzeit in Berlin, ohne dass es Schlagzeilen wie diese gibt: „Schläger prügeln Mann ‚aus nackter Mordlust‘ fast tot“. Eine Gruppe türkischer Männer hatte zuvor mitten auf dem Alexanderplatz einen 20 Jahre jungen Mann niedergeschlagen und den am Boden Liegenden so stark gegen den Kopf getreten, dass er schwerste Schädelverletzungen erlitt. Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) sprach in diesem Zusammenhang von einer nicht mehr hinnehmbar sinkenden Schwelle zur Gewalt.

„Mordanschlag am Alexanderplatz. Wieder Schüsse in Berlin: Opfer muss notoperiert werden…“, schrieb Focus online am 7. Oktober 2012. Weiter hieß es: „Die zweite Nacht in Folge ist in der Berliner Innenstadt ein Mann mit einem Schuss lebensgefährlich verletzt worden – dieses Mal am Alexanderplatz. …“

„Wer hat Anabell S. totgefahren?“, titelte die BZ am 21. September 2012. „Anabell wurde am Stralauer Platz totgefahren. Im Unfallauto saßen Zwillingsbrüder. Sie bestreiten die Tat.“ Die Medizinstudentin war auf dem Platz vor dem Ostbahnhof von einem Opel-Transporter überfahren worden, der Augenzeugen zufolge das auf der rechten Spur haltende Taxi verkehrswidrig über den Radstreifen überholt hatte. Für Anabell kam jede Hilfe zu spät. Am Steuer des Unfallautos: Einer von zwei polizeibekannten Brüdern, von denen keiner gefahren sein will. Denn Miriton und Cocaj E., beide 18 Jahre alt, sind Zwillinge, schrieb die BZ weiter.

Über die tödlichen Gewaltexzesse in Berlin sprach strassenfeger-Chefredakteur Andreas Düllick mit dem Geschäftsführer der GdP in Berlin, Klaus Eisenreich.

Heiner Keupp – Über Armut

Angst essen Seele auf oder der Sozialismus der dummen Leute

Opferrolle ablegen, Gegenstrategien entwickeln! ©Andreas Düllick

Interview mit Prof. Dr. Heiner Keupp

Düllick: Es gibt ein geflügeltes Wort: Die Bundesrepublik ist ein reiches Land. Man könnte also meinen, wunderbar, es geht uns allen super. Das scheint aber in der Realität so nicht ganz zuzutreffen, gerade wenn man sich heute auch Ihren Vortrag hier auf dem Armutskongress in Berlin angehört hat?

Prof. Dr. Heiner Keupp: Was ich beobachte und was ich auch empirisch belegen kann ist, es gibt eine hohes Angstpotenzial in diesem reichen Land. Erstaunlich! Wenn es einem so gut geht, wovor hat man dann eigentlich Angst? Die Angst kommt daher, dass viele von den Dingen, die sich in den vergangenen dreißig, vierzig Jahren im Zuge einer globalisierten, kapitalistischen Gesellschaft entwickelt haben, die Sicherheit, die vertrauten Abläufe vieler Menschen in Frage gestellt haben. Und sie erleben heute auch, dass man ganz schnell aus einem gesicherten Status abrutschen kann. Das hat man oft im eigenen Bekanntenkreis erlebt, dass jemand nach einer Trennung seine Wohnung verloren hat und in die Obdachlosigkeit reingerutscht ist. Das sind Ängste, die ein gefährliches Potenzial sein können. Das betrifft vor allem Menschen aus der Mittelschicht, die bislang einigermaßen gesicherte Lebensbedingungen hatten.

Ulrich Schneider – Über Armut

ZEIT ZU(M) HANDELN!

12,5 Millionen Menschen in Deutschland gelten als arm

Dr. Ulrich Schneider, Geschäftsführer Gesamtverband der Parität Opferrolle ablegen, Gegenstrategien entwickeln!

12,5 Millionen Menschen in Deutschland waren 2014 arm. Das sind 15,4 Prozent der gesamten Bevölkerung, bei den Kindern und Jugendlichen waren es sogar rund 19 Prozent. Als arm gilt, wer weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens hat. Spitzenreiter war das Bundesland Bremen, das mit einer Armutsquote von 24,1 Prozent deutlich über dem bundesdeutschen Schnitt liegt. Aber auch in Niedersachsen ist die Situation sehr ernst, dort betrug die Quote 15,8 Prozent, in der Landeshauptstadt Hannover gar 19,6 Prozent! (Region Osnabrück 14,8 Prozent, Landkreise Goslar und Göttingen 19,2 Prozent) Millionen von Menschen werden dadurch ausgegrenzt und in Subkulturen abgedrängt. Das ist das Ergebnis des aktuellen Armutsberichts des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes, der am 23. Februar vorgelegt wurde.

Andreas Düllick sprach mit Dr. Ulrich Schneider, Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes, über Armut in Deutschland und speziell auch in Niedersachsen.